Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 02.06.2019


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Ein grüner Kraftort ohne Strom und Stress

Einige Reisende kehrten nie aus der Oase Siwa zurück. Das liegt nicht an den Gefahren der ägyptischen Wüste, sondern an dem Ort, der dem Märchenbuch entsprungen zu sein scheint.

Es ist immer ein Schauspiel, wenn sich die grüne Oase im Salzsee spiegelt.

© iStockphotoEs ist immer ein Schauspiel, wenn sich die grüne Oase im Salzsee spiegelt.



Schasli braucht keine Worte. Als ein Freund ihm einen Klaps auf den Hinterkopf gibt, formt er mit seinen Händen eine Pyramide. „Aggressiver Ägypter“ bedeutet das und ist hier in der Oase Siwa – fernab des Nils mitten in der Sahara – durchaus als ernst gemeinte Beleidigung zu verstehen. Denn der Gehörlose, der in einem Café arbeitet und seine eigene Gebärdensprache erfunden hat, ist vom Volksstamm der Berber. Die haben nicht nur eine eigene Identität, sondern in der märchenhaften ägyptischen Oase auch eine besondere Bindung zur Natur.

Für das Zeichen für „Siwa“ beugt Schasli sich deshalb nach vorn, richtet beide Arme auf den fruchtbaren Boden, als wolle er durch ihn hindurch auf die Wurzeln seiner Existenz zeigen. Wir sind hier, und dieser Ort, der gehört zu uns: Das ist die Botschaft.

Siwa zieht nicht nur seine Bewohner, sondern auch Reisende an. Die grüne Insel, die sich über eine Länge von 80 km und eine Breite von 2–20 Kilometer erstreckt, ist weit weg von den Metropolen Kairo und Alexandria, so dass sich Touristen in einer anderen Welt und auch Zeit wähnen.

Gekommen, um zu bleiben

So steuerte das Leben von Leigh Ann Titus ohne ihr Wissen mitten hinein in diese Parallelwelt, wie die Australierin erzählt. Früher war sie eine Angestellte bei Ölkonzernen und flog in Hubschraubern umher. Heute sitzt Titus in einem Café am Rand der historischen Festung Schali und trinkt Tee. Die Wände sind glatt verputzt, Ventilatoren surren über blauen Tischen.

„Die Energie an diesem Ort ist im Boden verankert“, schwärmt Titus. Sie stehe fest wie ein Fels. Für sie begann alles mit einem Urlaub, erzählt die Frau. Ende 2010 besuchte sie das Land am Nil und wollte anschließend nicht mehr ins Flugzeug nach Hause steigen. Sie folgte, sagt sie, einer Intuition und landete in der Oase.

Dann begannen in Kairo die blutigen Proteste der arabischen Aufstände, das Land war im Ausnahmezustand. Titus blieb im beschaulichen Siwa. Erst zur Sicherheit, später aus Liebe. Klischees über den Zauber von Oasen sind zur Genüge strapaziert worden.

Doch wenn sich die Lehmbauten und Palmenhaine nach etlichen Stunden Fahrt auf ruckligen Straßen aus dem Saharasand erheben, kommt der Besucher auf den Gedanken, dass diese Abziehbilder des so genannten Orients hier in Siwa entstanden sein müssen.

Mit einem Mal weicht die Lebensfeindlichkeit einem Dickicht aus Dattelpalmen, deren Kronen einen grünen Teppich bilden, über dem ein antiker Lehmtempel thront. Dahinter die flachen Salzseen, die kitschige Sonnenuntergänge spiegeln, bevor das scheidende Licht nur noch ein schwaches Glühen auf den dramatischen Felskonturen um Siwa hinterlässt. Wenn es Nacht wird und die Milchstraße sich ungewohnt deutlich über dem Städtchen mit seinen etwa 20.000 Einwohnern abzeichnet, herrscht oft eine fast vollkommene Stille.

Die Eco-Lodges um die Seen haben oft keinen Strom, das Licht kommt von grob gerollten Kerzen oder Fackeln. Für Handyauflader gibt es keine Verwendung. „Kein Internet, kein Telefon. Die Leute kommen hierher wegen der Ruhe. Um mal an nichts zu denken, nicht an Arbeit, nicht an Stress“, sagt Hotelmanager Mohammed Gigal, als er am Morgen durch die Gemüsebeete streift. Das Essen stammt hier aus eigenem Anbau.

Die Türen der Luxus-Herberge „Adrére Amellal“ sind aus grobem Palmholz, dahinter liegen riesige lehmgeformte Zimmer mit Betten aus den massiven Salzplatten der Seen. Doch die 42 Räume sind dieser Tage oft leer. Vor wenigen Tagen war noch eine Truppe internationaler Diplomaten hier, wo einst auch schon Prinz Charles geschlafen hat. Seit den arabischen Aufständen 2011 hat der Tourismus in Ägypten es nicht leicht, gerade in einem Ort wie Siwa, der nur 50 Kilometer von der libyschen Grenze entfernt liegt. „Die Armee passt hier gut auf und überwacht die Wüste“, sagt Gigal. Die Statistik gibt ihm Recht: Auch wenn die Gebiete abseits der Städte nicht immer sicher sind, herrschte in Siwa in den vergangenen Jahren Ruhe.

Eine 2700 Jahre alter Mythos

Der Mythos Siwa geht Jahrtausende zurück. Seinen Aufstieg als Knotenpunkt für den Karawanenhandel habe es nach der ersten Eroberung des Niltals durch die Assyrer vor knapp 2700 Jahren gemacht, erklärt Baghi. Damals sei das Gebiet um den Nil nicht sicher gewesen. „Deshalb florierte der Handel aus Mittelafrika zum Meer über Siwa.“ Aus dieser Zeit stammt der griechische Einfluss, der sich in den Hieroglyphen der Gräber spiegelt. Die Berber grenzen sich gerne von den Ägyptern aus der Hauptstadt und von anderswoher ab – so wie der Gehörlose Schasli mit seinem Pyramiden-Zeichen. Ihre Bräuche, Kleidung oder Schmuck entstammen wie auch ihre Vorfahren aus Tunesien, Algerien oder Marokko.

Siwa ist ein exotischer Ort. Und das in jeder Hinsicht. Es bietet Tempel und Ruinen, herzhaftes Essen und Datteln, die sich direkt vom Baum pflücken lassen. Wanderungen in die Wüste locken genauso wie Bäder in heißen Quellen, natürlichen Pools oder den Salzseen. Siwa sei ein Ort für Reisende und Künstler, sagt Titus. Sie wolle hier bleiben. (APA, dpa)

Die Betten im Luxushotel „Adrére Amellal“ sind aus den Salzplatten des Sees gefertigt.
Die Betten im Luxushotel „Adrére Amellal“ sind aus den Salzplatten des Sees gefertigt.
- APA (dpa/gms/Schwinghammer)