Letztes Update am Sa, 01.06.2019 14:16

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Seychellen: Inseln wie aus dem Märchen

Genug vom Warten auf den Sommer? Auf den Seychellen kann das nicht passieren. Die tropischen Granitinseln mit Palmenwäldern und Riesenschildkröten bieten nicht nur Hitze, auch Liebe liegt in der Luft.

Paradiesische Strände findet man auf vielen der Inseln, hier Cousin Island.

© Jutta Lemcke/www.srt-bild.deParadiesische Strände findet man auf vielen der Inseln, hier Cousin Island.



Schwarze Papageien flöten ihr Tirilie. Eine Kokosnussspinne eilt über den duftig-weichen Dschungelboden. Riesige Wedel formen weit oben ein immergrünes Dach und tauchen den Palmenwald ins Dämmerlicht. Und hier unten passieren fantastische Geschichten. Shaun Larue, einheimischer Naturguide mit wilden Locken und Muschelhalsband, kennt sie alle und streift wie ein exotischer Märchenonkel durchs üppige Grün, um viele Wahrheiten und einige Legenden zu erzählen.

Im Palmenwald Vallée de Mai auf der zweitgrößten Seychelleninsel Praslin ist beispielsweise die geheimnisumwitterte Coco-de-Mer-Palme zu Hause. Genau genommen gibt es zwei sehr unterschiedliche Exemplare: eine männliche mit Blütenständen, die wie ein riesiger Phallus aussieht, und eine weibliche, deren viele Kilogramm schweren Samen einem üppigen weiblichen Becken gleichen. Meist stehen die schlanken Bäume viele Meter voneinander entfernt im Wald und so rätselt jedermann, wie sie wohl zueinanderkommen können.

Die Granitfelsen auf der Insel La Digue sind ein tolles Fotomotiv.
Die Granitfelsen auf der Insel La Digue sind ein tolles Fotomotiv.
- Jutta Lemcke/www.srt-bild.de

Doch wo Liebe ist, ist auch ein Weg. Nachts, wenn es heftig stürmt, so sagt die Legende, ist es so weit: Die Meeresnusspalmen neigen sich zueinander und feiern Hochzeit. Die männlichen Bäume mit ihren langen Blütenständen paaren sich mit den weiblichen – und Palmenkinder werden gezeugt.

Gecko spielt den Vermittler

Die Wissenschafter haben eine andere Theorie. „Lange ging man davon aus, dass der Wind die Pollen überträgt“, sagt Shaun Larue, „doch heute glaubt man, dass Geckos mit ihren Haftfüßen die Stämme hoch- und runterlaufen und für Bestäubung sorgen.“ So oder so ist Shaun dem Zauber dieses Millionen Jahre alten Märchenwaldes erlegen. Sechs Palmenarten sind hier vereint, die es sonst nirgendwo auf der Welt gibt – manche mit Stacheln, andere mit gigantischen Blättern, meterhohen Luftwurzeln und – wie die Coco de Mer – mit Kokosnüssen im XXL-Format. Diese zieren auch den Einreisestempel im Pass und sind ein beliebtes Souvenir von den Seychellen.

300 bis 400 Euro kostet ein lizensiertes Exemplar, das vorher vom Fruchtfleisch befreit und dann leicht wie ein Ball wird. Auf den Seychellen übertreibt die Natur an allen Ecken. Philodendren, Hibisken, Zimtbäume und Gewürzvanille – was woanders gerade mal kümmerlich keimt, wuchert hier.

Service

Beste Reisezeit: Ganzjährig herrscht ein tropisches Klima mit nahezu beständigen Temperaturen zwischen 24 und 30 Grad Celsius. Zwischen November und April bringt der Nordwestmonsun häufig heftige Schauer. In der Zeit des Südostmonsuns (Mai bis Oktober) ist es windiger – gut für Segler und Surfer, weniger gut für Taucher und Hochseeangler.

Sprache:

Offizielle Landessprachen sind Englisch, Französisch und Créole. Touristen können sich auf Englisch gut verständigen. Vor allem die älteren Seychellois freuen sich, wenn sie auf Créole angesprochen werden.

Religion:

Die meisten Seychellois bekennen sich zum Katholizismus, haben jedoch eine eher lockere Beziehung zur Religion.

So wundert es nicht, dass auch die Schildkröten Giganten sind. Vor allem auf der Insel Curieuse schleppen sich die mächtigen Panzertiere raschelnd und schmatzend durch den Wald. Die ehemalige Leprainsel steht heute unter Naturschutz und ist Heimat für rund 300 Aldabra-Riesenschildkröten, die von dem zu den Seychellen gehörenden Aldabra-Atoll stammen. Wer als Besucher auf die sonst unbewohnte Insel kommt, verliebt sich gleich in die behäbigen Urzeittiere, die ihre faltigen Hälse neugierig aus dem Panzer strecken, wenn sie leckere Blätter oder süße Minibananen sehen. Noch länger werden die Hälse, wenn ein Schildkrötentourist mit dem Kraulen beginnt.­ Dann verdreht das Panzertier genüsslich die feuchten dunklen Augen und reagiert mit missmutigem Fauchen, wenn die Wellnessbehandlung abbricht.

Elvis und seine Schildkröten

Die Kolosse werden steinalt. Die älteste ihrer Art lebt auf der Seychellen-Insel Bird Island. Esmeralda bringt 300 Kilogramm auf die Waage und blickt auf rund 200 Lebensjahre zurück. Sie krabbelte schon durch den Dschungel, als noch die französischen Korsaren über das Archipel herrschten, erlebte die britische Kolonialzeit mit und konnte sich über die Unabhängigkeit im Jahre 1903 freuen.

Ganz so betagt sind die Schildkröten an der Anse Takamaka nicht, die unter der Obhut von Elvis Ogony stehen. Der Kenianer pflegt die Tiere im Auftrag des Fünf-Sterne-Resorts Raffles Seychelles, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, kranken und schlecht versorgten Tieren ein neues Zuhause zu geben.

Drei Eimer mit Bananen verschwinden jeden Tag in den gierigen Mündern der Schildkröten. Die meisten der Tiere seien 50 bis 80 Jahre alt, schätzt Elvis. Seine Lieblingsdame ist allerdings schon noch deutlich jünger – so etwa in seinem Alter, Ende dreißig. Sie ist helle im Kopf, sportlich immer als Erste zur Stelle, wenn es Futter gibt, und Elvis insgesamt doch sehr zugetan. Das sieht man sofort, denn immer ist sie an seiner Seite und knabbert an seinem bananenschalengelben Hosenbein. Einen Namen hat die Panzer-Lady allerdings noch nicht, doch Elvis hat da schon ein paar Ideen.

Die Riesenschildkröten der Insel Curieuse können 300 Kilogramm schwer werden.
Die Riesenschildkröten der Insel Curieuse können 300 Kilogramm schwer werden.
- Jutta Lemcke/www.srt-bild.de

Inseln ohne Geldsorgen

Schildkrötenfan ist auch Stefan Lewis, der Gäste des Resorts auf die Nachbarinsel La Digue begleitet. Stefan ist von Barbados, doch er findet die Seychellen deutlich entspannter als seine karibische Heimat. „Vor allem braucht man auf den Seychellen kein Geld“, verkündet er und straft damit allen Vorurteilen über die Inseln der Superreichen Lügen. „Ich habe hier überall Freunde, bekomme hier einen dicken Fisch, dort Mangos, Bananen und Kokosnüsse.“ Ein Auto braucht man auch nicht zu kaufen.

Auf La Digue fahren keine und auf den anderen Inseln sind die Entfernungen so kurz, dass es Bus oder Rad ebenfalls tun. Auch für Kleidung lässt sich nur schwer Geld ausgeben. Nobelboutiquen gibt es nicht und ganzjährige Temperaturen zwischen 24 und 30 Grad Celsius erfordern keine große Ausstattungsbandbreite. Weiße Hemden, so hört man, tragen auf diesen Barfuß-Inseln sowieso nur Versicherungsvertreter.

Zeitvertreib finden Einheimische und Gäste vor allem im Wasser, unter Wasser und an den puderzuckerfeinen Stränden. Und von denen gibt es reichlich. Einige werden regelmäßig zu den schönsten der Welt gewählt. Sie erfüllen alle Kriterien, die an Traumstrände gestellt werden. Die Wellen des Indischen Ozeans plätschern sanft an die von Palmen gesäumten Sandbuchten und im türkis schimmernden Wasser liegen mächtige Granitfelsen, als hätte ein Riese Murmeln hineinkullern lassen. Ein Paradies, zu dem es schwerfällt, ein „Aber“ zu formulieren. Noch nicht einmal gefährliche Tiere sind zu fürchten: keine Moskitos, keine giftigen Schlangen und Insekten und keine gefährlichen Säugetiere. Genau genommen gibt es – außer den eingeführten – überhaupt keine Säugetiere, da sich die Inseln bereits vor Jahrmillionen vom afrikanischen Kontinent abgespaltet haben, zu einer Zeit, als nur Reptilien die Welt bevölkerten.

Flughunde landen am Teller

Keine Säugetiere? Das stimmt nicht ganz. Irgendwann haben es Flughunde, wahrscheinlich von Madagaskar, auf die Seychellen geschafft. Selbst an den Hotelvillen baumeln sie kopfüber an den Dachvorsprüngen. „Die meisten Gäste finden sie niedlich“, sagt Stefan. Doch bei den Insulanern erzeugen sie noch andere Gefühle, nämlich Appetit. Traditionell werden die Tierchen in Curry serviert. Dieser Tradition muss man als Besucher nicht folgen. Eine andere ist da romantischer: Wer die knusprigen Chips aus der Brotfrucht kostet, erhält ein Versprechen – er kommt noch einmal zurück auf die Seychellen. Er kommt zurück ins Paradies.

Hier liegt Liebe in der Luft.
Hier liegt Liebe in der Luft.
- Jutta Lemcke/www.srt-bild.de