Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 08.06.2019


Reise

Tiroler Charme auf hoher See

Der Arbeitsplatz der Axamerin Ingrid Happ liegt zwischen den Trauminseln im Indischen Ozean. Entspannen kann sich die Hotelchefin eines Kreuzfahrtschiffes aber nicht.

Die Axamerin Ingrid Happ mit jungen Passagierinnen, die einen Tag lang an Bord Prinzessin spielen dürfen.

© hauckDie Axamerin Ingrid Happ mit jungen Passagierinnen, die einen Tag lang an Bord Prinzessin spielen dürfen.



Von Joachim Hauck

Innsbruck – Tiroler sind fast immer dabei, wenn die „Costa Victoria“ in See sticht – und sie staunen nicht schlecht, wenn sie unter den ranghöchsten Offizieren an Bord eine Tirolerin finden: Ingrid Happ aus Axams, die als Direktorin des schwimmenden Riesen-Hotels zusammen mit dem Chefingenieur eine der wichtigsten Personen neben dem Kapitän ist. „Eigentlich bin ich für alles zuständig bis auf die Brücke und die Maschinen“, sagt Ingrid Happ. Natürlich ist der Kapitän der Boss. Er entscheidet über alles, was mit Nautik zu tun hat, er ist „das Gesetz an Bord“ (Happ). Aber sie ist für 650 Mitarbeiter verantwortlich, die sich um fast 2400 Passagiere kümmern. Zu ihrem Aufgabengebiet gehört alles, was für die Gäste und einen gelungenen Urlaub zählt: Von den Hotelzimmern über die Restaurants, Bars bis zu den Lagerräumen. Vom gesamten Unterhaltungsangebot über die Organisation und Durchführung der Landausflüge bis zum Kundenservice. Und als ob das nicht genug wäre, kommt noch die Verantwortung für Unterbringung und Verpflegung aller 790 Crew-Mitglieder dazu.

Begonnen hat die Karriere der Tirolerin vor ziemlich genau 38 Jahren. „Mir war als Berufsanfängerin klar, dass ich internationale Erfahrung brauche, wenn ich es zu etwas bringen will. Also habe ich auf einem Schiff als Barkellnerin angeheuert. Fünf Monate wollte ich bleiben, doch dann bin ich ganz bei der Seefahrt hängen geblieben.“

253 Meter lang und Platz für fast 2400 Passagiere – die Costa Victoria.
253 Meter lang und Platz für fast 2400 Passagiere – die Costa Victoria.
- hauck

Seit vielen Jahren nun fährt Ingrid Happ auf Schiffen der italienischen Reederei Costa Crociere – zurzeit auf der „Costa Victoria“, die im Indischen Ozean zwischen den Trauminseln Mauritius, den Seychellen, Madagaskar und Reunion kreuzt. 22 Jahre ist ihr Schützling Victoria alt und nach einer gründlichen Renovierung sieht sie wirklich gut aus. 14 Decks hat der Luxusliner, der mit 253 Metern Länge und 32 Metern Breite nicht zu den größten Kreuzfahrtschiffen gehört, aber auch nicht zu den kleinen. Besonders mag Ingrid Happ an der „Costa Victoria“, dass sie noch wie ein richtiges Schiff aussieht und nicht – wie so viele neue Riesendampfer – wie ein schwimmendes Hochhaus.

Wer glaubt, dass die Hotelchefin die Paradiese dieser Welt genießen kann wie ihre Gäste, liegt falsch. Wenn die Passagiere an Land gehen, hat sie alle Hände voll zu tun: Der Service für mehr als 1000 Kabinen ist zu organisieren und zu überwachen; 600 bis 700 Passagiere wollen jeden Tag auf Landausflug gehen.

Bei der Bestellung von Fleisch, Gemüse und Obst müssen die Verantwortlichen auf dem Schiff in Tonnen, bei Eiern in Zehntausenden und bei der Bestellung von Getränken in vielen Hektolitern rechnen. Für Logistik, Lagerung, Verarbeitung und Zubereitung braucht es viel Erfahrung und Organisationstalent – und am Ende müssen täglich an die 12.000 feine Mahlzeiten für die Passagiere herauskommen. Nachschub kann wegen der fälligen Riesenmengen nur zu einem kleinen Teil vor Ort besorgt werden. Und wenn die Tagesarbeit erledigt ist, warten abendliche Verpflichtungen: Die Begrüßung der Gäste beim Captain’s Dinner beispielsweise oder ein Juroren-Job beim beliebten Karaoke-Wettbewerb im großen Theater der „Costa Victoria“.

Mit Tirolerisch kommt die Direktorin bei all dem nicht weit. Italienisch muss sie können, halbwegs Französisch und natürlich ist die Bordsprache Englisch. Oft hat sie Gäste mit 15 unterschiedlichen Nationalitäten zu betreuen, noch größer ist das sprachliche und kulturelle Wirrwarr in der Crew: Amerikaner, Honduraner, Inder, Indonesier, Osteuropäer, Kolumbianer, Vietnamesen, Polynesier gehören dazu, vor allem Filipinos. Die Jungs und Mädels von den Philippinen sind gern gesehene Mitarbeiter auf Schiffen – fleißig, freundlich und gut ausgebildet. „Unsere Reederei hat auf den Philippinen eine eigene Schule“, weiß Happ. „Dort lernen die Stewards zum Beispiel schon vorab in Original-Kabinen der Costa, wie auf unserem Schiff Betten gemacht und Bäder gereinigt werden.“

Schon aus sprachlichen Gründen ist der Umgang mit dem bunten Nationalitäten-Mix nicht immer leicht, doch gibt es zwischen den unterschiedlichen Kulturen und Religionen in der Crew erstaunlich wenig Reibereien. „Von dem guten Miteinander an Bord könnte sich die Welt etwas abschauen“, sagt Happ ein bisschen stolz. Auch mit ihren Gästen kommt sie in der Regel gut zurecht. Wenn ihr etwas wirklich Stress bereitet, dann sind das verspätete Flüge, die das Auslaufen des Schiffs verzögern, und Probleme beim Einschiffen. Denn viele hundert Passagiere mit jeweils zwei Koffern möglichst reibungslos einsteigen und gleichzeitig ebenso viele aussteigen zu lassen, ist immer ein organisatorisches Kunststück, bei dem schon mal was schieflaufen kann.

Ingrid Happ ist mit Feuer und Flamme Hotelchefin auf dem Schiff, auch wenn sie von einer 40-Stunden-Woche mit einem freien Wochenende nur träumen kann. Mindestens zwölf Stunden hat ihr Arbeitstag, wirklich freie Tage sind eher selten. In der Regel geht das fünf Monate so, dann gibt es zwei Monate Urlaub.

Den verbringt sie daheim mit ihrer Schwester und Freunden. Sie freut sich auf Plauderstündchen mit ihren Lieben, auf Spaziergänge im Wald und mindestens einen Ausflug auf die Lizumer Hütte. Wenn gekocht wird, mag es die Vielgereiste übrigens bodenständig: Zu den Lieblingsgerichten zählt das Tiroler Gröstl.

Mit ihrem Chefsteward kontrolliert die Hotelchefin stichprobenartig, ob die Kabinen ordentlich hergerichtet sind.
Mit ihrem Chefsteward kontrolliert die Hotelchefin stichprobenartig, ob die Kabinen ordentlich hergerichtet sind.
- hauck