Letztes Update am Fr, 07.06.2019 12:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Blumige Reise rund um den Bodensee

Die Bodenseeregion rund um Lindau, Bregenz, den Thurgau, Warth und die Insel Mainau weiß nicht nur bei Sonnenschein zu glänzen.

Kartause Ittingen mit dem original erhaltenen Mönchshäuschen.

© IBT GmbHKartause Ittingen mit dem original erhaltenen Mönchshäuschen.



Von Stefanie Kammerlander

Blütenpracht, Blumenmeer, Weingärten rund um den Bodensee – automatisch beginnen die Bilder vor dem geistigen Auge ihren Frühlingstanz. Doch bei zehn Grad Höchsttemperatur und viel Regen ist erst einmal ausgetanzt. Es sollte sich dennoch zeigen, dass verregnete Tage in der Bodenseeregion Vorstellungen zwar verwässern, den Erlebniswert aber eher noch steigern können. Aber der Reihe nach ...

Als Friedensreich Stowasser wurde der Wiener Künstler 1928 geboren. 21 Jahre später änderte er „Sto“ auf „Hundert“, weil „Sto“ in slawischen Sprachen „hundert“ bedeutet. Was dies nun mit dem Bodensee zu tun hat?

Wahrzeichen von Lindau – der Leuchtturm in der Hafeneinfahrt.
Wahrzeichen von Lindau – der Leuchtturm in der Hafeneinfahrt.
- IBT GmbH

Bis zum 29. September findet in Lindau eine Sonderausstellung im neu eröffneten Kunstmuseum am Inselbahnhof statt und dabei sind auch solche Details zu erfahren. Museum und Regen passen ja immer gut zusammen. Und noch ein Ausstellungs-Tipp: Bis 23. Juni sind Sonnenuhren in der Ehemals Reichsstädtischen Bibliothek (ERB) zu bewundern. Der Lindauer Sohn Johannes Gaupp hatte im 17. Jahrhundert großen Anteil an der Verbreitung von Sonnenuhren in Europa. Der findige Prediger und Astronom entwarf Bastelbögen für Sonnenuhren, die er seinem Lehrbuch beilegte.

Es prasselt nur noch mittelstark, wir (eine kleine Journalistengruppe) sind mit zusätzlichen Schirmen ausgerüstet, eine Kollegin hat noch schnell Gummistiefel gekauft, und los geht’s, in den botanischen Garten. Vorbei an dem nagelneuen Nobelpreisträger-Steg, auf dem in Zukunft all jene berühmten Namen nachzulesen sind, die in Lindau bereits getagt haben. Denn alljährlich (seit 1951) sind Nobelpreisträger und Wissenschafter für eine Woche zu Gast in der Bodensee-Stadt.

Blauglocken-, Taschentuch-, Maulbeerbaum, Platanen und viele botanische Schätze säumen den Weg in die historische Altstadt. Höchst interessant, welche Geschichten sich um die Baumriesen ranken, um Exemplare, die längst verschwunden geglaubt waren und um weibliche Gingko-Bäume, die stinkende Früchte abwerfen. Unsere Gartenexpertin bemüht sich nach Leibeskräften, das Regenprasseln zu übertönen – es ist aussichtslos. Erkenntnis schweren Herzens: Dieser Programmpunkt muss auf bessere Tage warten.

Aufwärmen ist angesagt – im Rädle, einer typischen „Hofausschank“, die ein wenig an die österreichische Buschenschank erinnert. Das Obst- und Weinparadies von Claudius Haug mit der 400 Jahre alten Hofstelle hat für vier Wochen „ausgesteckt“. Serviert werden einfache Gerichte, zünftige Brotzeiten und dazu die feinen Tröpferl wie Müller Thurgau oder neuere Sorten namens Solaris oder Johanniter. Haug zählt zu den innovativen Winzern, der Bio-Wein mit Charakter und Eigenständigkeit erzeugt.

Ein Blick auf die 14-Meter-Bühne

Lindau Ade – selbst der berühmte bayerische Löwe in der Hafeneinfahrt sieht bei unserer Schifffahrt nach Bregenz eher einem begossenen Pudel ähnlich. In Bregenz wiederum spielt der Regen an diesem Tag keine Rolle – wir sind schließlich bei keiner Freiluftaufführung auf der Seebühne. Apropos: Heuer ist am 17. Juli Premiere der Oper „Rigoletto“ von Giuseppe Verdi. Das Bühnenbild mit dem fast 14 Meter hohen Clownkopf und den zwei Händen ist fertig – einfach spektakulär. Verantwortlich dafür ist Regisseur Philipp Stölzl, der bereits bei den Salzburger Festspielen inszenierte und Musik-Videos für Madonna oder Rammstein produzierte.

Idyllischer Ausblick von der Insel Mainau auf den Bodensee.
Idyllischer Ausblick von der Insel Mainau auf den Bodensee.
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Von Kultur zu Natur. „Das Wetter ist geradezu ideal“, schwärmt unsere Vogelexpertin im Naturschutzgebiet Rheindelta. Weil sich nämlich bei leichtem Regen mehr Vögel zeigen würden als bei Sonnenschein. „Birdwatching“ schult Augen und Ohren. „Hört ihr das Tschip-twilp“, schon ist das Fernglas aufgestellt, in die richtige Richtung gedreht, und der kleine Vogel ist zu sehen. Rohrschwirl, Graureiher, Haubentaucher & Co. – bisher wurden in dieser Region 300 Vogelarten beobachtet.

Geradezu mystisch geht unsere Reise weiter. Fünf Minuten dauert die Fahrt mit der Bergbahn auf den Hausberg von Dornbirn, den Karren. 976 Meter Seehöhe bieten normalerweise einen grandiosen Ausblick auf die Stadt. Wir sehen erst einmal nichts. Dann Nebel.

Dann peitscht heftiger Wind Regen gegen die riesigen Glasfronten und plötzlich zaubert ein Sonnenstrahl einen goldenen Streifen durch die Wolken. Für Sekunden ist sogar das Rheintal sichtbar. Grandios, dieses Wetterspektakel, das es gratis zu Vorarlberger Schmankerln im Bergrestaurant gibt. Und da soll noch jemand behaupten, dass schönes Wetter nur aus Sonnenschein besteht.

Wechsel über die Landesgrenze in den Schweizer Thurgau und dazu die blumigen Erzählungen unserer Tourismusexpertin: Wie schön doch eine Velo-Tour zur Zeit der Apfelblüte wäre. Mit 1600 Hektar Obstkulturen, davon rund 210.000 Hochstamm-Apfelbäumen ist der Thurgau der größte Obstbau-Kanton der Schweiz. „Madame Bluescht“ (Die Blüten-Lady des Tourismusverbandes) wird auch 2020 über den aktuellen Stand der Obstbaumblüte Auskunft geben (Tel. +41 71531 01 40).

Ausblick vom Vorarlberg Museum auf den Bodensee.
Ausblick vom Vorarlberg Museum auf den Bodensee.
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Wer im Thurgau A wie Apfel sagt, muss auch B wie Brennereimuseum sagen, genauer Mosterei- und Brennereimuseum MoMö in Arbon. Seit rund einem halben Jahr ist es ein Anziehungspunkt für Groß und Klein, informativ, interaktiv. Hier ist alles rund um den Apfel zu erfahren, von den fleißigsten Bienen, den ältesten Apfelsorten und wie im Betrieb der Familie Möhl aus jährlich 25.000 bis 40.000 Tonnen Äpfeln die beliebten Produkte Apfelwein und Apfelsaft entstehen. Schade nur, dass wir hier keine Kostprobe beilegen können. Apfelwein kann so köstlich schmecken – vom klaren, herben Cider über den Swizly (gibt es seit 25 Jahren) bis zum alkoholfreien Shorley.

Nur knapp 40 Fahrminuten später treten wir ein in eine Welt, in der zwar keine Kartäuser mehr wohnen, die klösterlichen Werte (Kultur, Spiritualität, Bildung, Fürsorge, Gastfreundschaft und Selbstversorgung) aber auf allerhöchstem Niveau gelebt werden, in der Kartause Ittingen in Warth.

Es ist das belebteste Kloster, das man sich nur vorstellen kann – ein Seminarzentrum mit Museen, Hotel und Gutsbetrieb. Der Weg von den stilvollen Zimmern zum Restaurant Mühle führt durch die größte historische Rosensammlung der Schweiz, vorbei an der Rokoko-Kirche, dem Klosterlädle, den 14 ehemaligen Mönchshäuschen, dem Labyrinth. Mit dem „Null-Kilometer-Menü“ bringt das Küchen-Team gleich die besten Zutaten aus dem Gutsbetrieb auf den Teller. Frischer und besser geht’s nicht. Ach ja, Hoteldirektor Valentin Bot hat sich sehr über den Regen gefreut: „Die Natur braucht’s so dringend.“ Recht hat er.

Auf zu Sonnen, Mond und Sterne

Überall auf der Welt – außer auf den Polkappen – wachsen Orchideen und rund 30.000 Arten sind bekannt. Einige davon sind bei der alljährlichen Orchideenschau auf der Insel Mainau zu bewundern. Und zwar solche, die das heurige Mainau-Motto „Sonne, Mond und Sterne“ mit ihren Blüten unterstreichen. Das Schwelgen und Staunen beginnt im Palmenhaus und setzt sich auf der ganzen Insel fort. 70 Gärtner bringen die Blumenpracht in Schuss. Welch ein Glück, dass Graf Bernadotte in den 30ern aus Liebesgründen dem schwedischen Königshaus den Rücken gekehrt hat und Verwalter der Insel wurde.

Gut zu wissen

Bodensee-Vorarlberg-Freizeitkarte: Über 40 verschiedene Plätze – von Museen über Seilbahnen bis zu Freibädern – sind damit zu entdecken. Bus und Bahn sind kostenlos. Kosten: 1-Tages-Karte 16 Euro; 2-Tage-Karte 25 Euro; 3-Tage-Karte 32 Euro; erhältlich bei Bodensee-Vorarlberg Tourismus und in Partner-Hotels sowie Tourismusbüros.

Bodensee Card plus: Die länderübergreifende Karte ist für 3 oder 7 Tage erhältlich und gilt für 165 Attraktionen in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein, Schifffahrt inklusive.

Die Autorin reiste auf Einladung der Internationalen Bodensee Tourismus GmbH, www.bodensee.eu

Am Anfang jeder großen Idee steht natürlich viel Arbeit in der Umsetzung. Weil Überlingen 2020 die deutsche Landesgartenschau ausrichtet, sind erst einmal die Bagger am Werk. Die Uferstraße ist bereits verlegt und dadurch erhält die Stadt einen sechs Hektar großen Uferpark samt neuen Seezugängen. Noch ist das Vorstellungsvermögen gefordert – schwimmende Gärten sind ge-plant und viele erfrischende, grenzenlose Veranstaltungen. Jede Wette, dass den Experten vom Bodensee auch dieses „sommerlange Gartenfest“ vom 23. April bis 18. Oktober 2020 gelingen wird.