Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 16.06.2019


TT-Magazin

Die Insel Korsika und der Duft der Macchia

Urlaub am Meer oder in den Bergen? Am besten beides. Die Mittelmeerinsel Korsika wartet mit kilometerlangen Stränden und Dutzenden 2000ern auf. Idealer Ausgangspunkt ist das Feriendorf „Zum störrischen Esel“ bei Calvi, das heuer sein 60-jähriges Bestehen feiert.

Wie ein Fels in der Brandung des Mittelmeers steht die Stadt Calvi da.

© iStockphotoWie ein Fels in der Brandung des Mittelmeers steht die Stadt Calvi da.



Von Stefanie Kammerlander

Kein Fernsehgerät und kein WLAN? Kinder, die zum ersten Mal in den „Störrischen Esel" kommen, reagieren oft fassungslos. „Interessanterweise sind genau sie es, die dann am eifrigsten basteln oder Theater spielen, oft sogar eine neue Welt erleben", erzählt Wolfgang Auer, Mitglied der Geschäftsführung. Und schon sind wir mittendrin in der Esel-Philosophie, in der die Natur die erste Geige spielt. Im sieben Hektar großen Naturpark sind weit über 100 kleine Bungalows ohne jeden Schnickschnack eingebettet.

Im „Störrischen Esel“ oberhalb von Calvi genießen Kinder Internet-freien Spaß.
3 Kurt Müller, der Mitbegründer des „Störrischen Esel“.
Im „Störrischen Esel“ oberhalb von Calvi genießen Kinder Internet-freien Spaß.
3 Kurt Müller, der Mitbegründer des „Störrischen Esel“.
- David Spettel

Wir (österreichische und deutsche Journalisten) beziehen Unterkünfte der Kategorie B, d. h. mit Dusche und WC. Am schnellsten ausgebucht sind aber immer die fix installierten Wohnzelte — ohne Sanitäreinrichtung. Sie spiegeln noch ein wenig die Anfänge des Feriendorfes wider.

„Sonne, Sand und Meer — mehr brauchte man damals nicht", erzählt der Vorarlberger Kurt Müller, der mit Willi Doderer den „Störrischen Esel" gegründet hat und die „qualifizierte Einfachheit" vertritt.

Damals, im Jahr 1959, waren die ersten Gäste Alpenvereinsmitglieder, die der Lehrer im Mitteilungsblatt von Dornbirn angeworben hatte. Gemeinsam wurde das Zeltlager am Strand von Calvi errichtet und nach den Ferien wieder abgebaut.

Romain mit einer Fischauswahl im Restaurant à Siesta auf der Isle Rousse.
Romain mit einer Fischauswahl im Restaurant à Siesta auf der Isle Rousse.
- Kammerlander

Der „Korsika-Virus" erfasste immer mehr Urlauber, das Feriendorf wuchs stetig an. In der Hauptsaison urlauben jetzt rund 450 Gäste im Esel, davon 65 Prozent Stammgäste. Sie schätzen die Gemeinschaft und die gute Küche auf sehr gehobenem Niveau. Wie Hubert und Margit Wilhelm aus Innsbruck, die vor 50 Jahren erstmals auf der Insel waren. „Es ist die Herzlichkeit und Gastfreundschaft, die wir so schätzen", erzählen sie. „In den 70er-Jahren sind wir sogar noch direkt von Innsbruck geflogen."

Robert Kran führt durch seinen einzigartigen Obstgarten in Avapessa.
Robert Kran führt durch seinen einzigartigen Obstgarten in Avapessa.
- Kammerlander

Zurück in die Gegenwart, in das kleine Dorf Calenzana, nur wenige Fahrminuten von unserem „Basislager" entfernt. Für viele Wanderer ist hier der Ausgangspunkt für die Inseldurchquerung auf dem berühmten Fernwanderweg GR20. Wir begnügen uns mit einer Etappe bis zur Punta di u Pratu mit knackigem Anstieg, traumhaften Ausblicken und einer Überraschung. Denn ein Stück des Weges existiert nicht mehr, er ist dem letzten Brand im Februar zum Opfer gefallen. Wir lassen schwarze Bäume und verkohlte Macchia hinter uns und atmen den Duft von Myrte, Ginster, Brombeer, Rosmarin & Co. ein. Herrlich. Es sind übrigens auch die ätherischen Öle, die im Sommer die Brandgefahr steigern. Die Wanderung führt uns nach mehr als drei Stunden schnurstracks ins Dorfgasthaus zu einem Pietra, dem korsischen Kastanienbier. Achtung, großer Suchtfaktor.

Ein Fest für das Auge

Zwischen Calvi und Porto im Nordwesten der Insel liegen rund 60 Kilometer. Wer so wie wir den romantischen Weg wählt, weiß dann, was eine kurvenreiche Strecke ist. Unter uns liegen herrliche Buchten (auf Korsika ist der gesamte Strand öffentlich), zwischen uns die Macchia, Erdbeerbäume, Ginster, Zistrosen. Ein Fest fürs Auge. Unser Ziel, der Golf von Porto, ist Unesco-Weltkulturerbe.

Auf der Rundwanderung bei Calenzana kommt man an verkohlten Bäumen und duftenden Blumen vorbei.
Auf der Rundwanderung bei Calenzana kommt man an verkohlten Bäumen und duftenden Blumen vorbei.
- Kammerlander

Von dem idyllischen Hafen lässt sich die Calanche, die bizarre Felsformation, am besten erkunden. Ausflugsboote jeder Art stehen zur Verfügung — wir sind in einem rasanten Schlauchboot unterwegs, sehen zerklüftetes Vulkangestein, Höhlen, sogar das Nest eines Fischadlers. Diese Wiederansiedlung auf der Insel hat geklappt, Naturfreunde bauten den seltenen Vögeln das Grundgerüst für ihre Nester, jetzt ist der Adler-Nachwuchs unüberhörbar. Über den Klippen kreisen einige Milane und der Kapitän rollt bedeutungsvoll mit den Augen. In den 70er-Jahren waren die Raubvögel angesiedelt worden, um die riesige Kaninchen-Population einzudämmen. Das ist gelungen, nur jetzt werden die Milane zur Insel-Plage.

Traumhafte Ausblicke bei der Rundwanderung.
Traumhafte Ausblicke bei der Rundwanderung.
- Kammerlander

Im Hinterland Käse wie früher

Tourismus ist auf der Insel der wichtigste Wirtschaftsfaktor, doch auch für die Landwirtschaft gibt es noch Nischen. Anne-Marie und Jean-Christophe Savelli haben sich auf Ziegenkäse spezialisiert. Die beiden wohnen im Hinterland und betreuen 350 Tiere, die Jean-Christophe noch bis vor acht Jahren händisch gemolken hat. Frischkäse und sechs Monate gereifter Ziegenkäse sind ihre Spezialitäten, die gerade in der Hotellerie sehr beliebt sind. Nur der gereifte Käse wird ans Festland exportiert, für Frischkäse wäre der Versandweg zu heikel.

Für diesen gibt es auch eine spezielle korsische Zubereitung: Brocciu heißt die herrliche Nachspeise mit Kristallzucker und ein wenig Traubenschnaps. Ja, die Lis­te der korsischen Köstlichkeiten wird immer länger — von den herrlichen Würsten mit der Kräutervielfalt über den Myrtenschnaps bis zu den vielen Käsesorten. Gute Adresse für Lebensmittel: der Laden von Annie Traiteur in Calvi.

Noch eine Besonderheit, die zwar mit Tourismus nichts am Hut hat, aber zur Insel dazugehört: die Fremdenlegion. 1300 Mann der Fallschirmeinheit sind in der Nähe von Calvi stationiert und wo immer sie auftauchen, sind Diskussionen über diesen Beruf vorprogrammiert. Haftete ihnen doch ein Ruf an — bestenfalls ein geheimnisvoller, im Normalfall ein schlechter. Damit hat der Elitesoldat von heute nichts mehr zu tun. Einwandfreies Leumundszeugnis ist Voraussetzung für einen Fünf-Jahres-Vertrag, körperliche Fitness sowieso. Und sicher ist, dass sie beim Morgenlauf in ihren bunten Einheitsdressen alle Blicke auf sich ziehen.

Eine besondere Obst-Plantage

„Die Vögel fressen rund 30 Prozent — mit 70 Prozent hab' ich aber auch noch genug", sagt Robert Kran in seinem „Jardin fruitiére Avapessa", einem zehn Hektar großen Obstgarten in Avapessa, in dem nichts gespritzt und nichts geschnitten wird. Robert Kran und sein Garten sind ein Unikum. Der gebürtige Elsässer züchtet seit 1996 Obst aus allen Kontinenten, führt Besucher durch sein Reich und kann zu jedem Baum Geschichten erzählen. Etwa, wie er sich gefreut hat, als er nach 15 Jahren die erste Grapefruit geerntet hat. Oder wie er seine Allergie mit den Aronia-Beeren in den Griff bekommen hat. 55 Sorten Feigen, 40 verschiedene Kaki-Arten, Papaya, Kirschen, Äpfel — alle Früchte dieser Welt gedeihen hier. „Man braucht halt viel Geduld", erzählt er. Mit Vorreservierung ist zusätzlich zu den Führungen auch Brunch im Freien möglich (www.jardinfruitieravapessa.com), mit einer bunten Obstvielfalt, die Auge und Gaumen erfreuen.

- iStockphoto

Wie der „Esel" entstand

Zurück geht's in den „Störrischen Esel", zum Feiern. 60 Jahre „Esel" — wie entstand der eigenwillige Name? „In der Balagne gibt es viele Esel. Ein Gast hatte sich einen Spaß erlaubt und für unser Zeltdorf ein junges Tier gekauft", erzählt Kurt Müller. Ein Stall wurde gebaut, ein Stammgast schrieb ein Schild „Zum störrischen Esel". Der Name blieb bestehen — zuvor war es einfach der „Club der Österreicher". Der Esel wurde nach Beschwerden aber wieder in sein Dorf zurückgebracht. Er hatte mit seinen nächtlichen Schreien die Gäste um den Schlaf gebracht.

Ein Glück, dass jetzt kein Esel, keine Disco und auch sonst nichts die Nachtruhe stört. Und erstaunlich ist, dass diese gewollte Einfachheit tatsächlich ein Qualitätsmerkmal ist. Nichts hat gefehlt — kein WLAN, kein Fernsehen, nichts.­ Und wenn's gar nicht auszuhalten ist: Vor der Bar „Spelunca" ist WLAN-Empfang.