Letztes Update am So, 09.06.2019 07:25

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Fünf Jahre als Korbflechter auf der Walz: Kemater (29) kehrt heim

Wo findet man heute noch Abenteuer? Beim Fallschirmspringen? Der freie Fall dauert aber nur gut 50 Sekunden. Beim Afrikaurlaub? Der ist nach wenigen Wochen vorbei. Nepomuk Neyers Abenteuer dauerte vier Jahre und acht Monate. Der Kemater ging als Korbflechter auf die Walz.

Ob beim Start der Walz 2014 oder dem Ende 2019, als Nepomuk das Ortsschild erkletterte – seine Kleidung musste traditionell sein.

© Judith SamOb beim Start der Walz 2014 oder dem Ende 2019, als Nepomuk das Ortsschild erkletterte – seine Kleidung musste traditionell sein.



Von Judith Sam

Vor wenigen Tagen bot sich Autofahrern, die das Kemater Ortsschild passierten, ein dubioser Anblick. Ein Mann in Schlaghose, trachtenartiger Jacke und verknoteten Tüchern am Rücken war auf das Schild geklettert. 40 ähnlich Gekleidete standen rundum und feuerten ihn an.

Die Bannmeile: Nepomuk hat notiert, dass er auf der Walz einen Abstand von 50 Kilometern zu Kematen halten muss.
Die Bannmeile: Nepomuk hat notiert, dass er auf der Walz einen Abstand von 50 Kilometern zu Kematen halten muss.
- Thomas Boehm / TT

Vandalismus? Keineswegs. „Es ist Tradition, bei der Rückkehr von der Walz, das Ortsschild der Heimatgemeinde zu erklimmen“, sagt „Kletterer“ Nepomuk Neyer.

So lautet eine der wenigen, doch strikten Regeln für Wandergesellen: „Wir dürfen auch kein Smartphone dabei haben, kein Geld für Schlafplätze ausgeben, müssen unser Zuhause meiden und traditionelles Zunftgewand tragen.“

Werkzeug durfte im Gepäck ebenso wenig fehlen ...
Werkzeug durfte im Gepäck ebenso wenig fehlen ...
- Thomas Boehm / TT

Letzteres ließ sich der heute 29-Jährige beim Schneider anfertigen. Wo sonst bekommt man noch dicke Cordhose mit Taschen für Messer, Zylinder-Hut und Jacke, verziert mit großen silbernen Knöpfen? Ohrring und wuchtigen Wanderstock nicht zu vergessen. Bequem sieht anders aus.

„Hauptsache robust“, verteidigt Nepomuk die Kleidung. Schwer nachvollziehbar, dass junge Menschen freiwillig all diese Vorschriften beherzigen. Doch der gelernte Korbflechter fand so viel Gefallen daran, dass er sich für vier Jahre und acht Monate daran hielt – bis er letztes Wochenende endlich wieder bei seiner Familie in Kematen ankam: „So lange war ich auf der Walz – quer durch 29 Länder, in denen ich mal hier, mal da gearbeitet habe.“

800-jährige Tradition

Klingt etwas mittelalterlich. Ist es auch. „Die erste urkundliche Erwähnung der Walz ist gut 800 Jahre alt“, erklärt der Zimmermann Arnold. Der 27-Jährige aus der deutschen Stadt Görlitz ging ebenso wie Neyer jahrelang auf die Walz: „Einst war diese Form des Reisens Voraussetzung für Gesellen, um die Meisterprüfung absolvieren zu dürfen. Außerdem gab es in Städten konkrete Zahlen, wie viele Stellen pro Zunft gerade frei sind. Waren alle besetzt, mussten die reisenden Gesellen weiterziehen.“ Eine etwas rigorose, aber offenbar effektive Methode, Arbeitslosigkeit zu verhindern.

... wie der wuchtige Stock.
... wie der wuchtige Stock.
- Thomas Boehm / TT

„Auf der Walz erlernte man außerdem neue Techniken des Handwerks, die der Meister zuhause oft nicht kannte“, ergänzt Theresa. Die 25-jährige Tischlerin aus der deutschen Stadt Hof ist noch auf der Walz und begleitete Nepomuk nach Kematen.

Der Luxus, der ihr dort – etwa in Form von üppig gedecktem Frühstückstisch und kostenloser Übernachtung – widerfährt, sei nicht alltäglich: „Wir dürfen weder für Essen noch Unterkunft bezahlen, sondern bieten unsere Arbeitskraft an. Findet man niemanden, der daran interessiert ist, muss man zwischendurch im Freien übernachten. Das kann unglaublich schön sein, wenn man morgens am Meer aufwacht, nackt hineinspringt und Delfine sieht.“ Klingt beinahe beneidenswert. Bis Nepomuk nachsetzt: „Natürlich wurde ich morgens auch oft vom Regen geweckt.“

Während der knapp fünf Jahre bot er allerdings nicht nur seine Arbeit als Korbflechter an: „Der Beruf fasziniert mich, weil es das einzige Handwerk ist, das noch heute ohne Maschinen ausgeübt wird. Unterwegs habe ich aber auch in der Sozialpflege gearbeitet, im Blindenheim und auf dem Seenotrettungsschiff Seawatch.“

Für die Hilfe am Schiff wurde der Kemater in Form eines Flugtickets nach Kap Verde bezahlt: „Ein anderes Mal habe ich ein Pärchen kennen gelernt, mit denen ich tagelang in ihrem Boot von Insel zu Insel gesegelt bin.“

Auf der Walz darf man nämlich auch kein Geld für den Transfer von einer Stadt in die nächste ausgeben: „Also musste ich oft autostoppen. Da kommt es vor, dass man mal in einem Porsche mitfährt. Dann steht man aber ebenso stundenlang am Straßenrand und keiner hält an.“

Keine Sanktionen

Ob Wandergesellen die Regeln einhalten, wird nicht überprüft. „Es gibt weltweit zwar acht Handwerksvereinigungen, deren Gebote leicht variieren – in drei von ihnen sind etwa Frauen auf der Walz erlaubt, andere nehmen keine Wandergesellen auf, die älter als 27 Jahre sind – aber sanktioniert wird es nicht, wenn man eine Regel bricht“, weiß Arnold. Es sei eine Frage der Moral, sich daran zu halten: „Man wird ja auch nicht Vegetarier, um dann heimlich Fleisch zu essen.“

Stellt sich nur noch eine Frage: Warum nehmen die rund 550 Wandergesellen, die derzeit im deutschsprachigen Raum unterwegs sind, all dies auf sich? Die Antworten von Nepomuk und seinen Freunden variieren: „Freiheit“, „Selbstfindung“, „Abenteuer“. „Ich fand es faszinierend, das Vertraute hinter sich zu lassen“, sagt Nepomuk. Sein künftiger Plan ist im Vergleich dazu beinahe konservativ: „Ich will den Meis­ter im Korbflechten machen.“

Seinem Walz-Kollegen Olli, einem 29-jährigen Deutschen, der Nepomuk ebenfalls nach Hause begleitete, brennen hingegen die Sohlen, bald wieder weiterzuziehen. Sein Gepäck – bestehend aus gekonnt verknoteten Tüchern – liegt schon startklar in der Ecke: „Zu Zeiten der Pest haben sich diese Tücher als eine Art Rucksackersatz etabliert. Mit Taschen aus Fell oder Leder, die sonst üblich waren, durfte man die Stadtmauern nicht passieren.“

In Kombination mit seiner Schlaghose und dem Zylinder-Hut sticht der Bäcker sofort ins Auge: „Kein Wunder, dass man uns immer wieder für Clowns, Cowboys oder Wikinger hält.“




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