Letztes Update am So, 16.06.2019 07:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Reise nach Kanada: Eine Straße bis ans Ende der Welt und darüber hinaus

Wo bitteschön ist Inuvik? Am Ende der Welt. Zumindest am bisherigen Endpunkt des Dempster Highways im Nordwesten Kanadas. Seit Kurzem geht die Straße aber ein Stück weiter, bis nach Tuktoyaktuk an der Beaufortsee. Urlauber erwartet der ultimative Roadtrip.

Begegnungen mit Grizzlybären sind nicht ungewöhnlich.

© APA (dpa/gms/NWT Tourism)Begegnungen mit Grizzlybären sind nicht ungewöhnlich.



This is it! Noch weiter nach Norden kannst du auf dem kanadischen Festland nicht fahren!“ Merven Gruben wendet seinen Truck und nickt zum Flake Point hinüber. „Dort werden wir das Schild Arctic Ocean aufstellen! Und dort kommt hoffentlich der Trailerpark hin!“ Die braune Landzunge liegt am nördlichen Ortsrand von Tuktoyaktuk. Es ist einsam und kalt, auch wenn es die Sonne hin und wieder durch die Wolkendecke schafft. Zwei, drei Picknickbänke stehen da, ein Wohnmobil aus British Columbia und ein rostender Grill.

Gruben ist als Bauunternehmer am Bau der Straße von Inuvik nach Tuk beteiligt. Der Kanadier lebt seit seiner Geburt in Tuk und ist mehr als 20 Jahre Bürgermeis­ter der 900-Seelen-Gemeinde. Es fehle an professionell geführten Unterkünften, Restaurants und buchbaren Aktivitäten. Die neue Verbindung macht Gruben Hoffnung: „Die Touristen werden kommen. Tuktoyaktuk ist doch die Endstation des größten Roadtrip­abenteuers überhaupt!“

Der Inuvik-Tuktoyaktuk-Highway, kurz ITH, erfüllt das Klischee von Abenteuer. Die erste Probe aufs Exempel kommt in Eagle Plains. Der Truck Stop liegt am Dempster Highway, im Great Alone des Yukon Territoriums. Nach Dawson City im Süden sind es 400 Kilometer, nach Inuvik 300. Dazwischen ist nichts als subarktisches Kanada mit den wuchtigen Tombstone und Ogilvy Mountains und meilenbreiten Tälern, aus denen hin und wieder die Staubfahne eines 40-Tonners emporsteigt.

Eagle Plains ist eine der wenigen Inseln in dieser Leere. Mürrische Trucker, die erst bei Geschichten von Grizzlybären gesprächig werden, legen hier an, und Roadtripper. Mit der Fähre geht es nach Inuvik. Von dort ist der ITH zunächst die reinste Spazierfahrt. Seine Kiesdecke ist besser als die des Dempster. Doch dann ist plötzlich Schluss. Zwei Planierraupen blockieren die Fahrbahn. Die Straßendecke werde verdichtet, ruft der Fahrer durchs Seitenfenster, letzte Nacht habe es wieder geregnet. Jetzt sei der Belag butterweich. Man könne aber rechts vorbeifahren.

Am Ziel: Der Ort Tuktoyaktuk liegt direkt an der Beaufortsee.
Am Ziel: Der Ort Tuktoyaktuk liegt direkt an der Beaufortsee.
- APA (dpa/gms/NWT Tourism)

Fahren und staunen

Danach nimmt das Ende-der-Welt-Gefühl minütlich zu. Nichts in der spärlich bewachsenen Tundra rührt sich, und das bis zum Horizont. Tuktoyaktuk heißt auf Inuvialuktun in etwa „Sieht aus wie ein Karibu“, doch an diesem Tag machen sich die kanadischen Rentiere rar. Mit 60, 70 km

h geht es über die Baumgrenze. Natürlich passiert auch hier nichts. Angehalten wird einfach so, ohne rechts heranzufahren oder gar in den Rückspiegel zu schauen.

Um den insgesamt 130 km langen ITH zu stabilisieren, wurde ein bis zu zwei Meter dickes Bett aus Schotter als Isolierkörper angelegt. So kam mit 2,2 Mio. Dollar pro Kilometer, bezahlt von Ottawa und Yellowknife, eine der teuersten Straßen Kanadas zustande.

An einigen Stellen stehen Pullout-Schilder, doch Rastplätze gibt es noch nicht. Plötzlich wird die Einsamkeit unterbrochen, zwei Motorradfahrer stehen mitten auf der Straße. Die beiden sind aus Florida. Einer hat einen Teil vom Vorderrad verloren. Besorgt wirken sie nicht, im Gegenteil. Lieber schwärmen sie von Tuktoyaktuk.

Weiter geht es in die makellos platte Ebene der Tuk Plains kurz vor Tuktoyaktuk. Das Auge klammert sich an kleine, kuppelförmige Erhebungen, so genannte Pingos. Bis zu 30 Meter hoch können sie werden. Ihre Entstehung verdanken sie den extremen Klimaschwankungen, bei denen das Erdreich zerreißen kann und Wasser versickert. Die dabei in den Hohlräumen zurückbleibende Feuchtigkeit lässt in der Folgezeit kontinuierlich wachsende Eislinsen entstehen, die den gefrorenen Boden der Tundra hochdrücken.

Die Strecke des Inuvik-Tuktoyaktuk-Highways führt vorbei am Rande der Beaufortsee, einem Teil des Nordpolarmeers.
Die Strecke des Inuvik-Tuktoyaktuk-Highways führt vorbei am Rande der Beaufortsee, einem Teil des Nordpolarmeers.
- APA (dpa/gms/Ole Helmhausen)

Wo der ITH auf Meereshöhe verläuft, wird deutlich, welche Herausforderungen die Straßenbauer meistern müssen: An solchen Stellen regulieren Abflusskanäle das Wasser, so gut es geht.

Dann taucht Tuktoyaktuk auf. Im Dunst der Eismeerküste scheint der Ort über dem Meer zu schweben. Die Inuvialuit-Gemeinde besticht durch ihre bunten, auf Stelzen stehenden Häuser. Tuks größte Attraktion ist der 49 Meter hohe Ibyuk Pingo, der in Sichtweite liegt. Andere Sehenswürdigkeiten sind der aufgedockte Schoner Our Lady of Lourdes, der einst die Missionsstationen weiter draußen versorgte. Im Gemeindezentrum Kitti Hall gibt es ein kleines Museum. Im Büro der RCMP, der kanadischen Bundespolizei, kann man Souvenir-T-Shirts kaufen.

Touristen werden kommen

Merven Gruben will seine Gemeinde schon heute auf mehr Touristen vorbereiten. Deshalb organisiert die Stadtverwaltung Workshops, in denen es um die Vermittlung von Werten wie Beständigkeit, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit gehe, sagt er. Bruce Noksana ist schon einen Schritt weiter. Der stämmige Bauarbeiter besitzt ein Hundegespann. Er möchte Gästen die Pingos zeigen, sie aufs Eismeer mit hinausnehmen und unterwegs mit Tee, Bannock und Maktaaq, dem traditionellen Vitaminriegel aus getrocknetem Walfett, bewirten. Alle Anträge hat er schon einge­reicht, jetzt wartet er noch auf grünes Licht. „Mal sehen, wie es läuft.“

Der Rückweg nach Inuvik wird beschwerlich. Die Mitternachtssonne wirft überlange Schatten. Die schon auf der Hinfahrt problematisch gewesenen Stellen sind zerfahren, Spurrillen lassen den Camper hin und her schlingern.

Ein Schneesturm hat nördlich vom Polarkreis 30 Zentimeter Schnee abgeladen und den Dempster Highway in eine Schlammpiste verwandelt. 30 Motorradfahrer und mehrere Wohnmobilkapitäne sitzen in Eagle Plains fest. Einige sagen, dass ihnen ein Foto am Polarkreis als Trostpreis reicht. Der Rest dagegen ist wild entschlossen und will weiter. Tuk ist der große Preis. (dpa)




Kommentieren


Schlagworte