Letztes Update am So, 23.06.2019 07:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Abseits der Massen: Die Costa Brava ohne Bettenburgen

Betonsünden, Urlaubermassen und Saufgelage prägen das Bild der spanischen Costa Brava mit ihrer Partyhochburg Lloret de Mar. Doch im Hinterland entspannt sich die Lage.

Der Wanderweg Cami de Ronda bietet immer wieder tolle Aussichten aufs Mittelmeer.

© iStockphotoDer Wanderweg Cami de Ronda bietet immer wieder tolle Aussichten aufs Mittelmeer.



Diese Treppen führen in eine andere Welt. Hinaus aus der dumpfen Urlaubsszenerie der Strandliegen und Sonnenschirme. Die Stufen führen vom Strand La Fosca nach oben, als Teil der Wanderroute Cami de Ronda vorbei an Überresten des mittelalterlichen Kastells Sant Esteve de Mar und um die nächste Landspitze. Agaven und Feigenkakteen krallen sich in die Ausläufer der Klippen. Versprengte Felsblöcke ragen in der glitzernden See wie Haifischflossen auf. Wellen und Möwengekreisch. Es riecht nach Salz und Lavendel.

In der Bucht S’Alguer tauchen Boote am Steinstrand auf, dahinter weiß getünchte Fischerhäuschen mit Fenstern und Türen in Gelb, Rot und Grün. Welch eine Wohltat im Vergleich zu den konturlosen Kästen in Lloret de Mar, wo Spaniens Costa Brava, die „wilde Küste“, unter Endloskubikmetern aus Beton begraben liegt.

Aus der Not entstanden

Die Wanderstrecke Cami de Ronda führt durch eine weitgehend unverfälschte Mittelmeerlandschaft aus Schirmpinien, Korkeichen, wilden Oliven, winzigen Buchten und Stränden. Daniel Punseti, 43, hat sein bisheriges Leben in dieser Küstengegend verbracht. Der eingefleischte Katalane hat dabei mitgeholfen, den Cami de Ronda wiederherzustellen. Ursprünglich war die Strecke dazu gedacht, Schiffbrüchigen zu helfen und Gestrandeten in der Not den Weg ins nächste Dorf zu ermöglichen. Später gingen Militärpolizisten auf Patrouille, um Schmuggel zu kontrollieren. Sie machten ihre Runde („ronda“), daher der Name der Route.

Man fühlt sich beim Anblick von Städten wie Sant Martí Vell fast wie im Mittelalter.
Man fühlt sich beim Anblick von Städten wie Sant Martí Vell fast wie im Mittelalter.
- APA (dpa/gms/Andreas Drouve)

Hinter dem weiten Strand Castell steigt der Pfad zu den Überbleibseln einer Siedlung der Iberer an, die 2500 Jahre auf dem Buckel hat. Das Schuhprofil drückt sich in den Staub, die Ausblicke hoch über der Küste sind erhebend. Teppiche aus Mittagsblumen breiten sich aus, Wurzeln wie Krakenarme haben den Boden im Griff. Weit draußen zieht eine Jacht vorbei. Ein Kormoran verschwindet in den Fluten.

Zum „Strand des Schreis“, Platja del Crit, kennt der Historiker und Archäologe Punseti die passende Legende: „Vor vielen Jahrhunderten wollten Piraten aus Nord­afrika eine junge Frau, die sie von einem Landgut verschleppt hatten, aufs Schiff bringen. Sie biss einem Piraten ins Ohr, der bestialisch aufschrie. Zur Rache schnitten sie ihr die Kehle durch, da schrie auch sie wie wild.“

Der Lärm eines trinkwütigen Massentourismus bleibt auch an den urtümlichen, zum Ferienort Calella de Palafrugell gehörigen Stränden Golfet und Port Pelegri aus. Weitere Strandtipps für die mittlere Costa Brava sind: Gola del Ter, Illa Roja und Raco.

Begibt man sich ein Stück landeinwärts, überraschen mittelalterlich anmutende Orte wie Pals, Ullastret, Peratallada und Sant Martí Vell. Hier durchstreift man alte Steine, Mosaike aus Bruchsteinfassaden und Wehrmauern. Efeu und Rosenstöcke ranken sich um Gitterfenster, Pflanzenkübel stehen dekorativ neben Hauseingängen. Restaurants und Unterkünfte verstehen sich darauf, Kapital aus diesem Charme zu schlagen.

Die Schuld von Salvador Dali

Das Dorf Pubol würde bis heute ein beschauliches Dasein fristen, hätte nicht ein Jahrhundertgenie namens Salvador Dali seiner Gemahlin und Muse Gala ein Schloss versprochen. Ende der 1960er-Jahre kaufte er im Landstrich Baix Empordà in Pubol das heruntergekommene Anwesen und „dalinisierte“ es – samt einem Thron für Gala im Wappensaal und golden glänzenden Wasserhähnen über der Badewanne.

Das Palais ist das am wenigsten besuchte Ziel im Dali-Dreieck mit dem Museumshaus hoch im Norden an der Küste von Portlligat und seinem umgestalteten Stadttheater in Figueres.

 Die überfüllten Strände von Lloret de Mar lässt man im Hinterland hinter sich.
Die überfüllten Strände von Lloret de Mar lässt man im Hinterland hinter sich.
- iStockphoto

Elena Moreno, 56, hat einst Barcelona den Rücken gekehrt. Sie führt heute ein Juweliergeschäft nahe dem Ort Torrent und empfängt Gäste in der Weinkellerei Mas Oller. Der Trend geht hier eindeutig in Richtung junger, fruchtiger Tropfen. So ist es auch im Hinterland in der Kellerei Brugarol. Interessant ist dort vor allem die Architektur, die mit dem Pritzker-Preis geadelt wurde. Die Anlage aus recycelten Metallen verschwindet spektakulär im Untergrund, ein Spiel mit Licht und Finsternis, Symmetrien und Asymmetrien.

Vergängliche Bauwerke, bei denen einem der Atem stockt, errichten in Salt bei Girona die Castellers Els Marrecs de Salt. Große Auftritte haben sie bei Volksfesten wie Ende Juli in Salt und Ende Oktober in Girona. Dienstags und freitags sind Gäste bei Proben in der Kulturfabrik Coma Cros willkommen, um eine katalanische Tradition zu erleben, die zum Immateriellen Weltkulturerbe der Unesco zählt: Die Castellers sind Menschenturmbauer. Gut und gerne zehn Meter können die Türme hoch sein, basierend auf einem Stützbau aus Körpern. (APA, dpa)