Letztes Update am Fr, 28.06.2019 19:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Das andere Indonesien: Eine Reise entlang der Perlenkette

Bali kennt jeder. Der Rest von Nusa Tenggara – den Kleinen Sundainseln – ist weniger bekannt. „Selamat datang“, willkommen im anderen Indonesien.

Im Schnorchelparadies von der kleinen Insel Kelor ankern einige Schiffe. Im Hintergrund wachsen die Hügel von Flores in den Himmel.

© iStockphotoIm Schnorchelparadies von der kleinen Insel Kelor ankern einige Schiffe. Im Hintergrund wachsen die Hügel von Flores in den Himmel.



Von Günter Spreitzhofer

Östlich von Bali ist alles anders. Keine tätowierten Australier mit schrillen Surfboards und dosenweise Foster’s Lager in der Hand. Barfuß und Bier sind in hier, aber nicht nur am Strand. Der Technosound von Kuta, Balis Beachghetto, verstummt, je weiter man sich auf der Insel Richtung Osten aufmacht. Die balinesischen Tempelfeste oben in den Hügeln von Bedugul und Besakih finden routinemäßig statt wie eh und je, auch wenn deutlich weniger Gäste den bösen Barong und andere Gestalten der hinduistischen Mythologie tanzen sehen wollen. Und die heiligen Affen im Affenwald von Ubud haben kaum noch Kameras zu klauen. Schade.

Auf der Nachbarinsel Lombok, 40 Fährminuten östlich, gab es nie Massentourismus. Selbst wenn der frühere Geheimtipp, Schnorcheln auf den Gili-Inseln, dort mehr und mehr Wassersportler anzieht: Sunda, das ist Sun ohne den lärmenden Fun der berühmten Nachbarinsel. Spätestens ab Lombok dünnt Indonesien aus – weniger Bevölkerung, weniger Touristen, kaum Busse und „Bemos“, die Trucks mit Holzbänken für harte Hintern. „Dokars“, bunte Pferdekutschen, übernehmen oft den Kurzstreckentransport von Mensch und Mango, wenn Motorradtaxis nicht mehr wollen. Die Luxushotels von Nusa Dua, in Balis noblem Süden, sucht man hier vergeblich.

Auf Komodo sind meterlange Warane beheimatet.
Auf Komodo sind meterlange Warane beheimatet.
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In der Landessprache heißen die Kleinen Sundainseln Nusa Tenggara (südöstliche Inseln), die neben Bali beginnen: Wie eine Perlenkette ziehen sich Lombok, Sumbawa, Sumba, Komodo, Flores, Alor, Timor und viele kleinere Inselchen von West nach Ost.

Der Inselbogen erstreckt sich über fast 2000 km Länge. Auf einer Fläche wie Österreich leben etwa acht Millionen Menschen – die meisten sind Indonesier, erst seit der Unabhängigkeit von Osttimor 2002 gehören die Kleinen Sundainseln zu zwei Staaten. Von der portugiesisch-holländischen Vergangenheit ist nicht viel geblieben, trotz portugiesischer Volkslieder oder den Jodelgesängen der Manggarai auf Flores. Es ist ruhig geworden um die Sundainseln, wo derzeit weder Vulkane noch Separatisten grollen.

Madonna und Instant-Nudeln

Man ist mäßig muslimisch hier, von den paar Hindus auf West-Lombok und den katholischen Christen von Flores und Timor abgesehen. Seit 1914 haben die Missionare ganze Arbeit geleistet, und in den Supermärkten vor Maumere stehen wieder lebensgroße Madonnen-Statuen neben Bergen von Instant-Nudeln und Burgen australischer Haltbarmilch zum Verkauf – dank den Göttern und der Regionalregierung, die nach der verheerenden Tsunami-Welle den Wiederaufbau des Küstenstädtchens an der Flores-See vorantrieben. Doch die Megalithen von Waikabubak auf Sumba verraten, dass weder Islam noch Christentum am animistischen Erbe der Sundaregion vorbei können: Der weit verbreitete Marapu-Glaube, Sammelbegriff für Götter, Geister und Ahnen, ist Polynesien nicht unähnlich.

Die Einheimischen sind nicht so auf Tourismus ausgelegt wie auf Bali.
Die Einheimischen sind nicht so auf Tourismus ausgelegt wie auf Bali.
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Selbst Fauna und Flora sind plötzlich anders: Zwischen Bali und Lombok verläuft die Wallace-Linie, eine Wasserscheide der besonderen Art. Als die Kontinentaldrift den Urkontinent zerbröselte, blieben die Großen Sundainseln (Sumatra, Borneo, Java, Bali, Sulawesi) bei Asien, die Kleinen Sundainseln hingegen bei Australien

Melanesien – mit Auswirkungen für Tier und Mensch. So finden sich östlich dieser imaginären Linie keine tropischen Regenwälder, sondern oft dürre Savannenlandschaften mit struppigem Gras. Große Säugetiere wie Elefanten, Tiger, Leoparden oder Tapire gibt es hier nicht, viele andere treten nur noch sporadisch auf. Australier zum Beispiel, die spätestens nach dem ersten Dorn im Zeh nicht mehr barfuß gehen.

Prächtige Vulkane mit tiefen Kratern gilt es auf Lombok zu besteigen.
Prächtige Vulkane mit tiefen Kratern gilt es auf Lombok zu besteigen.
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Reisen in Nusa Tenggara braucht Zeit. Je weiter nach Osten, desto mehr. „Melanesian Time“, sagt der Sate-Mann, rollt seine fahrende Garküche in das bisschen Mittagsschatten am Hafen von Sape und genehmigt sich einen Plastikbecher Reiswein. Sate heißen die Spieße hier, und irgendwer wird seine aus Ziegenfleisch schon essen, irgendwann. Die Fährverbindungen zwischen den einzelnen Inseln werden unregelmäßig und dünnen aus wie das Savannengras von Sumbawa – ein gelbbraunes Hügelmeer, umgeben von hellblauen Korallenriffen, wenn die Propeller der kleinen Flugzeuge den Blick nach unten freigeben. Eine einzige, mittlerweile asphaltierte, Hauptstraße zieht sich über den Inselbogen, unterbrochen nur durch Wasserstraßen zwischen den Inseln, die meist in Sichtweite zueinander sind. Der wirkliche Anfang aller guten Wege liegt in Ende, so heißt die größte Stadt in Flores: Jakarta, die indonesische Hauptstadt, ist immer noch gut 45 Busstunden und vier Fähren von der Blumeninsel Flores entfernt.

Eine Busfahrt, die ist lustig

Die staubigen Mitsubishi-Busse fahren selten nach Fahrplan, sondern nach Gutdünken der Fahrer und deren junger Zahlmeister, die in voller Fahrt zwischen Dach und Tür turnen, Ziegen verstauen und Fahrgäste auf zerschlissene Dreierbänke schlichten: „250.000 Rupees, my friend.“ 18 Euro für acht Stunden Fahrt. Der Fahrpreis kommt hingekritzelt auf einem fettigen Fetzen Papier, das gerade noch als Hülle für leckere „Pisang Goreng“ (Bratbananen) herhalten musste. Genauso sicher ist der Tarif etwa fünfmal höher als vorgesehen, sonst würde Budi, der Sitznachbar des Autors dieser Geschichte, seit Sonnenaufgang weniger schäbig grinsen. „Harga Biasa“, den Normalpreis bitte. Budi lacht. Der Buskassier auch. Ein liebenswertes Volk.

Nusa Tenggara hat viel zu bieten. Edel gewebte Ikat-Decken. Erlesene Tauch- und Schnorchelgründe. Oder prächtige Vulkane wie den Gunung Rinjani auf Lombok, mit 3726 Metern der höchste Berg Indonesiens außerhalb von Papua: Drei Tage dauert die Besteigung, mit Übernachtungen in einfachsten Holzunterständen, wo sich gewiefte Affenbanden recht wohl fühlen – wo sonst kann man sich mit Dauerwurst und Kokos-Keksen einfach in den Bambusbusch zurückziehen und an den heißen Quellen dahinter auch die Fischer um ihr Nasi Ikan, Reis mit Fisch, beklauen? Der Gunung Kelimutu auf Flores wiederum ist bekannt für seine vielfarbigen Kraterseen – sofern der Anstieg bis zum Sonnenaufgang gelingt, bevor dicke Wolken heranrollen. Die Seelen der Kinder sollen im grünen See wohnen, die Seelen der Alten im blauen, und die Seelen der Sünder im roten.

Schon 1938 richteten die Holländer, damals Kolonialmacht, dem weltweit einzigartigen Komodo-Drachen ein Reservat ein – geschätzte 3000 der riesenhaften Landechsen führen seither ein geruhsames Leben in der Inselwelt zwischen Sumbawa, Rinca und Flores, genießen so manche Fütterung mit blutfrischen Ziegen und lassen sich auch vom Blitzlichtgewitter der Zuschauer-Tribünen nicht um den Appetit bringen. Dass die meterlangen Warane, die bis zu 135 kg wiegen und über 20 Jahre alt werden, auch nächtens durch die schummrigen Touristencamps streifen, will Budi furchtsamen Wesen aus Sydney und Umgebung weismachen. Sie bleiben besser drinnen. Und alle anderen Reisenden in Nusa Tenggara so lange wie möglich.