Letztes Update am So, 07.07.2019 12:13

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Fliegen und das Klima: Der „Greta-Effekt“ geht in die Luft

Gut 30 Jahre ist es her. Damals waren die „Kreidespuren“, die Flugzeuge über den Himmel zogen, ein Hingucker. Heute steht Fliegen für Ignoranz. Ignoranz gegenüber dem grünen Fußabdruck. Das erklärt, warum Greta Thunberg lieber 26 Stunden im Zug sitzt, als abzuheben und sagt: „Flugschämt euch!“

Greta Thunberg machte Klimaschutz und Flugscham zum Thema.

© APA/KEYSTONE/VALENTIN FLAURAUDGreta Thunberg machte Klimaschutz und Flugscham zum Thema.



Von Judith Sam

Ja, man kann klimaneutral fliegen. Ganz ohne CO2Ausstoß. Soviel zur guten Nachricht. Die schlechte: Das geht nur beim Segelfliegen. Per Katapultstart. Wird etwas schwierig so ins Urlaubsparadies zu reisen. Wer stattdessen mit Tomatensaft in der Hand und Bildschirm im Vordersitz verwöhnt fliegen will, muss damit rechnen künftig zu hören: „Sag mal, hast Du keine Flugscham?“ Das Wort, das ausdrückt, dass man sich nicht um den grünen Fußabdruck schert, hat eine internationale Medienkarriere hingelegt, von der so mancher Möchtegern-Promi nur träumen kann. Am 14. März 2018 stand es erstmals im Svenska Dagbladet. Heute ist der Begriff, der aus Schweden, der Heimat von Umweltaktivistin Greta Thunberg, stammt, in aller Munde.

An der 16-Jährigen nagt übrigens keine Flugscham – nahm sie doch eine 26-stündige Zugfahrt auf sich, um zum Weltwirtschaftsforum nach Davos zu reisen.

Schön und gut. Aber wie bitte reist man „schamlos“, wenn man eine Woche Kapstadt-Urlaub gebucht hat? Google Maps kennt die Lösung: 175 Stunden im Auto, von Innsbruck aus. Oder 2296 Stunden zu Fuß. Der Weg ist das Ziel. Und jetzt? Führt Flugscham zum Ende des reisens in ferne Destinationen? Zum Ende des zivilisatorischen Fortschritts sich unterwegs Wissen anzueignen?

In der Theorie. In der Praxis weniger, denn fliegen ist beliebter denn je: Der Luftverkehr wächst weltweit um fünf Prozent pro Jahr. „Kein Wunder, wenn ein Flug von Wien in eine europäische Stadt manchmal nur 15 Euro kostet, die Bahnfahrt hingegen das zwanzig- bis dreißigfache“, kritisiert Günther Lichtblau, Verkehrsexperte des Umweltbundesamts. Die Bahn muss ihre Infrastruktur selbst finanzieren. Die Flugindustrie hingegen wird vom Staat gefördert: „Airlines erleichtern ihr grünes Gewissen, indem sie CO2-Zertifikate kaufen, wodurch die Emissionen gewissermaßen kompensiert werden.“ Ein vielversprechendes Konzept. Jedenfalls bis man die Details betrachtet: Den Airlines werden rund 80 Prozent dieser grünen Zertifikate geschenkt. Die 17 Prozent der Österreicher, die mehr als ein Mal im Jahr fliegen, müssen hingegen bezahlen, um ihren grünen Fußabdruck zu verbessern. Im Reisebüro wird oft bereits ausgerechnet, wieviel Tonnen CO2 pro Person und Flug entstehen und wieviel man an Klimaschutzprojekte spenden muss, um dies auszugleichen.

So ein Projekt bietet etwa an Bäume zu pflanzen. Natürlich muss man dafür nicht in der Erde wühlen. Ein Mausklick genügt. Die Rechnung, die Dominik Schmitz von der Wiener Universität für Bodenkultur anstellt, ist simpel: „Wer von Österreich nach New York fliegt verursacht fünf Tonnen CO2. Um die zu kompensieren gilt es drei Bäume zu setzen. Das kostet, je nachdem, für welches unserer sechs Klimaschutzprojekte man sich entscheidet, rund 100 Euro.“ Ein schickes System. Erst fliegen, dann spenden, dann mit gutem Gewissen die nächste Fernreise buchen. Schön wärs. Doch um dem Flugtrend entgegenzuwirken müsste man früher oder später die ganze Erde mit Bäumen begrünen. Damit nicht genug. „Auch der schönste Wald bindet kein CO2, wenn er nach wenigen Jahren gerodet wird. Das ist der Fall, wenn man vor dem Anpflanzen nicht mit der Bevölkerung vor Ort spricht, welche Bäume sie gerne an welcher Stelle hätten“, sagt Adam Pawloff von Greenpeace.

Je teurer das Projekt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass das Geld effizient genutzt wird. Sogleich nennt Pawloff ein Negativ-Beispiel: „Oft wird Eukalyptus gesetzt, weil der rasch wächst. Aber dessen Blätter sind toxisch. Fallen sie zu Boden wächst dort sonst nichts mehr. Die Einheimischen können das Holz lediglich verheizen und die Bäume sonst nicht nutzen.“ Höchste Zeit CO2 einzusparen und den „Greta-Effekt“ zu beherzigen. „Verändert sich unser Lebensstil nicht, stehen die Chancen gut, dass wir bei der gegenwärtigen CO2-Menge aus der Nutzung fossiler Brennstoffe das 1,5-Grad-Klima-Ziel verpassen“, warnt Karl Otto Schallaböck, pensionierter Luftfahrtexperte des Wuppertal Instituts. Mehr noch: „Behalten wir den Lebensstil für mehr als acht Jahre bei, wird bis zum Jahr 2100 sogar das zwei-Grad-Ziel der globalen Erwärmung überschritten werden.“ Als gutes Beispiel geht so mancher Prominente voran. Schauspieler Jan Josef Liefers reist nach Möglichkeit mit der Bahn. Die deutsche Band Santiano fliegt so wenig wie möglich – außer es lässt sich aus Zeitgründen nicht verhindern. Und Schauspielerin Palina Rojinski zieht es nicht in die Ferne, weil sie das schöne Wasser und gute Essen Europas schätzt. Davon hat auch Tirol genug zu bieten. Wie wärs im nächsten Urlaub mit Käsknödeln statt brasilianischem Bohneneintopf? Sonnen am Baggersee statt am Meer? Und Radfahren statt fliegen? Vielleicht bürgert sich dann bald ein neues Wort ein: Radlstolz!

Klimaschutzprojekte bieten an, Bäume zu pflanzen, um den grünen Fußabdruck zu verbessern
Klimaschutzprojekte bieten an, Bäume zu pflanzen, um den grünen Fußabdruck zu verbessern
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Fragen und Antworten

Ist Fliegen der größte Klimasünder?

Weltweit ist die Luftfahrt nur für 2,69 Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich. „Diese Zahl ist gering. Doch Flugzeuge reisen in sechs bis zehn Kilometern Höhe. Dort wirken sich diese ,wenigen’ Emissionen fataler aus, als würden sie am Boden entstehen“, sagt Günther Lichtblau vom Umweltbundesamt.

Ist Fliegen fataler als Autofahren?

Die Europäische Umweltagentur hat ermittelt, dass pro Passagier und Kilometer 285 Gramm CO2 beim Fliegen freigesetzt werden. Beim Autofahren sind es 158, im Fernbus 32 und im Zug 14 Gramm.

Wie beeinträchtigt Fliegen das Klima?

Bei der Verbrennung von Kerosin entsteht nicht nur Kohlendioxid, sondern auch Stickoxide, Wasserdampf und Rußpartikel. Sie alle können die Atmosphäre und somit den Klimawandel beeinflussen.

Warum reden derzeit alle übers Fliegen?

Weil Fliegen boomt: Weltweit wächst der Luftverkehr jedes Jahr um fünf Prozent. In Innsbruck landeten laut Statistik Austria im Jahr 2014 492.500 Fluggäste. 2018 waren es bereits 561.600.

An welchen alternativen Flugtechnologien wird geforscht?

Das Flugzeugmodell Solar Impulse belegt, dass Fliegen mit Solarantrieb möglich ist. „Passagierflüge sind damit aber noch unmöglich“, sagt Rolf Henke, Mitglied des Vorstandes für Luftfahrtforschung und Technologie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Bei Elektroantrieben sind die Batterien derzeit zu schwer. Im Bezug auf Bio-Treibstoff, der aus Algen, Palm- oder Rapsöl hergestellt wird, gab es zwar Testflüge. Fraglich ist allerdings, ob man genug dieser Pflanzen anbauen kann, um der Nachfrage zu entsprechen. „Wichtiger ist, derzeit bestehende Triebwerke zu verbessern und leichtere Flugzeuge zu bauen.“

Inwiefern arbeiten Fluglinien daran, das Klima zu schützen?

Treibstoff wird immer effizienter. Während der deutsche Luftverkehr seit 1990 um mehr als 200 Prozent wuchs, stieg der Kerosinbedarf seitdem um 98 Prozent. Ab 2020 soll eine Zunahme an Flügen nicht zu mehr CO2-Emissionen führen. Das geht, indem Klimaschutzprojekte finanziert werden.

Können auch Private Klimaschutzprojekte unterstützen?

Dominik Schmitz von der Universität für Bodenkultur in Wien erstellt Klimaschutzprojekte, die derzeit 40.000 Tonnen CO2 speichern: „In Äthiopien wird das Geld etwa genutzt, um Bäume zu pflanzen. In Uganda desinfiziert man Trinkwasser mit UV-Licht, sodass es nicht durch den Einsatz von Holz abgekocht werden muss, denn auch dadurch würde CO2 entstehen.“ https://boku.ac.at/

Gibt es klimafreundlichere Fluglinien?

Die Firma Atmosfair (atmosfair.de) hat knapp 200 Fluggesellschaften in Sachen CO2-Effizienz verglichen. Dabei wurde unter anderem auf Auslastung, Triebwerk und Fluglänge geachtet. Bei Langstreckenflügen überzeugte TUI Airways.

Wie kann die Politik ihren Beitrag leisten?

Adam Pawloff von Greenpeace betont, dass nicht nur Passagierflieger dem Klima schaden: „Muss es sein, dass Erdbeeren von Neuseeland nach Österreich geflogen werden? Oder Wäsche zum Waschen nach Indien reist? Rahmenbedingungen fördern diesen Trend. Weil Kerosin steuerbefreit ist, wird es künstlich günstig gehalten. Betanken Sie Ihr Auto, müssen Sie Mineralölsteuer zahlen. Ist das fair? Zudem gilt für Flugtickets nicht die übliche Mehrwertsteuer.“

Kann die Atmosphäre durch Fliegen auch gekühlt werden?

Mit dieser Frage hat sich Stefanie Meilinger von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg befasst: „Fliegen wirkt sich nicht nur durch den CO2-Ausstoß auf die Atmosphäre aus. Auch Kondensstreifen beeinflussen das Klima. Die wirken sich, je nachdem, wo sie sich befinden, kühlend oder erwärmend auf die Erde aus.“ Kondensstreifen, die am Tag über dem Atlantik entstehen, kühlen etwa. Während sie nachts, über einer Stadt, verhindern, dass Hitze von der Erde abstrahlt. „Orientiert man sich bei der Flugplanung daran, lässt sich das Klima so aktiv beeinflussen.“