Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 20.07.2019


Tirol

Mit Odysseus übers wilde Meer: Tiroler will seine Geschichte erzählen

Er macht keinen Urlaub wie andere. Der Höttinger Werner Lener (75) überstellt in seiner Freizeit Schiffe. Die Geschichte seines größten Abenteuers will er jetzt als Buch veröffentlichen.

Einer der seltenen ruhigen Momente im berüchtigten Golf von Biskaya, den der Innsbrucker Werner Lener genießen kann.

© lenerEiner der seltenen ruhigen Momente im berüchtigten Golf von Biskaya, den der Innsbrucker Werner Lener genießen kann.



Von Matthias Christler

Innsbruck – Die Erzählung könnte vom Dichter Homer höchstpersönlich stammen. Kurz vor dem Ziel, die vier Männer aus Tirol sind bereits seit knapp einem Monat auf See, liegt der vorletzte Hafen ihrer Reise von der Kleinstadt Barth an der Ostsee nach Lissabon direkt vor ihnen. Sie können die Stadt sehen, Nazaré, berüchtigt für ihre gigantischen Wellen. Hat sich jetzt der Meeresgott Poseidon tatsächlich gegen sie verschworen? Es fühlt sich an, als würde das Schiff bergauf fahren müssen. Die Crew um Werner Lener, Skipper und „Mädchen für alles“ des Zweimasters mit dem Namen „Odysseus“, segelt mutig weiter.

Mittlerweile elf Jahre sind seit dieser Geschichte vergangen und der inzwischen 75-jährige Innsbrucker würde heute nicht auf einer Couch sitzend davon erzählen, wenn es nicht gut ausgegangen wäre. Mit seinem Strohhut, dem blauen Pulli und der leichten Hose sieht er wie ein Hobbykapitän aus, der ein Elektroboot in einem Hafen am Gardasee liegen hat und gemütliche Halbtagesausflüge damit macht. Ein Espresso hier, eine Pasta dort. Von wegen.

Lener ist – er wird den Begriff verzeihen – ein alter Seewolf. Seit 35 Jahren segelt er privat und seit 13 Jahren bringt er in seiner Freizeit Schiffe von einem zu einem anderen, meist weit, weit entfernten Hafen. „Die Firma, bei der ich mit Freunden die Schiffe immer gechartert habe, sucht immer Leute für solche Überstellungen. Für einen Spottpreis bekommt man dann ein Schiff und erlebt ein Abenteuer“, erzählt der Innsbrucker von den mittlerweile 13 Überstellungen, die bisher letzte vor einem Jahr. Von zwei dieser Reisen hat er Bücher veröffentlicht – mehr schlecht als recht, wie er zugibt. Jetzt soll ein drittes Buch folgen, dieses Mal professionell bearbeitet, weil es um sein größtes Abenteuer gehen soll. Von dem, wo scheinbar sogar Poseidon seine Finger im Spiel hatte.

Zu viert segeln die Tiroler von der Ostsee nach Lissabon. Das Wetter – hier ein wildes Schneetreiben – meint es nicht immer gut mit ihnen.
Zu viert segeln die Tiroler von der Ostsee nach Lissabon. Das Wetter – hier ein wildes Schneetreiben – meint es nicht immer gut mit ihnen.
- lener

Den Strohhut hat Lener inzwischen abgelegt. Die Erzählung könnte dauern, denn der Prolog allein würde mehrere Seiten füllen. Der Mann mit den blauen Augen und den grauen Barthaaren lehnt sich zurück und beginnt am Anfang: Wie kommt ein Bub aus Hötting aufs Meer? „Als ich 26, 27 Jahre alt war, habe ich zuerst in München im Sportartikelhandel gearbeitet. Dann bin ich nach Hamburg in ein Kaufhaus gewechselt, da wurde ich als der Tiroler Experte für Ski angepriesen. Denen hätte ich alles verkaufen können“, lacht er spitzbübisch auf.

Die Meeresluft dürfte es ihm gleich angetan haben. 1972 heuerte er als Schiffssteward auf einem Forschungsschiff an. Das sei eine beinharte Arbeit gewesen und noch heute klingt ihm der Ratschlag eines alten Seebären im Ohr: „Wenn du zu lange auf dem Schiff bleibst, kommst du an Land nicht mehr zurecht.“

Ihr Schiff, die „Odysseus“, ist ein kleiner Zweimaster.
Ihr Schiff, die „Odysseus“, ist ein kleiner Zweimaster.
- lener

Den Rat hat er beherzigt. Nach seiner Rückkehr in die Tiroler Heimat beschränkte er sich auf kleinere Segeltörns. Die große Leidenschaft war eher die Musik, seit 60 Jahren spielt er für die Musikkapelle Hötting. Ausgerechnet nachdem er bei einem Kollegen an Bord ging, der keine Ahnung von der Schifffahrerei hatte, zuerst auf Grund aufgelaufen, dann in den falschen Hafen eingelaufen war, beschloss er, selbst das Ruder zu übernehmen. Er machte den Segelschein. Das meiste gelernt hat er auf der einen besagten Reise nach Lissabon.

Als er mit drei Freunden, Eigner und Kapitän Walter Renner, Herbert Schreier und dem mittlerweile verstorbenen Erich Lanzanasto, in Norddeutschland am Hafen den Namen des Schiffes („Odysseus“) las, hätte er eine Vorahnung haben können. Dass der vorgesehene Berufskapitän kurz vor dem Auslaufen wegen Magenbeschwerden abgesagt hatte („Eine faule Ausrede“), war ebenso nicht hilfreich. Die vier Tiroler mussten den Zweimaster alleine 25 Tage lang vom 19. März bis 12. April über den Ärmelkanal in den Süden bringen. 1700 Seemeilen voller Stürme, Wellenberge und -täler, mit Eisregen, sogar Schneetreiben, heftigem Tankerverkehr im Ärmelkanal und sogar einer Kontrolle durch die Drogen- und Finanzpolizei vor der holländischen Küste.

„Am Golf von Biskaya, einem der schlimmsten Orte der Weltmeere, ist uns auch noch ein Segel gerissen“, erinnert sich Lener. Sie segelten weiter. Ein „krimineller und lebensgefährlicher“ Sturm um 12 Uhr in der Nacht konnte sie nicht aufhalten. Sie segelten weiter. Und sogar das Meer, das sich vor Nazaré ihnen entgegenstellte, überstanden sie unbeschadet. Sie segelten bis ans Ziel. Erst später erfuhr Lener, was es mit dem schiefen Meer vor der Küste von Nazaré auf sich hatte. „Am Hafen steht eine riesige Mauer, als Schutz für die Stadt. Wenn die Atlantikwellen auf diese Mauer aufprallen, werden sie zurückgeworfen und dann fühlt es sich für ein Schiff so an, als würde es bergauf fahren müssen“, erklärt er das Phänomen.

Poseidon hatte also nichts gegen Lener und seine Mannschaft, die „Odysseus“ durfte passieren. Ein glückliches Ende einer abenteuerlichen Geschichte. Lener hat damals alles im Logbuch festgehalten. Daraus hat er nun eine Rohfassung für ein Buch zusammengestellt. Er wolle nicht als Lehrmeister herüberkommen, aber andere aufs oft harte Leben auf dem Meer vorbereiten. „Bei einem Segeltörn passiert eigentlich immer etwas, das einem so noch nie passiert ist.“ Der Tiroler Seewolf setzt seinen Strohhut wieder auf, den USB-Stick mit seiner Rohfassung reicht er weiter. 350 Seiten hat sie, eine fast epische Geschichte.

„Odysseus“ — eine Winterüberstellung von der Ostsee nach Lissabon

Die Reise. Der Zweimaster „Odysseus" wurde im Jahr 2008 von der Ostsee nach Grado am Mittelmeer überstellt. Eigner Walter Renner und die Co-Skipper Herbert Schreier, Erich Lanzanasto sowie Werner Lener übernahmen die erste, abenteuerliche Etappe bis nach Lissabon.

Der Aufruf. Werner Lener sucht Interessierte, die ihm helfen, die Geschichte des Segeltörns als Buch zu verlegen. Eine 350-seitige Rohfassung hat er bereits zusammengeschrieben. Kontakt zu Werner Lener unter der Telefonnummer 0650/2062401.

Die Crew der „Odysseus“.
Die Crew der „Odysseus“.
- lener



Kommentieren


Schlagworte