Letztes Update am Fr, 19.07.2019 15:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Unterwegs in Südfrankreich: Die schönsten Seiten längst vergangener Zeiten

Die südfranzösischen Départements Ardèche und Lot mit ihren Flüssen Ardèche und Dordogne sind nicht nur erstrangige Tourismusdestinationen zum Schwimmen und Klettern, zum Campieren, Kanu und Rad fahren. Entlang ihrer Flussläufe sind auch prähistorische Fundstellen zu sehen.

Die natürliche Steinbrücke  Pont d’Arc mit dem weißen Sandstrand zieht die Menschen an.

© Harald SagerDie natürliche Steinbrücke Pont d’Arc mit dem weißen Sandstrand zieht die Menschen an.



Von Harald Sager

Das muss man sich einmal vorstellen: „Uns trennt eine ebenso lange Zeitspanne von den Höhlenmalern von Lascaux wie diese von Chauvet“, sagt Sébastien Gayet vom Tourismusbüro Pont d’Arc Ardèche. Tatsächlich: Die Bilder von Lascaux, der wohl berühmtesten prähistorischen Fundstelle ihrer Art, werden grosso modo auf 18.000 Jahre geschätzt, jene der Chauvet-Höhle auf 36.000 Jahre. Der Speläologe, sprich Höhlenforscher, Jean-Marie Chauvet hat sie erst 1994 in der Ardèche-Schlucht, nahe der Kleinstadt Vallon-Pont-d’Arc, entdeckt. Ihr Eingang war vor etwa 21.500 Jahren verschüttet worden.

Der kleine Ort Loubressac thront über dem Dordogne-Tal.
Der kleine Ort Loubressac thront über dem Dordogne-Tal.
- Harald Sager

Es waren unsere Vorfahren, welche die Gewölbe bemalten, wenn sie auch in recht anderen Verhältnissen lebten: Das Europa jener Zeit war eine Steppenlandschaft, die Bewaldung setzte erst im Zuge der Klimaerwärmung vor etwa 12.000 Jahren ein. Was auch erklärt, weshalb in der Chauvet-Höhle nicht nur Auerochsen, Bisons, Mammuts, Pferde oder Höhlenbären dargestellt sind, sondern auch unvermutetere Arten wie (mähnenlose) Löwen, Wollhaarrhinozerosse und Schneepanther.

Die Menschen kamen übrigens nur zum Zeichnen in diese und andere Höhlen des Ardèche-Kalksteinmassivs, lebten aber nicht darin: Die Gewölbe waren von Winterschlaf haltenden Höhlenbären okkupiert, die ungemütlich werden konnten, wenn man sie störte.

Aus Sorge um den Bestand der etwa 1000 Darstellungen ist die originale Chauvet-Höhle – ebenso wie jene von Lascaux – für die Öffentlichkeit geschlossen, die in der Nähe gelegene Caverne du Pont d’Arc, die vor zwei Jahren eröffnet wurde, bildet die Szenerie originalgetreu, jedoch in kleinerem Maßstab, nach. Im angeschlossenen Museum wird die Lebenswelt der Menschen in der jungsteinzeitlichen Aurignacien-Periode, also zwischen 40.000 bis 28.000 v. Chr., nachgebildet. Einschließlich Modellen von Bären, Löwen und Panthern, die deutlich größer waren als jene unserer Zeit. Mammuts konnten sogar bis zu vier Meter groß werden. Die Menschen, die in kleinen Gruppen von 25 bis 30 Leuten lebten, hatten gegen diese Kolosse keinen leichten Stand, profilierten sich aber, wie nachgestellte Szenen zeigen, als bewaffnete hinterhältige Jäger.

In den Schluchten unterwegs

Für die Tourismuswirtschaft des Départements ist die Caverne du Pont d’Arc jedenfalls ein Volltreffer, der ganzjährig funktioniert. In den zweieinhalb Jahren ihres Bestehens hatte sie bereits über eine Million Besucher.

Aber natürlich ist die Ardèche, insbesondere ihre Gorges, die Ardèche-Schlucht, auch für sich genommen ein Tourismus- magnet. Längs des grünlich schimmernden Flusses gibt es zahlreiche Campingplätze, man fährt Kanu, Kajak oder Rad, klettert die senkrecht in die Höhe steigenden Felswände hoch oder badet an den weißen Sandbänken. Wie zum Beispiel beim Pont d’Arc, einem vor über einer Million Jahren entstandenen natürlichen Steinbogen über der Ardèche. Ein eindrucksvolles Naturdenkmal, das vom stetigen Drang der Ardèche zeugt, sich durch den mächtigen Korridor des Kalksteinmassivs durchzuschlagen. Gelungen ist ihr das zwar, aber nicht gerade in geradliniger Art und Weise, und auch die 1960 erbaute Tourismusstraße entlang der Gorges de l’Ardèche schafft es nicht immer, die zahlreichen Mäander des Flusses getreulich nachzuzeichnen.

 In der Grotte von Padirac kann man eine Barke besteigen und den unterirdischen Fluss befahren.
In der Grotte von Padirac kann man eine Barke besteigen und den unterirdischen Fluss befahren.
- Harald Sager

Sobald man aber das Plateau erreicht hat, öffnen sich herrliche Blicke auf den vielfach gewundenen Fluss. Aber auch auf die Kalksteinlandschaften des Naturschutzgebiets mit ihren undurchdringlichen Wäldern aus Wacholderbäumen, niedrigen Eichen und Garrigue – ein dichter Spannteppich, in dem sich Wildschweine und wilde Ziegen herumtreiben sollen.

Die Erbauer der etwa 35 Kilometer langen Straße zwischen Vallon-Pont-d’Arc und Saint-Martin-d’Ardèche waren buchstäblich weitsichtig genug, eine Reihe von Aussichtsplätzen auf der ansons­ten recht schmalen Straße einzubauen. Da und dort führen auch Wege durchs dichte Buschwerk ans Ufer hinunter – man geht lange und beschwerlich, hat die Sandbänke dann aber meist für sich.

Historische Bauten sind im Département Lot leicht zu finden.
Historische Bauten sind im Département Lot leicht zu finden.
- Harald Sager

Hinein in die Grotten

Die Grotte von Padirac liegt zwei Départements weiter westlich, nämlich im Lot, hat aber ähnliche Voraussetzungen: ein Kalksteinmassiv und die Nähe eines Flusses, diesfalls die Dordogne. Sie ist im Jahr 1898 erstmals vom Speläologen Édouard-Alfred Martel erforscht worden.

Zunächst einmal handelt es sich um ein breites und 75 Meter tiefes Loch, das sich vor drei bis vier Millionen Jahren im Kalkfels gebildet hat. Daran schließen sich mehrere hohe Hallen sowie phantastisch und geradezu psychedelisch anmutende, im Zusammenspiel von Kalk und Wasser geformte Gewölbe an. Schlauchartige Gänge münden in Hallen mit Namen „salle du grand dôme“ oder „grotte des merveilles“, an vielen Stellen tropft es immerzu, und zuletzt kommt man in 103 Metern Tiefe an einen unterirdischen Fluss. Man besteigt eine Barke und fährt den Fluss einen Kilometer hinunter.

Zu Füßen der Madonna

Die größte Attraktion des Départements Lot, der historischen Provinz Quercy, ist aber der Wallfahrtsort Rocamadour im Tal der Dordogne. Rocamadour, das einer steilen Felswand förmlich abgetrotzt ist, besteht seit über tausend Jahren und ist seit damals ein Pilgerort. Heute ist es das nach wie vor, seiner Pittoreskheit wegen aber vor allem ein touristischer Hotspot des Départements. Da kann es vorkommen, dass eine Touristengruppe gerade die Schwarze Madonna mit ihren Handykameras ablichtet, und plötzlich kommen zwei, drei Pilger mit Rucksäcken in die Kapelle herein, knien nieder und singen geistliche Lieder. Die Touristen sind von dieser fremdartigen innigen Frömmigkeit kurz irritiert – fassen sich aber gleich wieder und lichten rasch auch die Pilger ab.

Das am Fels stehende Ensemble aus sieben aneinandergereihten, aber separaten Kapellen und einer Basilika samt Reliquie (Gebeine des heiligen Amadour) ist tiefstes gottergebenes Mittelalter. Insbesondere die holzgeschnitzte Madonna aus dem 12. Jahrhundert, Schutzpatronin der Seeleute und der Frauen mit Kinderwunsch, wurde und wird verehrt. Ihr Blick ist undurchdringlich, das Jesuskind auf dem Schoß wirkt wie ein Erwachsener im kleineren Maßstab.

Die Caverne du Pont d’Arc mit den Darstellungen von Höhlenmalereien ist ein Besuchermagnet.
Die Caverne du Pont d’Arc mit den Darstellungen von Höhlenmalereien ist ein Besuchermagnet.
- Harald Sager

Etliche Ortschaften im Tal der Dordogne zählen zu den schönsten Frankreichs und sind auch entsprechend klassifiziert. So etwa das mittelalterliche Autoire, das in einer Mulde liegt und einen Wasserfall in der Nähe hat. Die herrschaftlichen Häuser in Autoire dienten dem wohlhabenden Bürgertum früherer Zeiten als Ferienhäuser. Oder Loubressac, das auf auf einem Hügel hoch über dem Dordogne-Tal thront und Ausblicke weit ins Land bietet.

Gut zu wissen

Anreise: Mit Austrian von Innsbruck via Wien nach Lyon. Mit dem Mietwagen in die Départements Ardèche und Lot. Von Lyon oder Toulouse mit Austrian via Wien zurück nach Innsbruck.

Unterkunft:

Hôtel le Belvédère: Dreisternhaus unweit des Städtchens Vallon-Pont-d’Arc und in unmittelbarer Nähe des Pont d’Arc. Es gibt einen Außenpool, aber in der grünlich schimmernden Ardèche schwimmen ist viel schöner. www.hotel-ardeche-belvedere.com Hôtel Le Beau Site: Dreisternhotel mitten in der Altstadt von Rocamadour. Das Gebäude wurde im 16. Jahrhundert als Residenz des Malteserritters Jean de Valon erbaut. Ausgezeichnetes Essen auf der Terrasse, Zimmer mit Blick auf das Alzou-Flusstal. www.bestwestern-beausite.com Chambres d’hôtes La Devinie in Martel: Sylvie Pivaudran hat diese geräumige „maison bourgeoise“ aus dem 19. Jahrhundert in ein nur vier Gästezimmer umfassendes Bed & Breakfast umgebaut. Sehr familiäre und fürsorgliche Atmosphäre, die Familie wohnt selbst hier. www.la-devinie.com class="TT11_Interview_Grundtext_Spitzmarke">

Die Reise erfolgte auf Einladung von Atout France.