Letztes Update am So, 21.07.2019 06:50

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Wo Camping-Träume wahr werden: Ein Besuch in der Leutasch

Egal ob mit Zelt, Wohnwagen oder Wohnmobil – in Tirol machen Camper gerne auch für mehrere Tage Halt. Ein Besuch in der Leutasch zeigt, was Camping-Gäste hierzulande schätzen und wie sich die Szene weiterentwickelt hat.

Wie im Restaurant. Christiane und Peter Stepper frühstücken am liebevoll gedeckten Campingtisch.

© Thomas Boehm / TTWie im Restaurant. Christiane und Peter Stepper frühstücken am liebevoll gedeckten Campingtisch.



Von Theresa Mair

Morgens halb zehn in der Leutasch: Während sich arbeitende Menschen bereits auf die erste Kaffeepause des Tages freuen, liegt der Campingplatz „Tirol.Camp“ ganz verträumt da. Sogar die Sonne schaut nach dem Regenwochenende am Montag noch etwas zögerlich hervor. Von den 200 Gästen, die sich auf den Stellplätzen einquartiert haben, merkt man kaum etwas.

Selbstversorger. Natalia Merkulova kümmert sich schon in der Früh ums Essen.
Selbstversorger. Natalia Merkulova kümmert sich schon in der Früh ums Essen.
- Thomas Boehm / TT

Nur Natalia Merkulova hat bereits die Erdäpfel für das Mittagsessen auf dem elektrischen Zweiplattenherd aufgestellt. Während sich der Rest der Familie schüchtern im großen blauen Zelt mit den Gummistiefeln vor der „Haustür“ verkriecht, gibt sie freundlich Auskunft. Vor drei Tagen seien sie zu fünft aus Frankfurt am Main angereist. Es gefällt ihnen hier, bereits zum dritten Mal machen sie auf dem Campingplatz Ferien. Als sie vom Angeln erzählt, leuchten ihre Augen richtig auf. Drei Forellen habe sie am Vor­abend aufgetischt.

Ein paar Meter weiter davor wird an einem liebevoll gedeckten und mit Blümchen dekorierten Tisch noch ausgiebig gefrühstückt. Dabei lassen sich Christiane und Peter Stepper nicht einmal im Urlaub bedienen. Nur die frischen Semmeln kommen vom Brötchen-Service des Campingplatzes. Die passionierten Camper aus der Nähe von Dinslaken in Deutschland lassen es zum Auftakt ihrer dreieinhalbwöchigen Österreich-Tour mit Auto und Wohnwagen ruhig angehen.

„Am Anfang war Camping Zelt und Isomatte, heute sind es Satellitenschüssel und Klimaanlage“, sinniert Christiane Stepper, wie sich die Urlaubsform Camping im Laufe der Zeit verändert hat. Auf den Knien hat sie den ADAC-Campingführer. Sie möchte wissen, wie sie und ihr Mann mit dem Wohnwagen am besten ins Inntal kommen. An den österreichischen Plätzen schätzen die Steppers den hohen Komfort. „Alles keine lebensnotwendigen Dinge, aber schön, dass es das alles gibt. WLAN braucht man heute einfach. Letztes Jahr waren wir in Norwegen, da ist alles noch sehr einfach, mit Gemeinschaftsduschen, wie man sie von den alten Schwimmhallen kennt. Aber solange alles sauber ist, passt das auch“, sagt Peter.

Schön kühl finden es die Italienerinnen Sara und Camilla Pedroni in der Leutasch.
Schön kühl finden es die Italienerinnen Sara und Camilla Pedroni in der Leutasch.
- Thomas Boehm / TT

Anfang des Jahres hat es „Tirol.Camp“ im Ranking der Gästebewertungen des größten Online-Campingportals Europas „Camping.info“ zum beliebtesten Tiroler Platz gebracht, europaweit wurde er Nummer 16. „Die Gäste wissen die Übersichtlichkeit und Ruhe des Campingplatzes zu schätzen“, weiß Kerstin Weigand, die mit dem Marketing des Campingplatzes beauftragt ist. Neben all dem Komfort – Hallenbad, Fitnessraum, Sauna, E-Bike-Verleih –, der Sauberkeit der Sanitäranlagen und der Auskunftsfreude der Rezeptionisten, versteht sich

Campingland Tirol

Rund 80 Campingplätze gibt es in Tirol, gut 70 davon haben sich zur Werbegemeinschaft Camping zusammengeschlossen. Teilweise haben sie nur im Sommer geöffnet, viele bieten aber auch Wintercamping an, was zusätzlicher Infrastruktur in Sachen Frostsicherheit bedarf. Der Großteil der Plätze hat bis zu 150 Stellplätze, ungefähr 15 bieten sogar mehr Platz und einige wenige sind mit 20, 30 Plätzen, auf denen man sein Zelt aufschlagen oder das Wohnmobil abstellen kann, überschaubar.

Zeitvertreib. Beim Tischfußball vergeht die Zeit, bis der Stellplatz frei ist, für die Romers schneller.
Zeitvertreib. Beim Tischfußball vergeht die Zeit, bis der Stellplatz frei ist, für die Romers schneller.
- Thomas Boehm / TT

„Tirol hat die größte Konzentration an qualitativ besten Plätzen in Europa. Das ist der Bemühung von einzelnen Familien zu verdanken. Es sind fast alle familiengeführte Plätze“, sagt Reinhard Haslwanter, Obmann-Stv. der Fachgruppe Freizeit- und Sportbetriebe bei der Wirtschaftskammer Tirol. Man hört den Stolz aus seiner Stimme heraus. Viel mehr Steigerungsmöglichkeiten gebe es nicht.

Rerservierung erwünscht

Die Auslastung nehme von Jahr zu Jahr leicht zu. „Die Gäste möchten heute alles haben, Kletterhalle, Sauna, Schwimmbad. Die Investitionen sind gewaltig.“

Es sei dann natürlich auch eine Preisfrage, was man sich leisten kann und will. Andererseits gebe es auch wieder mehr, auch ältere, Gäste, die nur mit dem Zelt anreisen oder Rad- und Motorradfahrer, die mit kleinem Gepäck von Nord nach Süd fahren. „Camping ist sehr witterungsabhängig. Der Camping-Gast mag es warm und schönes Wetter. Wenn es nicht passt, ist er schneller weg als ein Hotelgast. Dafür ist er ja auch mobil“, weiß Haslwanter.

Auch nur mit zwei Zelten, aber vom heißen Süden ins kühlere Leutaschtal geflohen sind die Pedronis aus Genua. In Italien sei es einfach zu heiß, sagt Mutter Sara Pedroni, die im warmen Pulli auf dem Campingsessel gemütlich in einem Roman liest, bis der Mann vom Geschirrwaschen zurückkommt. Der Platz in der Leutasch wurde der Familie von Freunden empfohlen. Sie ist zum zweiten Mal hier. „Es ist nicht so einfach, einen so komfortablen Campingplatz zu finden. Das weite Tal, die Berge, die Möglichkeit, alles zu Fuß zu erledigen, die Ruhe und die wenigen Leute hier. Das ist alles sehr entspannend“, findet Sara.

Sportskanonen. Fitness und ein Klettersteig sind Sonja und Nova Brouwer wichtig.
Sportskanonen. Fitness und ein Klettersteig sind Sonja und Nova Brouwer wichtig.
- Thomas Boehm / TT

Das ist Balsam auf der Seele von Weigand. „Viele Leute wollen einfach wieder weg vom Massentourismus. Camper sind sehr angenehme, unkomplizierte Gäste“, sagt sie. Den Aufwand der Betreiber dürfe man aber nicht unterschätzen. „In der Saison ist das hier wie ein 350-Betten-Hotel.“ 137 Stellplätze, zehn Zimmer und vier Blockhäuser umfasst „Tirol.Camp“. Zehn Prozent der Gäste sind Dauercamper, die meisten aus dem Münchner Raum, die am Wochenende in die Natur wollen.

Damit erklärt sich auch, wie die Corvette neben dem Wohnwagen auf den Campingplatz kommt. Ein kurzer prüfender Blick bestätigt: Anhängerkupplung hat der Sportwagen keine. „Ja, das ist ein Dauercamper“, sagt Weigand. Die meisten Gäste kommen aus Deutschland, gefolgt von Touristen aus den Benelux-Ländern, Italien und Frankreich. 2018 zählte man 39.600 Nächtigungen, 24.500 davon im Sommer. „Bei der Übernahme des Campingplatzes durch die Gastlichkeit T GmbH vor fünfeinhalb Jahren hatten wir circa 21.000 Nächtigun- gen. Camping liegt im Trend“, schildert Weigand. Doch es wurde auch investiert – zuletzt in den Internet-Auftritt, der jetzt Online-Buchungen ermöglicht. „Auch beim Camping wird inzwischen viel vorreserviert.“

Das Thema der Online-Bewertungen, vor allem die in den Camping-Markt drängenden Buchungsportale wie Airbnb und Booking.com mit ihrer umstrittenen Preispolitik, liegen Haslwanter jedoch etwas im Magen. „Wenn man jemandem etwas Böses will, kann man ihm unter dem Deckmantel der Anonymität unheimlich damit schaden.“ Allerdings vergeben Campingführer wie der des ADAC auch die Sterne-Klassifikation an die Campingplätze, viele Gäste orientieren sich an den Bewertungen. So auch Sonja Brouwer aus Tilburg (NL), die sich mit Tochter Nova im Fitnessraum in Form bringt. Die erfahrenen Camper haben für ihren zweiwöchigen Urlaub auf dem Online-Portal „Zoover“ gezielt nach einem gut beurteilten Platz gesucht.

Inzwischen ist es fast Mittag und „Tirol.Camp“ wacht auf. Im Spieleraum vertreibt sich die Schweizer Familie Romer beim Tischfußball die Zeit, bis sie ihren Stellplatz besiedeln kann. Alle zwei Jahre kutschieren die Frühaufsteher ihren Wohnwagen nach Griechenland, heuer ist Tirol dran. „Es hat alles seine Vorteile“, sagt Vater René. Hier fühle man sich sicher, man sieht keine Abfallberge. „Die Kinder vermissen halt ein bisschen das Meer“, fügt er lachend hinzu. Dafür gibt es ein Hallenbad. Denn als Camper in Tirol muss man sich – fast – nichts abgehen lassen.

Tirol, das Land der vielen Campingplätze

Abenteuerlich. Der Campingplatz Aufenfeld von Familie Fiegl in Aschau ist mit 400 Stellplätzen nicht nur der größte, sondern garantiert mit Reitgelände, Skaterbahn, Indianerlager etc. Abenteuer und Spaß.

Glamourös. „Glamping", glamourös campen, ist ein Gebot der Stunde. Ein ganzjährig ausgezeichneter Platz dafür ist das „Ferienparadies Natterer See", das u. a. mit Safari-Lodge-Zelten punktet.

In luftiger Höhe. Einer der höchstgelegenen Campingplätze ist jener am Fuße des Gaislachkogels in Sölden auf 1377 Metern. „Camping Sölden" verfügt über 100 Stellplätze, Kletterwand und Wellnessbereich.