Letztes Update am So, 11.08.2019 07:25

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Zu Besuch beim winzigen Nachbarn: Liechtenstein feiert Geburtstag

Liechtenstein wird 300 Jahre alt und feiert seinen Geburtstag am 15. August. Besucher des Fürstentums können es ganzjährig erkunden — am spannendsten auf versteckten Wildererpfaden und mit frei fliegenden Greifvögeln.

Ob unterwegs mit Falkner Norman Vögeli ...

© Stephan BrünjesOb unterwegs mit Falkner Norman Vögeli ...



Von Stephan Brünjes

Norman Vögeli steigt mit seiner Frau Asul in den Sessellift. Wie immer wird das Paar angestarrt. Während der Fahrt säuselt Asul ihrem Norman süßliche Piepslaute ins Ohr. Beim Ausstieg an der Gipfelstation wieder entsetzte Blicke, diesmal von Wanderern. Norman macht sie kurzerhand mit Asul bekannt: „Gestatten, meine Steinadlerin, 2,20 Meter Flügelspannweite, zehn Jahre alt, fünf davon mit mir verheiratet.“ Kein Spleen eines flatterhaften Falkners, sondern seine persönliche Lovestory.

„Adler in Freiheit haben lebenslang nur einen Partner“, erklärt der 46-Jährige. „In Gefangenschaft ‚heiraten‘ sie mit Glück einen Menschen – wenn das Weibchen nach wochenlanger Balzzeit auf dem Lederhandschuh des Falkners landet.“ Schon Asuls Mutter Tiger tat es. Mit ihr war Norman 27 Jahre zusammen.

.. oder Leander Schädler im Rahmen seiner Wildniswanderung ...
.. oder Leander Schädler im Rahmen seiner Wildniswanderung ...
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Stephan Brünjes

Und darum hatte Susanne immer ein Problem, Normans langjährige, rechtmäßig angetraute Frau. Sie durfte bei Adlerwanderungen wie der heutigen nicht mit. Ebenso wie Tiger würde auch Asul Susanne mit ihren Krallen, so groß wie Bauarbeiter-Pranken, angreifen. Zickenkrieg mit garantierter Todesfolge. Grety und Erich Lang-Siegfried hingegen dürfen mit. Denn bei Einmal-Gästen werden Steinadler nicht eifersüchtig.

Das Züricher Rentner-Ehepaar bekam die Adlerwanderung zum Geburtstag. Ein exklusives Geschenk, denn Vögeli ist in den Alpen weit und breit der Einzige, der seine Habichte fliegen und auf Gästearmen landen oder seinen Steinadler steigen lässt, fast wie Familienväter ihren Drachen.

Hier in gut 2000 Metern Höhe, oberhalb von Malbun, Liechtensteins höchstem Dorf, kein Problem. Zwischen den Gipfeln von Gamsgrat, Spitz und Gorfion erschreckt Asul abseits der serpentinenartigen Wanderwege bloß Murmeltiere. Ein schriller Piep von ihnen heißt: Gefahr aus der Luft, erklärt Norman, zweimal dieser Laut bedeutet: Gefahr am Boden. So wie heute, denn Asul landet ruckzuck im Steilhang, kann dort vor Kraft kaum gehen.

..das kleine Land Liechtenstein hat so einiges zu bieten – auf den Schildern sieht man das Wappen des Fürstentums.
..das kleine Land Liechtenstein hat so einiges zu bieten – auf den Schildern sieht man das Wappen des Fürstentums.
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Stephan Brünjes

„Schau, sie stolziert wie Arnie Schwarzenegger“, kommentiert Norman grinsend.

Und erklärt dann, warum sie nicht in der Luft ist: „Kein Aufwind da, ohne den sind Adler als Thermikflieger hilflos, sie können ihr Gewicht von etwa zehn Kilo nicht allein durch Flügelschläge hochbringen.“ Was die Teilnehmer der Adlerwanderung jetzt erleben, ist wie eine Biologie-Exkursion mit dem grenzenlos fürs Thema begeisterten Junglehrer.

Ein wahres Adlerauge

Während Falkner Vögeli erklärt, dass Adler aus 2000 Metern Höhe eine Zigarettenschachtel erkennen können – daher die sprichwörtlichen Adleraugen –, schwingt Asul mit eleganten Flügelschlägen aus dem Talkessel raus, spürt endlich Aufwind und schraubt sich in die Höhe. Ein Pfiff ihres Falkner-Gatten, seine Linke, bewehrt mit einem dicken Lederhandschuh in der Luft – für die Adlerfrau das Zeichen: Komm in meinen Arm.

Halb ängstlich, halb fasziniert beobachten Grety und Erich, wie Asul über ihre eingezogenen Köpfe hinweg zu Norman rauscht. Nun darf jeder Teilnehmer der Wanderung den neun Kilo schweren Greif selbst auf dem Schutzhandschuh tragen. Ganz schön spitz, die neun Zentimeter langen Krallen, die mit 400 Kilo ihre Beute zu Tode drücken können.

Asul in der Luft. Doch pfeift Vögeli, kehrt sie zurück.
Asul in der Luft. Doch pfeift Vögeli, kehrt sie zurück.
- Stephan Brünjes

In freier Wildbahn wäre Asuls Revier so groß wie ganz Liechtenstein, sagt Norman – 24 Kilometer lang und 12 breit also. Auf der Landkarte ist das Fürstentum so eine Art Tropfen zwischen der Schweiz und Österreich, scheinbar ausgelaufen aus dem Bodensee und halb so groß wie München. 36.000 Einwohner, keine Soldaten, 60 Polizisten und ein Fürst, der oberhalb seines Schlosses schon mal barfuß im Wald joggt. Ach ja, und mehr als 40.000 Stiftungen, Banken und Treuhandgesellschaften gibt’s hier, hinter deren zumeist goldfarben blinkenden Türschildern honorige Herren wie Zumwinkel und Kanther, Schockemöhle und Strauß reichlich Geld steuerfrei versteckten. Vorbei, alles vorbei, beeilt man sich zu versichern, Liechtenstein sei spätestens seit der Finanzkrise sauber.

Und zack, schlagen die Einheimischen einen Haken von verschwiegenen Steuer-Deals zu Hilti, dem hier ansässigen Bohrmaschinengiganten oder Ivoclar, einer Top-Firma für dritte Zähne.

Im Schloss Vaduz ist die liechtensteinische Fürstenfamilie zuhause.
Im Schloss Vaduz ist die liechtensteinische Fürstenfamilie zuhause.
- Stephan Brünjes

Firmen, in denen Geld nicht gebunkert, sondern erarbeitet werde. Noch viel lieber aber erzählen Fürst Hans-Adams Untertanen von ihren bäuerlichen Vorfahren, die noch vor gut 100 Jahren so bettelarm waren, dass sie ihren Familien den gelegentlichen Sonntagsbraten nur durch Wilderei bescheren konnten. Leander Schädlers Ahnenreihe ist voll von solchen Erlebnissen. Darum macht der 61-jährige, ehemalige Landtagsabgeordnete daraus eine Wanderung.

Den grünen Filzhut tief ins eigens dreckverschmierte Gesicht gezogen, das Gewehr vom Wilderer-Urgroßvater im Anschlag, pirscht er mit seinen Gästen den steilen Pfad hinter der Alpe Bargälla hoch. Wilderer, so lernen sie, waren bei ihren Raubzügen immer quasi auf Stereo-Wachsamkeit gepolt. Einerseits die Beute im Blick behalten, etwa durch fingerfertige Prüfung des Kots. Alle mal bitte beherzt zugreifen! Grün und weich bedeutet: Hirsch mit Glück noch hinterm nächsten Hügel. Dunkle und harte, also schon ältere Losung hingegen heißt: Hirsch über alle Berge.

Auf ihrem zweiten Sinneskanal mussten Wilderer die Jagdaufseher im Auge haben. Am Heuberg, einem weitläufigen Gelände, bekamen die Wilderer Hilfe von ihren Frauen. Sie beobachteten, ob der Jagdaufseher aus dem Dorf loszog. Wenn ja, hängten die Frauen weithin sichtbare Bettlaken auf die Leine hinterm Haus – als Warnung, erzählt Schädler.

Der Wildschütz Xaver Beck

Trotzdem: So manches tragische Wildererschicksal konnten die­se Schlafzimmer-Spitzel nicht verhindern. „Hier wurde am 14. Oktober 1874 der Wildschütz Xaver Beck im Alter von 24 Jahren erschossen“, steht auf einem Gedenkstein. „Vom Jagdaufseher“, ergänzt Schädler.

Er hat die Gerichtsakte dieses Falles studiert. Nicht nur, um seinen Gästen die Geschichte genau zu erzählen, sondern auch, weil Xaver in den Armen von Schädlers Familien-Vorfahr starb. Ferdi hieß der – „ein ganz großes Kaliber“, raunt Schädler. Heißt übersetzt: Damals wohl der gefürchtetste und erfolgreichste Wilderer Liechtensteins, heute ein Held mit Stammplatz im Landesmuseum.

So einer wusste natürlich auch, wie man Beute bei Bedarf am Wegesrand fix verschwinden lässt: Beschwert mit einem Felsbrocken, plumps – ganz unten im eiskalten Gebirgsbach. Tiefkühlkost mit Blubb also, in seiner wahrscheinlich frühesten Form.