Letztes Update am Fr, 23.08.2019 13:30

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Kolumbien: Ein All-inclusive-Urlaub für die Öko-Touris

Das höchste Küstengebirge der Erde, Kaffee- und Kakao-Plantagen sowie Affen und Kaimane am Badestrand: Rund um die Hafenstadt Santa Marta genießen Naturliebhaber die vielen Schätze im einstigen Bürgerkriegsland Kolumbien.

So einladend die Strände im Nationalpark auch aussehen, die Strömung ist oft tückisch.

© iStockphotoSo einladend die Strände im Nationalpark auch aussehen, die Strömung ist oft tückisch.



Von Jonathan Ponstingl

„Tayrona, Tayrona, Tayrona.“ Der Gehilfe des Busfahrers schreit aus Leibeskräften über den Markt von Santa Marta. Die Händler an den Ständen ignorieren ihn. Sie bieten Avocados von der Größe einer Honigmelone feil, daneben stehen Holztische mit Flip-Flops und T-Shirts. Einige Meter weiter offeriert ein Frisör auf offener Straße Haarschnitte. Die Touristen hingegen strömen in den blauen Linienbus.

Erst wenn auch der letzte klapprige Plastiksitz belegt ist, setzt sich das Gefährt unter dem Ausstoß tiefschwarzer Dampfwolken in Bewegung. Nebenan sitzt ein massiger Kolumbianer, der dasselbe brüchige Spanisch spricht wie die Urlauber aus Europa. Er gehört dem Volk der Wayuu an, eine der größten indigenen Gruppen Kolumbiens. Der Bus lässt die Ausläufer Santa Martas hinter sich und erklimmt die Nationalstraße Troncal del Caribe. Je weiter sich der Bus von Santa Marta entfernt, desto häufiger blitzen gepflegte Grünflächen und Gartenanlagen an den Straßenrändern hervor.

Schließlich reihen sie sich wie bei einer Perlenkette beiderseits des Asphalts aneinander. Der Sitznachbar beklagt den hohen Wasserverbrauch. Während hier nur für das Auge Grünpflanzen mit Unmengen an Wasser aufgepäppelt werden, muss sein Volk einige Kilometer weiter nordöstlich um jeden Wassertropfen kämpfen.

Doch er ist machtlos. Der Tayrona-Nationalpark zieht Tausende von Touristen an. Der Tourismus schwingt sich zu einem der wichtigsten Devisenbringer des Landes empor. Über 15.000 Hektar zu Land und zu See erstreckt sich der Park und soll Flora und Fauna vor den Menschen schützen – die ihn zu Scharen besuchen.

Die indigenen Völker in Nordkolumbien haben hart zu arbeiten, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen.
Die indigenen Völker in Nordkolumbien haben hart zu arbeiten, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen.
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Ab durch den Dschungel

In El Zaíno steigen die Besucher aus. Es ist noch früh am Tag, dennoch reihen sich bereits Dutzende Touristen am zentralen Eingangstor zum Park. Die Behörden haben die Besucherzahl pro Tag limitiert, um das Ökosystem nicht zu stark zu belasten. Anfang des Jahres schlossen sie den Park für einige Wochen. Hinter dem Eingang bringt man die Gäste tiefer in den Park hinein, bis an den Rand der asphaltierten Strecke. Von dort geht es per Pferd weiter – oder zu Fuß. Rund drei Stunden sind es bis zum Ziel – dem Postkarten-Idyll von Cabo San Juan del Guía.

Der Weg führt über lange Holzstege mitten durch den Dschungel, steigt steil an und überwindet zahlreiche Höhenmeter. Der Boden ist übersät mit Laub, Schlingpflanzen ragen auf die Pfade, handtellergroße Schmetterlinge flattern farbenfroh umher und immer wieder Touristengruppen. Schwer vorstellbar, dass sich größere Säugetiere in der Nähe dieser künstlichen Wege blicken lassen. Doch weit gefehlt.

Im Tayrona-Nationalpark tauchen über den Köpfen der Öko-Touristen immer wieder Affen auf.
Im Tayrona-Nationalpark tauchen über den Köpfen der Öko-Touristen immer wieder Affen auf.
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Tatsächlich kreuzt eine Horde Lisztaffen nur wenige Meter über dem Boden den Steg, hält inne und lässt sich von den vor Freude quieckenden Besuchern ablichten.

Nach einer Stunde schweißtreibendem Fußmarsch fällt der Weg rapide ab und läuft sich am ersten Strand des Tages aus. Die Sonne brennt erbarmungslos, hüfthohe Strauchgewächse spenden keinen Schatten. Rechterhand blitzt türkisfarbenes Meer, die Brandung plätschert sanft auf die Sandkörner von Cañaveral. Ein tückisches Bild. Die Strömungen sind stark, Baden ist hier verboten.

Zum Traum der Sonnenanbeter

Also kraxeln die geneigten Sonnenanbeter weiter, nehmen tiefeinsenkende Sandbänke und rutschige Felspartien in Kauf, lassen den erstbesten Badestrand rechts liegen und treffen schließlich am Traum der Sonnenanbeter ein.

Zwei halbmondförmige Strandsicheln laufen an der Spitze zu einem kleinen, wellenumtosten Hügel zusammen, auf dessen Kuppe eine hölzerne Hütte steht – mit mehreren Dutzend Hängematten, von denen die umliegende See im Liegen überblickbar ist. Palmen säumen den Strand, zehn Meter vom Salzwasser entfernt liegt eine tümpelhafte Süßwasserlagune. Ein Holzschild warnt vor dem Kaiman. Der liegt träge in der Sonne und streckt die Rückenzacken gen Himmel. Auch für ihn ist es zu heiß zum Mittag­essen. Vielleicht sind sonnen­öligen Besucher nicht sonderlich appetitlich. Nach drei Stunden Sonne ist es Zeit für den Rückweg. Wer nicht in einer der Zeltstädte in Strandnähe übernachtet, muss den Park vor Einbruch der Nacht verlassen haben.

Also wieder zurück, die Hügel hinauf, über die Steine und den immer noch heißen Sand. In der Abenddämmerung raschelt ein Capybara, ein Wasserschwein, unweit des Weges. Vor dem Eingangstor warten die blauen Linienbusse und bringen Besucher zurück nach Santa Marta.

Die zwei halbmondförmigen Strandsicheln sind den langen Marsch durch den Dschungel wert.
Die zwei halbmondförmigen Strandsicheln sind den langen Marsch durch den Dschungel wert.
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Die Hafenstadt ist das Tor zum Nationalpark und zur Sierra Nevada de Santa Marta, dem höchs­ten Küstengebirge der Erde. Santa Martas Altstadt ist klein und bei Weitem nicht so malerisch wie die selbsterkorene Perle der Karibik Cartagena de Indias weiter westlich. Dafür wesentlich authentischer und zudem die älteste europäische Stadt auf dem südamerikanischen Kontinent. Über die kleine Barmeile ziehen neben den obligatorischen amerikanischen Touristen in den vergangenen Jahren auch vermehrt Kolumbianer, die den neu gewonnen Frieden im Land zur Erkundung der Heimat nutzen.

Südlich der Großstadt, in der Sierra gelegen, lockt das entspannte Bergdorf Minca. Knapp über 1000 Menschen leben hier. Auf 600 Höhenmetern ist es nicht so heiß wie in der Senke, die Luftfeuchtigkeit nicht mehr drückend. Ein Domizil für Rucksackreisende und neuerdings Trekking-Zentrum.

Vor einem Jahrzehnt herrschten hier noch bewaffnete Gruppen des Bürgerkrieges über das Gebiet. Heute nutzen Besucher den Ort als Ausgangspunkt für Routen auf den teils schneebedeckten Gipfel des Cerro Kennedy oder zur so genannten „Lost City“ Ciudad Perdida. Die Ruinenansammlung ist nur über ein Mehrtagestrekking erreichbar und wurde von Vielreisenden als das neue Machu Picchu erkoren.

Im Dschungel bieten Wasserfälle eine Gelegenheit zur Erfrischung.
Im Dschungel bieten Wasserfälle eine Gelegenheit zur Erfrischung.
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Besuch in der Vergangenheit

Die Kooperative Moto Mink befördert Besucher zu den Höhepunkten der bergigen Umgebung. Einer der Anlaufpunkte: die Kaffeefarm La Victoria. Eine Farm mit organischem Anbau, die für die Verarbeitung der Kaffeebohnen Maschinen aus dem 19. Jahrhundert einsetzt. Ein ausgeklügeltes System aus roten Rohren zieht sich durch den Gebäudekomplex, die Maschinen sind mechanisch und werden größtenteils per Wasserkraft durch die 22 Quellen der Farm angetrieben. Das Plätschern von Wasser und das Surren der Insekten bilden den dschungelartigen Klangteppich.

Mit 83 Hektar Kaffeeanbaufläche ist La Victoria im Vergleich zu den Giganten der weltweiten Kaffeeproduktion aus der Zona Cafetera klein. Die Pflanzen reihen sich an der Bergflanke unter Schattenbäumen, die Wegränder sind mit turmhohen Bambushainen bepflanzt. Ein kleiner Bach durchzieht die Hofeinfahrt.

Die Plantage erstreckt sich auf einer Höhe von 800 bis 1400 Metern über dem Meeresspiegel. Dementsprechend steil sind die Bedingungen für die Pflücker und ein Einsatz von Maschinen kaum möglich. Geerntet wird wetterbedingt einmal im Jahr – im Unterschied zu den Plantagen im Inneren des Landes. Die Arbeit für die bis zu 90 Pflücker unter der sengenden Sonne Nordkolumbiens ist hart.

Vornehme Kaffee-Chefin

„Ein guter Pflücker kann bis zu 150 Kilo am Tag ernten – ein langsamer gerade genug, um sein Essen bezahlen zu können“, sagt Claudia Stubbs. Die Eltern der heutigen Besitzerin stammen aus Deutschland, Stubbs ist in Kolumbien geboren. Sie ist eine vornehme Dame mit weißer Hose, gelbem Top und vergoldeten Kaffeebohnen als Ohrringe. Ihre Schwiegereltern übernahmen in den 50ern die Farm, ihr Ehemann und sie führen sie heute weiter.

Die Küstenstadt Santa Marta ist Ausgangspunkt für viele Ausflüge.
Die Küstenstadt Santa Marta ist Ausgangspunkt für viele Ausflüge.
- Getty Images/iStockphoto

Auf der anderen Seite des Tals wartet der Aussichtspunkt Los Pinos in 1760 Metern Höhe mit einem Überblick über die gesamte Region der Sierra rund um Minca auf. Benannt ist er nach einer Handvoll Pinien, die hier oben widerborstig dem Wind trotzen.

Der Aufstieg ist hart und führt durch die Felder der Kaffeeplantagen, vorbei an Bananenstauden. In der Nähe liegt Casa Elemento, die sich mit den angeblich größten Hängematten der Welt schmückt. Auf dem Weg belohnen die Wasserfälle Las Cascadas de Marinka Wanderer mit ihren natürlichen Schwimmbecken.

Wer den strammen Marsch durch den Dschungel auf sich nimmt, wird belohnt mit einem Blick in die Weite, die an dieser Stelle bis hin zur Hafenstadt Santa Marta reicht. In der Senke ist Minca zu erahnen und im Osten der Tayrona-Nationalpark.

Ein Blick über die Höhepunkte Nordkolumbiens.