Letztes Update am So, 20.10.2019 13:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Reise in den Oman: Die Einsamkeit verändert dich

Die Wahiba-Wüste an der Ostspitze des Oman gehört zu den eindrucksvollsten Orten der arabischen Halbinsel. Wer abenteuerlustig ist und auf tägliches Duschen verzichten kann, sollte das Dünenmeer bei einem Kameltrekking erleben.

Milha sieht nur wie ein träges Dromedar aus, so schnell ist sonst keiner.

© APA (dpa)Milha sieht nur wie ein träges Dromedar aus, so schnell ist sonst keiner.



Widerwillig richtet sich Milha auf. Sie schnauft, glotzt störrisch in die Ferne und weigert sich, loszulaufen. Doch Kamelführer Monir gibt nicht nach. Er zieht so lange an den Zügeln, bis sich das Dromedar in Bewegung setzt. „Wir müssen los, um rechtzeitig unser erstes Nachtlager zu erreichen“, meint er und geht langsam voraus.

Ein letzter Schluck Wasser, noch einmal das Gesicht mit Sonnencreme einschmieren, Schirmmütze auf. Milha soll ruhig einen Vorsprung haben. Immerhin ist das Tier 15 Jahre alt. Und so gemächlich wie das Kamel voranschlendert, hat man es sowieso in ein paar Minuten eingeholt. Unweigerlich fragt man sich, ob man das Wüstentrekking mit diesem sich in Zeitlupe bewegenden Tier überhaupt in den geplanten fünf Tagen schaffen kann.

Bei der Ankunft im Nachtcamp gibt es einen Minztee.
Bei der Ankunft im Nachtcamp gibt es einen Minztee.
- APA (dpa)

Das träge Kamel ist zu schnell

Nach einer Stunde macht sich Frustration breit. Trotz enormer Anstrengung hat Milha den Abstand vergrößert, ohne selber schneller geworden zu sein. Das Angebot, auf dem trägen Dromedar zu reiten, lehnt man am ersten Wandertag aus Prinzip ab. Doch das ändert sich mit den Tagen. Monir startete den ersten Tagesmarsch absichtlich erst um 16 Uhr. Doch selbst im Winter ist die Wahiba-Sandwüste im Nordosten des Oman um diese Zeit ein Brutkasten. Obwohl es laut Monir „nur“ 37 Grad warm wird. Der tiefe Sand und die glühende Hitze machen einem zu schaffen. Selbst die kleinsten Dünen werden zur Herausforderung. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt die Gruppe bei Monirs Nachbarn vorbei. Die Kinder schreien „Hello“ und freuen sich, dass die Fremden ihr einziges Englisch-Wort verstanden haben. Sie treiben ihre Ziegen weiter.

Es wird Abend. Der Himmel färbt sich gelblich, dann rosa, blutrot. Schließlich wird es dunkel. In der Ferne sieht man auf einer Anhöhe ein kleines Feuer. Zwei Begleiter waren mit dem Geländewagen vorausgefahren, um schon mal das Zelt aufzubauen und das Abend­essen vorzubereiten. Es gibt Fisch mit Reis und Gemüse. Serviert wird auf einem Teppich im Sand vor dem Zelt. Vollkommen erledigt fällt man aufs Feldbett.

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Kurz vor Sonnenaufgang werden die Gäste geweckt. Ein langer Wandertag liegt vor der Gruppe. Auf dem Teppich wird das Frühstück serviert. Bei Kaffee und warmem Fladenbrot mit Erdbeermarmelade schauen die Wanderer verschlafen von der Anhöhe zum Horizont, an dem langsam die Sonne aufgeht. Angenehm wärmen die ersten Sonnenstrahlen den Körper. Die Nacht war frisch. Tau liegt noch auf den Büschen rund ums Zelt.

„Es wird Zeit. Wir müssen die frühen, kühlen Morgenstunden zum Wandern nutzen. Zur Mittagszeit machen wir eine lange Pause“, sagt Monir und geht mit Milha voran. Nach einer Stunde glaubt man, die erste Fata Morgana zu sehen. Steht da eine schneeweiße Moschee in einem Meer aus goldgelben Sanddünen? Ja! Es ist keine Täuschung. Es ist schwer zu glauben, dass es in dieser leeren Wüste überhaupt Menschen gibt. „Neben den Wahibas leben zahlreiche Beduinen-Stämme in der Umgebung. Deshalb wurde der Name der Wüste auch von Wahiba Sand auf Sharqiyah geändert“, erzählt Monir.

Beduinen, welchen Stammes auch immer, sieht man aber fast nie. Manchmal kann die Stille beängstigend werden. Es ist aber auch beeindruckend, wie ruhig man innerlich wird, wenn man tagelang in der Wüste unterwegs ist – ohne Handy, ohne Internet, ohne Lärm, ohne andere Menschen zu sehen und nur von einem eher wortkargen Kamelführer begleitet.

Die Weite der Wüste weckt die unterschiedlichsten Gefühle. Dabei ist die Wahiba- oder Sharqiyah-Wüste mit 15.000 Quadratkilometern nicht einmal die größte des Landes. Im Westen und Nordosten verhindern die großen Wadis – häufig Wasser führende Täler mit ihrer Oasenvegetation – die weitere Ausdehnung. Im Osten reichen die Dünen bis an den Indischen Ozean.

Gerade weil die Wahiba-Wüste eher klein ist, wurde sie nicht nur interessant für Reiseveranstalter, sondern auch für Wissenschafter. 1985 untersuchte erstmals die britische Royal Geographical Society die Wüste und entdeckte fast 200 Säugetiere, Vögel und Reptilien, 180 verschiedene Pflanzenarten und Zigtausende wirbellose Käfer, Schlangen und Skorpionarten. Deshalb rät Monir, morgens gründlich in die Wanderschuhe zu schauen.

Die Wüstenforscher machten in der Wahiba mehr als 20 verschiedene Dünenformationen aus. Selbst der Sand ist nicht überall gleich. Man muss kein Wissenschafter sein, um das zu bemerken. Im nördlichen Teil der Wüste bestimmen hohe rötlich-orange Dünen die Landschaft. Im Süden und Richtung Ozean dominieren kleinere, fast weiße Sicheldünen.

Der feine Sand knirscht unter den Schuhen. Manchmal knackt es auch, wenn man auf Muschelreste tritt, die die Monsunwinde vom Ozean herüberwehen. Mal bläst ein frischer Wind, mal ein heißer Fön. Ein Wüstenhase schießt plötzlich aus seinem Bau und holt den Gast aus der Lethargie. Immer wieder versucht man zu Milha aufzuschließen, um eine Wasserflasche aus dem Stoffsack zu nehmen, der auf ihren Rücken geschnürt ist.

Am Ende doch wie im Traum

Die Dünen werden immer gewaltiger, weit mehr als 100 Meter hoch. Monir treibt das Kamel einen steilen Kamm hoch. Oben haben die zwei Begleiter das Camp spektakulär am Rande eines tiefen Dünenkraters aufgebaut. Auf einer Düne am Horizont sieht man die Silhouetten mehrerer Kamele. Momente, die das Wandern durch die Dünen, die sengende Sonne und die fehlende Möglichkeit, sich zu waschen, vergessen machen.

Es ist windstill. Heute Abend will niemand im Zelt schlafen. Unglaublich, wie viele Sterne man sehen kann, wenn kein künstliches Licht scheint. Langsam geht das Feuer aus, es wird frisch. Am Morgen ist die Decke klitschnass. Nebel liegt über den Dünen. Zwischen den Zähnen knirschen Sandkörner.

Auf zur letzten Tagesetappe. Man kann die salzige Meeresluft riechen. Nach sechs Kilometern über haushohe Dünen sieht man ihn endlich – den Indischen Ozean, das Arabische Meer. Schuhe aus, Hemd vom Leib, Rucksack ab und ins kühle, erfrischende Nass. Monir nimmt Milha mit ins türkisblaue Meer. Sie scheint es zu mögen. Wasser, baden, waschen – ein Glücksgefühl nach fünf Tagen in der Wüste.

Am Strand von Qihayd, einem Fischerdorf, herrscht reger Betrieb. Die Fischerboote werden in die Wellen geschoben und kommen nach einer Stunde bis oben voll mit Fischen zurück. Gegrillt wird direkt am Strand. Eigentlich perfekt. Es ist aber ein komisches Gefühl, wieder so viele Menschen zu sehen, Autolärm zu hören. Man fühlt sich fast fremd, vermisst die Stille. Die Wüste verändert. (APA, dpa)

Gut zu wissen

Beste Reisezeit: Im Oman ist es ganzjährig warm und trocken. Die besten Monate zum Wandern sind November bis April. Im Sommer ist es bei Temperaturen von mehr als 40 Grad zu heiß.

Sand, so weit das Auge reicht.
Sand, so weit das Auge reicht.
- APA (dpa)