Letztes Update am Fr, 11.05.2012 06:26

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Gipfelsieg in langen Röcken

Sie standen Männern in nichts nach, bezwangen Gipfel in Rock und Corsage – doch es zählte nicht. Die Südtirolerin Ingrid Runggaldier holt jetzt die Alpingeschichte der Frauen ans Licht.



Von Elke Ruß

Bozen – Frauen am Gipfel? Das galt nicht nur lange Zeit als unschicklich – es wertete sogar den Berg ab. Als Miriam O‘Brien Underhill 1929 in der Zweierseilschaft mit Alice Damesme den Grépon im Mont-Blanc-Massiv erklomm, kommentierte dies der Alpinist Etienne Bruhl so: „Den Grépon gibt es nicht mehr, freilich sind noch einige Felsen dort, aber als Klettertour existiert er nicht mehr. Nun, da er von zwei Frauen allein begangen wurde, kann kein Mann mit Selbstachtung ihn noch besteigen.“ Eine „Damentour“ – das stand rasch für die rangniedrigsten Ziele.

Als im 18. Jahrhundert die „Kavaliersreisen“ privilegierter Schichten durch Europa in Mode kamen, gehörten die (Schweizer) Alpengletscher als Faszinosum dazu. Weil das Selbergehen nicht standesgemäß war, wurden die Damen anfangs noch auf Tragstühlen befördert – ein wackeliges und gefährliches Unterfangen.

Dennoch: Nur 22 Jahre nach der Erstbesteigung des Mont Blanc stand die Magd Marie Paradis 1786 auf seinem Gipfel, wiewohl angeblich mehr geschoben als steigend. „Werft mich in eine Gletscherspalte“, soll sie gestöhnt haben. Fast ein Wunder, dass dies überliefert ist: Wie die Südtiroler Historikerin Ingrid Runggaldier im Buch „Frauen im Aufstieg“ berichtet, ist von etlichen Gipfelstürmerinnen nicht einmal der ganze Name bekannt, erstbegangene Routen wurden teils nur nach den Bergführern benannt.

Dabei waren die Frauen oft mit ungleich höherem Risiko unterwegs: Die Bergung einer Verunglückten zeigte, dass allein ihre vollgesogenen, vor Kälte erstarrten Röcke 30 Kilo wogen. Noch lange verschwand der Rock erst im Gelände im Rucksack und wurde züchtig vor der Heimkehr wieder übergezogen. Erst 1896 eröffnete Mizzi Langer-Kauber in Wien eines der ersten Geschäfte für Sportartikel und Sportbekleidung.

Bergsteigende – womöglich ehelose – Frauen skandalisierten, wurden als Mannweib verschrien. „Sie sieht aus wie ein roter Indianer“, schäumte eine Tante der britischen Alpinistin und Fotografin Elizabeth Main, auf deren Konto elf Winterbesteigungen gehen, darunter eine Traversierung des Piz-Balü-Kammes 1891. Durchaus unüblich für ihre Zeit war auch die Sportbegeisterung von Kaiserin Elisabeth, die gerne inkognito wanderte.

Emanzipation war keine Triebfeder der frühen Bergsteigerinnen: Sie kraxelten im Schlepptau ihrer Männer, die es unter den Vorzeichen wissenschaftlicher Erforschung in die Berge zog. Beim Mann zu bleiben, wenn er in Gefahr war: Das nannte z. B. Hermine Tauscher-Geduly, eine Alpinismuspionierin der Donaumonarchie, als Motiv. Um die Himalaya-Expedition ihres Gatten ging es Hettie Dyhrenfurth, die 1934 den Westgipfel der Sia Kangri (7315 Meter) erreichte und für 20 Jahre den Höhenweltrekord für Frauen hielt: An der dreifachen Mutter hing die Lagerlogistik.

Für die in Innsbruck aufgewachsene Cenci von Ficker, Namensgeberin des „Tsentsi Tau“ im Kaukasus, war das Bergsteigen ein Weg, „sich allein aus all der Stubenhockerei heraus einen Weg ins Freie zu bahnen“. Explizit feministisch motiviert war es hingegen bei den Amerikanerinnen Fanny Bullock Workman und Annie Peck Smith. Workman, die im Himalaya 20 Berge jenseits der Fünftausendermarke bestieg, hielt 1911 am Silver-Throne-Palateau im Karakorum ein „Vote for Women“-Plakat in die Kamera.

Runggaldier kehrt aber auch die problematischen Protagonistinnen in der Alpingeschichte nicht unter den Tisch: Da ist die Kriegsberichterstatterin Alice Schalek aus Wien, die in ihren Reportagen („Tirol in Waffen“, „Am Isonzo“) die Bergführer als Helden des Krieges und Retter des Vaterlandes zeichnet – und die von Karl Kraus wegen ihrer hetzerischen Sprache verrissen wurde. Da ist auch Leni Riefenstahl, die das saubere, mutige und sportliche deutsche Mädel verkörperte und in ihren Filmen die Nazi-Ideale glorifzierte. Die Barfußkletterin Riefenstahl trug laut Runggaldier aber „dazu bei, das Bergsteigen unter den Frauen zu propagieren“.

Der Sportgedanke trieb die politisch aktive Loulou „La Rouge“ Boulaz, die sich mit ihrem Lebensgefährten 1937 an der Erstbesteigung der Eiger-Nordwand versuchte und bis zum „schwierigen Riss“ kam: „Die Berge sind ein Tätigkeitsfeld. Dort verbringen wir unsere Zeit damit, die Gefahr herauszufordern und sie zu besiegen.“




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