Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 26.10.2013


Reise

Im Herbst zeigt Rom seine ruhige Seite

Ein freier Platz auf der Spanischen Treppe? Der ist im Sommer bei den ganzen Menschenmassen gar nicht so leicht zu finden. Doch jetzt im Oktober ist das wie auf den vielen anderen Plätzen der ansonsten so hektischen Stadt kein Problem. Dann lässt sich die Heilige Stadt ganz ohne Gedränge besichtigen.

Untertags preisen am Campo di Fiori Marktschreier ihre Produkte an, doch an einem herbstlichen Abend wird es auch hier gemütlich.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: Thinkstock</span>

© Untertags preisen am Campo di Fiori Marktschreier ihre Produkte an, doch an einem herbstlichen Abend wird es auch hier gemütlich.Foto: Thinkstock



Der Rosenverkäufer macht ein missmutiges Gesicht. Keine einzige Rose ist er in der letzten halben Stunde losgeworden. Es sind einfach zu wenige Touristen unterwegs. Dabei dürfte das Geschäft hier, an der Spanischen Treppe in Rom, in der Hochsaison nur so brummen. Dann wird es oft richtig eng. Im Herbst sieht das anders aus. Touristen haben in der Nebensaison freie Platzwahl – und können die Heilige Stadt einmal ohne Hektik erleben.

Das Wasser des Barcaccia-Springbrunnens funkelt im warmen Licht, die Herbstsonne lässt die Stufen und die Kirche Santa Trinità dei Monti darüber gelb leuchten. Bühne frei für das Schaulaufen vor der Spanischen Treppe: Ein paar Gigolos sitzen auf ihren Vespas und flirten mit den vorbeilaufenden Italienerinnen, vor den Modetempeln von Gucci und Prada posiert eine Touristin, die wohl gerne ebenso elegant aussehen würde wie die schicken Italienerinnen. Was ihr natürlich auch mit der neuen Gucci-Handtasche am Arm nicht so recht gelingt. Der Freund muss Fotos machen und darf dann draußen vor der Tür warten, während sie sich im nächsten Laden umschaut. Das muss Liebe sein.

Die Italienerinnen tragen schon Rollkragenpullover, trotz der Sonne – dabei ist es mit gut 20 Grad noch gefühlt Sommer. Sonst erinnert allerdings gerade wenig an die Hochsaison, wenn Rom noch wie eine Symphonie der Großstadt wirkt: schnell und laut. Inzwischen hat ein Ritardando eingesetzt, der Rhythmus der Stadt verlangsamt sich. Adagio statt Allegro und piano statt forte.

Da geht auch bei der Stadtbesichtigung nicht immer alles gleich so schnell. Am Vittoriano, dem Monument für König Vittorio Emanuele II., soll es mit dem Aufzug auf eine Panoramaplattform gehen. Doch als die Gruppe dort ankommt, heißt es: heute geschlossen. Die beiden Wärter zucken mit den Schultern, der eine schlurft in Zeitlupe irgendwohin, um nachzufragen, er hat scheinbar die Ruhe weg und alle Zeit der Welt. „Typisch Italien!“, ruft Stadtführer Roland Karl.

Ein paar Minuten später hat auch Karl sich wieder beruhigt. „Der Herbst ist für einen Trip nach Rom die perfekte Jahreszeit“, sagt er. Ab Oktober bekomme die Stadt ein anderes Gesicht – dann zeige Rom seine ruhige Seite. „Es ist einfach entspannter und schöner.“ Und was ist, wenn es doch einmal regnet? Er überlegt kurz und sagt dann: „Nachts zur Spanischen Treppe gehen: Die Lichter, das ist ein Feuerwerk!“

Er führt die Gruppe zu einem Punkt, von dem aus man das Forum Romanum gut überblicken kann. „Normalerweise kommt man hier gar nicht an das Geländer“, erzählt er. Heute finden alle einen Platz in der ersten Reihe und schauen auf den Triumphbogen des Kaisers Septimius Severus am westlichen Eingang des Feldes. Dort unten, wo in der Antike das Zentrum des kulturellen und politischen Lebens der Stadt war, sind momentan nur ein paar vereinzelte Touristengruppen unterwegs.

Selbst die Papstjünger müssen jetzt weniger drängeln. Im Sommer werden täglich Zehntausende im Vatikan durchgeschleust, erzählt Karl. „Eine Tragödie.“ Heute ist die Schlange vor dem Petersdom vergleichsweise kurz, ebenso wie die Reihe der Touristen, die entlang der Via della Conciliazione auf den Bänken und in den Bars sitzen und sich ausruhen. Die machen es richtig, denkt man sich unwillkürlich, während die eigenen Füße langsam vom Rundgang zu schmerzen anfangen.

Dann wird es doch noch hektisch: Auf dem Campo de Fiori preisen die Marktschreier lauthals ihre Waren an. Es ist Erntezeit: Gelbe und orangefarbene Kürbisse in allen Formen und Größen liegen bei den Ständen, von den Decken hängen feuerrot leuchtende Chilischoten. Hier gibt es alles, was das Herz eines Feinschmeckers begehrt: Trüffel, Fisch, Öl, Gewürze – und natürlich Pasta in allen Farben. Daneben Marmeladen und Likör – Italiener lieben es eben süß. „Feinste Qualität, aber nicht zu teuer“, schwärmt Karl. „Das ist nicht wie der Viktualienmarkt in München – der ist ja Schickimicki.“ Hier kaufen die normalen Bürger ein – schon seit dem Mittelalter.

Zurück an der Spanischen Treppe, wo der Rosenverkäufer gerade auch erst einmal Pause macht. Er hat sich eine Zigarette angezündet und sich zu den Touristen auf die Treppe gesetzt. Anscheinend denkt auch er sich gerade: piano, piano – nur keine Hektik. (APA)

- iStockphoto



Kommentieren