Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 20.06.2014


Reise

Den Giganten der Meere ganz nah

Katharina Heyer liebt Delfine und Wale und die Tiere lieben sie. „Wal Watching“ auf der Straße von Gibraltar mit ihr wird daher zu einem ganz besonderen und in erster Linie lehrreichen Erlebnis.

© TT-ArchivSymbolfoto



Von Wolfgang Otter

Tarifa – „Eine Schule von Pilotwalen auf drei Uhr.“ Die Frauenstimme mit unverkennbarem Schweizer Dialekt lässt die rund 40 Leute gebannt nach rechts rücken, bis sich das Boot gefährlich neigt, in Richtung des tintenblauen Wassers der Straße von Gibraltar. Doch das stört niemanden. Das Boot ist sicher und immerhin will jeder die munteren Tiere sehen, die bis zu sechs Meter lang sind und durch das Wasser flitzen. Ja sogar Applaus ernten sie von den Leuten im Boot, ganz abgesehen von den vielen „Ahs“ und „Ohs“. Immer wieder nehmen sie Kurs auf das Boot, tauchen darunter durch, um auf der anderen Seite ihr begeistertes Publikum zu entzücken – eine perfekte Walshow, ohne Trainer, und das auf dem offenen Meer.

„Es sind unheimlich neugierige Tiere und weil wir den Motor abschalten, um sie nicht mit der Schraube zu verletzten, kommen sie auch viel lieber näher“, erzählt eine junge Frau, die die Touristen während der Fahrt auf der Straße von Gibraltar betreut.

- firmm

Diese respektvolle Annäherung an die Tiere ist eines der Besonderheiten der Organisation firmm (foundation for information and research on marine mammals), mit der wir auf dem Meer unterwegs sind. Dabei ist „Wal Watching“, wie die Fahrt aufs Meer zum Beobachten der Tiere genannt wird, nicht das Hauptanliegen von firmm, aber bestens geeignet, um für ihr Ansinnen zu werben.

Hinter der Organisation steht Katharina Heyer, jene Frau, die die Fahrgäste im Boot informiert und ihnen manche Geschichte zu erzählen weiß. Denn die 72-Jährige hat den einzelnen Tieren sogar Namen gegeben.

Heyer und die sanften Riesen des Meeres sind eine ganz besondere Liebesgeschichte. 1997 während ihres Urlaubs in Südspanien ist sie auf die Delfine und Wale gestoßen und lernte die Arbeit von Tierschützern kennen. Bald stellte sich heraus, dass der Artenreichtum der schwimmenden Säugetiere in der nährstoffreichen Straße von Gibraltar noch gar nicht so richtig erforscht ist – und die Tiere selbst gefährdet sind. In der Meerenge finden sich Pottwale, Finnwale, Orkas (Schwertwale), Delfine, Tümmler und Pilotwale bzw. Grindwale zuhauf. Heyer verschrieb sich der Aufgabe, diese Tiere zu schützen und bei der Forschung zu helfen. Sie gründete firmm und um ihr Projekt zu finanzieren, fährt sie täglich mit Touristen in Richtung Afrika. Im Winter hält sie auch Vorträge, um für ihre Sache Werbung zu machen.

- firmm

Bevor die Gäste von firmm aufs Meer fahren, heißt es die Schulbank drücken – ganz gemütlich am Pier der andalusischen Hafenstadt Tarifa. Denn nur mit dem Boot fahren und „Flipper“ schauen ist nicht. Das machen eventuell andere Wal-Watching-Firmen. Bei firmm zählt die Bewusstseinsbildung. Rund eine Stunde dauert der kurzweilige, spannende Vortrag. Dabei lernt man nicht nur die in der Straße von Gibraltar lebenden schwimmenden Säugetiere („Sagen Sie niemals Fisch zu einem Wal!“) kennen, sondern auch wie sie leben bzw. nicht leben sollten. Für die Wale und Delfine mit ihren sensiblen Ortungssystemen gleicht das Leben in der von Frachtern und Tankschiffen viel befahrenen Meerenge einem Dauerbesuch in einer Diskothek. Der außerordentliche Nährstoffreichtum zieht sie trotzdem an.

Die Vortragende im Hafen, eine Stiftungs-Mitarbeiterin hat auch manchen Denkanstoß parat. Sie ist keine große Freundin von Delfinen in Gefangenschaft. Daran lassen ihre Worte keinen Zweifel. Bis zu 100 Tiere müssten gefangen werden, weiß sie, damit dann fünf Tiere in Gefangenschaft gehalten werden können. Und dort verenden sie dann oft elendiglich. Aber auch die Methoden zum Fang des Thunfisches, die für die Delfine verhängnisvoll verlaufen, sind ihr ein Dorn im Auge.

Mag es an diesen Vorträgen liegen oder daran, dass eine Fremde sich einmischte. Heyers Start war alles andere als leicht in Spanien. Die Anfeindung war so groß, dass sie sogar gerne zeitweise das Land verließ, um ihrem Designerberuf nachzugehen. Doch mittlerweile scheint firmm eine Größe zu sein. Wer in Andalusien übers Wal Watching erzählt, wird häufig gefragt: „Warst mit firmm draußen?“

Die Riesen des Meeres und ihre quirligen, kleineren Verwandten sind Tiere für die Freiheit, und genau das will Heyer den jährlich Tausenden Touristen auf ihren beiden Booten zeigen und beweisen. An diesem Tag, an dem unsere Gruppe auf dem Meer ist, machen die Pilotwale für sich selber die beste Werbung. Immer mehr Schulen kommen auf unser Boot zu. Nicht nur Heyer kennt die Tiere. Es scheint, als ob diese auch das Boot der Stiftung kennen. Und dann heben eine Walmutter und ihr Baby die Schnauzen aus dem Wasser. Ganz so, als ob sie ihrem Nachwuchs zeigen will, „schau, das sind Menschen – und in diesem Fall Freunde“. Plötzlich geht ein Ruck durch das Boot. Es nimmt schnell Fahrt auf. „Halten Sie sich fest“, kommt Heyers ermahnende Stimme aus dem Lautsprecher. „Fontäne“ ruft jemand. Wir nähern uns einem großen Pottwal. Unmittelbar neben einem der vielen Frachter und Tanker setzt er zu seinem bis zu 1000 Meter tiefen Tauchgang an. Er hebt wie zum Gruß die gewaltige Fluke (Schwanzflosse) und dann gleitet das bis zu 18 Meter lange und 50 Tonnen schwere Tier kerzengerade nach unten. Ein Schauspiel, das man nicht täglich zu sehen bekommt.

Zwei Stunden dauern die Fahrten. Gut dosiert, denn die Meerenge zwischen Europa und Afrika ist rau. Zu stürmisch darf es nicht werden, lieber sagt Heyer eine Fahrt ab, verzichtet auf Geld. Ihre Passagiere sollen das Erlebnis genießen können. Trotz relativ ruhiger See an diesem Tag ist mancher an Bord froh, als es heißt, Abschied zu nehmen, und das Boot Richtung Europa wendet. Trotzdem: Besonders von den Pilotwalen, die weiter unser Boot umschwimmen und nur kurz die Aufmerksamkeit mit einem der sanften Giganten der Meere teilen mussten, trennen sich alle an Bord schwer. Mit festem Boden unter den Füßen geht man nachdenklich weg: Nachdenklich über den Umgang des Menschen mit der Natur. Denn wie sagt Katharina Heyer so treffend: „Das Meer hat keinen Abfluss.“ Die Tiere müssen darin leben, so wie es ist. Und man hofft, dass firmm nicht aufhört, für die Meeressäugetiere zu kämpfen, damit sie auch noch kommende Generationen zu Gesicht bekommen.




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