Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 27.02.2015


Reise

Im Reich der Riesenschildkröte

Turtelnde Tölpel, verrunzelte Echsen und riesige Schildkröten: Auf Galapagos sind sie zum Streicheln nah. Doch der Touristenboom brachte der Insel Probleme, jetzt wird umgedacht.

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© apa



Puerto Ayora – Ein Zischen ertönt. Die Galapagos-Riesenschildkröte zieht ihren langen Hals mit dem kleinen Kopf und ihre klobigen Beine unter den mächtigen Panzer, der nun ins Gras herabsinkt. Der Schutz ist perfekt. Ein Tourist war wohl zu respektlos und wollte den Koloss berühren. Etliche Riesenschildkröten werden bis zu 300 Kilo schwer und weit über 100 Jahre alt, auch hier im Norden von Santa Cruz, auf der wichtigsten Touristeninsel der Galapagosinseln. Das Inselreich der spektakulären und zugleich zutraulichen Tiere ist erschwinglicher geworden. Dafür sorgt auf Galapagos die zunehmende Konkurrenz von Hotels, Gästehäusern und Airlines, die von Ecuadors Festland-Städten Quito und Guayaquil herüberfliegen. Eines der größten Schaufenster der Evolution rückt für viele Touristen nun näher. Mehr als 200.000 Gäste pro Jahr erfüllen sich den Traum im Pazifik, knapp 1000 Kilometer westlich von Südamerikas Küste. Hier bei den Tuneles de los piratas, den großen Lava-Tunneln, leben einige Dutzend der Schildkröten zwischen Tümpeln, Gras, Schilf und natürlich ohne Zaun. Der Eintritt kostet drei US-Dollar. Allein auf Santa Cruz gibt es noch bis zu 3000 der Tiere.

Gut 15 Kilometer weiter im Süden liegt die Insel-Hauptstadt Puerto Ayora. Sie hat heute fast 15.000 Einwohner. Das sind über die Hälfte aller Galapagos-Bewohner. Am Hafen dösen Seelöwen. Unermüdlich predigen die Galapagos-Führer ihren Gästegruppen bei der Landung auf einer Insel: „Keiner darf den Weg verlassen, ein Tier berühren oder den Blitz beim Fotografieren zuschalten.“ Die Tiere und Pflanzen des Archipels mit seinen rund 130 Inseln und Inselchen konnten sich fünf Millionen Jahre lang fast ungestört entwickeln. Harry Jonitz aus dem Raum Karlsruhe hilft dabei, dass Gäste diese seltene Pracht über und unter Wasser beobachten können. Er ist seit über 20 Jahren Reiseführer auf dem Archipel.

Im Moment steht Jonitz mit Kapitän Julio Pachay auf der Brücke der „Treasure of Galapagos“, einem Kreuzfahrt-Katamaran für 16 Passagiere. Die See ist ruhig, Zeit für einen Plausch auf der Brücke. „Es wurde einfach zu eng. Gut, dass unsere Behörden die Notbremse gezogen haben“, sagt Kapitän Pachay. Die Unesco setzte Galapagos 2007 auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes, auch wegen unkontrollierten Zuzugs und Umweltproblemen. Die Behörden reagierten. Zum Beispiel mussten viele Festland-Ecuadorianer zurückreisen, die illegal auf den Inseln lebten.

„Damit Topziele nicht von Touristen überrannt werden, müssen alle Schiffe nun wichtige Regeln einhalten, dürfen in 14 Tagen kein Ziel zweimal ansteuern“, erzählt Jonitz. Attraktiv seien schließlich alle Inseln. Tour-Operator Hans-Jürgen Creter betont: „Alle Kreuzfahrtschiffe werden heute durch Satellit überwacht.“ Wer Extratouren macht, riskiert den Verlust der Lizenz. Auch Tourismus-Unternehmer und Bootseigner Enrique Wittmer begrüßt die Kontrollen: „Es geht doch um die Bewahrung der Naturschätze, um die Zukunft von Galapagos.“

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Inzwischen hat die Unesco ihre Warnung zurückgenommen. Doch viele endemische Tiere und Pflanzen sind weiter vom Aussterben bedroht. Denn auch innerhalb der Tierwelt gibt es Konkurrenzkämpfe: Mit dem Menschen kamen Ziegen, Ratten und Esel, die Nester zertrampeln, Eier fressen und den angestammtem Tieren den Lebensraum nehmen. Seit Jahren wirken die Behörden dem entgegen – mancherorts mit der Tötung der „Eindringlinge“. So sind die einheimischen Tiere weiter die Herrscher der Inseln.

Mit einem vielstimmigen Konzert startet auch auf Espanola der Tag: Wenn die ersten Strahlen der Sonne über den Pazifik flimmern, beginnen die Seelöwen mit einem lautstarken Grunzen und Brüllen. Auch die Blaufußtölpel verpassen ihren Einsatz nicht: Mit Hupen und Pfeifen starten sie in den Morgen. Die ersten Touristen setzen bereits über, wollen die Tiere aus zwei Metern Distanz bestaunen. Manche Gäste sind ganz still, andere schütteln ungläubig den Kopf und bekommen eine Gänsehaut. Zwei bis drei Stunden dürfen Gäste bei einem Landgang auf unbewohnten Inseln bleiben.

Neben Santa Cruz und Espanola zählen auch Genovesa, Seymour Norte, Bartolome und Isabela zu den beliebten Zielen. Wer die endemischen Riesenschildkröten sehen will, sollte das bei der Reiseplanung berücksichtigen: Die Tiere leben größtenteils nur noch auf Santa Cruz, Isabela, Santiago, San Cristobal und Espanola in der Wildnis.

Die kleinste bewohnte Insel Floreana interessiert vor allem Historiker und US-Filmemacher, die wegen der so genannten Galapagos-Affäre kommen, die auch verfilmt wurde. Denn Intrigen unter deutschen Einwanderern auf Floreana in den 30er-Jahren, eine verschwundene Baronin sowie Mord und Totschlag – das ist Hollywood-Stoff. Die Leguane, die an Tiere aus der Urzeit erinnern, und die zahlreichen Seelöwen sind da schon fast nur noch Nebensache. (APA, dpa)

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