Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 20.11.2015


Mensch und Maschine

Die Daten gehen mit diesen Chips unter die Haut

Mit einem Chip im Arm können Büroangestellte in Schweden Türen öffnen, andere messen damit ihre Blutwerte. Die Technik wird besser, doch Datenschützer sind alarmiert.

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Von Miriam Hotter

Innsbruck — Der Schwede Hannes Sjöbald braucht keine Zugangskarte, um in sein Büro zu kommen. Und den Kopierer benutzt er auch ohne Dienstkarte. Sjöbald hat sich zwischen Daumen und Zeigefinger einen reiskorngroßen Chip einpflanzen lassen, der diese Aufgaben übernimmt. Sobald er in die Nähe eines geeigneten Lesegerätes kommt, ist er identifiziert.

Neben Sjöbald tragen rund 300 Mitarbeiter des „Epicenters“ in Stockholm einen RFID-Chip unter der Haut. RFID (radio-frequency identification) steht übersetzt für „Identifizierung mit Hilfe elektromagnetischer Wellen“.

Was nach Science-Fiction klingt, ist in Wahrheit eine Technik, die bei Haustieren schon lange im Einsatz ist. Chips speichern Identitätsnummern, Angaben zum Besitzer und die Behandlungsdaten des Tierarztes. Auch Skipässe und Bankomatkarten sind mit einer Chipkartentechnologie ausgestattet.

Was bei Vierbeinern gang und gäbe ist, soll nun die Menschenwelt zunehmend erobern. „Momentan passiert viel auf diesem Gebiet“, sagt Thomas Ußmüller, der sich auf der Uni Innsbruck u. a. mit implantierbaren Systemen beschäftigt. Laut Ußmüller wurde schon vor dem „Epicenter“ in Schweden mit Chips experimentiert: Eine Diskothek in Barcelona bot ihren Gästen bereits 2004 Chipimplantate an. „Sie wurden mit einer Spritze injiziert.“ Die Besucher konnten sich auf die Chips ein Guthaben laden, mit dem sie ihre Zeche beglichen. Ebenso wurden persönliche Daten gespeichert.


Doch die Zeit war offenbar noch nicht reif für diese Art von Kundenservice. Es hagelte Kritik von allen Seiten, inzwischen gibt es besagte Diskothek gar nicht mehr.


Datenschützer Georg Markus Kainz dürfte sich darüber freuen. Er steht Chiptechnologien nämlich skeptisch gegenüber und befürchtet, dass gespeicherte Daten nicht sicher sind — und man ständig überwacht werde. „Im Gegensatz zu Smartphones kann man solche Chips nicht ausschalten. Das heißt, man kann immer nachverfolgen, wo man gerade ist.“ Um das zu ändern, arbeitet Ußmüller mit zwei Tiroler Firmen gerade an einer Verschlüsselungstechnologie, welche die nötige Sicherheit gewährleisten soll.

Darüber machten sich die Besucher der „Science and Fiction Messe“ kürzlich in Düsseldorf wohl keine Gedanken. Dort konnte sich jeder einen Chip einpflanzen lassen. Menschen, die ihren Körper mit technischen Implantaten optimieren wollen, nennen sich „Cyborgs“.

Die Beweggründe sind unterschiedlich: Manche tun es aus gesundheitlichen Gründen, andere sind einfach „Techniknarren“. Neil Harbisson aus Irland ist bekannt geworden, weil er als farbenblinder Mann mit Hilfe einer in seinen Schädel implantierten Antenne Farben „hört“. Sein „Eyeborg“ kann Farben in hörbare Frequenzen umwandeln. Der Hacker Tim Cannon aus New York trägt einen Chip unter der Haut, der wiederum seine Blutwerte misst.

Motorola hingegen setzt auf Technologien, die nicht unter der Haut funktionieren sollen, sondern auf der Hautoberfläche. Das Unternehmen hat beim US-Patentamt einen Antrag eingereicht, bei dem es sich offenbar um ein elektronisches Klebe-Tattoo handelt, das Hintergrundgeräusche beim Telefonieren herausfiltern soll. Gegenüber der TT wollte Motorola aber keine weiteren Infos verraten.

Dass solche Erfindungen angenommen werden, glaubt Ußmüller aber nicht. „Dafür müsste es eine breite Akzeptanz der Gesellschaft geben. Und die ist noch nicht da.“

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