Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 05.12.2015


Blick von Außen

Hasspostings: Zwischen Hass und Harmonie

Im Umgang mit Hasspostern dominieren Ausgrenzung und Überzeugungsversuche. Keiner dieser Ansätze funktioniert. Stattdessen sollten wir uns auf Konflikte einlassen.

© istock(Symbolfoto)



Von Robin Menges

Im Sommer gab es ein­e Welle der Empörung über Hasspostings, in der Zwischenzeit haben die medialen Fragen rund um die Rechtmäßigkeit der Entlassungen und der Ruf nach Medienkompetenz für Jugendliche nachgelassen. Aber die Flüchtlingsthematik spitzt sich weiter zu. Und damit auch die verbalen Schlagabtausche, die Machtdemonstrationen und Überzeugungsversuche im Netz und auch in den Medien. An der Flüchtlingsproblematik zeigen sich die großen weltanschaulichen Differenzen unserer Gesellschaft. Und wie jetzt aktuell auch von großen Medien vorgeführt, werden Gerüchte und Annahmen durch persönliche Meinungen schnell aufgewertet und als Tatsachen gehandelt. Das ist die subtil­e Variante des Hasspostings. Aber genauso wenig hilfreich, wenn es darum geht, der Realität und den Herausforderungen ins Auge zu sehen.

Auch nach der Feststellung, dass zum Beispiel beim jugendlichen Hassposter von diesem Sommer kein strafrechtlich relevanter Tatbestand gegeben ist, bleibt die Frage: Wie findet unsere Gesellschaft einen sinnvollen Umgang mit Menschen, die durch Hass angetrieben verbale Gewalt als legitimes Mittel der Gefühlsäußerung sehen? Mit Menschen, ob Jugendliche oder Erwachsene, die glauben, „nur" ihre Meinung zu äußern, und nicht zwischen verbalem Angriff und Meinungsäußerung trennen? Oder mit Menschen, die Tatsachen zurechtrücken, um den eigenen Vorbehalten Gewicht zu geben.

Wenn Meinungen nicht überzeugen, wird die Debatte intensiviert, bis schließlich ein Krieg der Worte ausbricht. Von der tätlichen Gewalt ist das nicht mehr weit entfernt, und der Hass, der hinter diesen und vielen anderen Aussagen steckt, ist unabhängig vom Internet für unsere Gesellschaft eine Bedrohung. Die verbalen Anschläge auf Unbekannte im Netz und die realen Anschläge auf Flüchtlingsheime sind kein­e Form der Meinungs­äußerung. Das sind Taten, die Hass und Angst entspringen. Der Ruf nach Medienkompetenz oder jetzt noch aktueller das Betonen von Fakten irritiert in diesem Zusammenhang auch, weil die grundlegende Frage nicht ist, was und wie ich im Internet poste, sondern wie ich mich Menschen gegenüber verhalte — verbal und im Handeln —, die ich nicht mag oder die nicht mein Verständnis der Welt teilen.

Verbale Grenzüberschreitungen

Der Ruf nach menschenwürdigem Umgang schlägt oft ins Gegenteil um, wenn es um Andersdenkende geht beziehungsweise um Menschen, die Grenzen anderer — etwa von Flüchtlingen — verbal überschritten haben. Da scheinen dann Verurteilung, Beschämung und Besserwisserei in Ordnung.

Zwei Muster prägen die Auseinandersetzung: Ausgrenzung und Überzeugenwollen. In Blogs und Postings wird sehr schnell ausgegrenzt und abgegrenzt und nach therapeutischer oder sozial­pädagogischer Begleitung gerufen. Nach dem Motto: Es sollen sich bitte kompetente Fachleute darum kümmern (auch eine Form der Abgrenzung).

Ausgrenzung keine Lösung

Doch Ausgrenzung und Kontaktabbruch sind keine Lösung. Ich bin Psychologin und Family Counselor. Deshalb sehe ich diese Reaktionen in Zusammenhang mit einem Erziehungsmodell, das auf jedem Spielplatz beobachtet werden kann. Ein Modell, das auch unter „gewaltfrei" Erziehenden als Möglichkeit erscheint: das Modell der Ausgrenzung. Nach dem Motto: „Wenn du wieder brav bist, darfst du wieder zu mir", „Wenn du dich beruhigt hast, kannst du wieder zum Mittagtisch", „Wenn du aufhörst rumzuzicken, unterhalte ich mich wieder mit dir!"

Übertragen auf die Kommentare im Netz: „Er hätte eine Strafe bekommen sollen, dann hätte er Zeit gehabt, über sein Leben und sein Handeln nachzudenken", „Es ist gerechtfertigt, dass der Hassposter auf die Straße gesetzt wird, dann lernt er vielleicht, dass das nicht in Ordnung ist." Oder, etwas subtiler: „Das ist nur ungerechtfertigte Angst, die muss man in den Griff bekommen", „Jetzt sei doch mal vernünftig — dann können wir reden!"

Kontaktabbruch macht wütend und ist gefährlich

Es ist nicht so, dass Kontaktabbruch zu Läuterung, Verständnis und mehr Empathiefähigkeit führt. Das lässt sich einfach an sich selbst beobachten. Wenn uns etwas emotional betrifft, wenn wir wütend sind, ärgerlich, irritiert oder aufgebracht, wollen wir, dass unsere Botschaft ankommt. Wir wollen gehört werden. Der Kontaktabbruch hingegen macht uns noch wütender. Das ist das erste destruktive Muster.

Wenn ich die Kommentar­e zu verschiedenen Flüchtlingsartikeln lese, sehe ich sehr viele Menschen, die großen Frust haben. Die den Eindruck haben, zu kurz zu kommen. Die sich in ihrem persönlichen Dilemma nicht ernstgenommen fühlen. Und auf der anderen Seite eine überhebliche Masse, die diesen Menschen sagt, dass das, was sie da von sich geben, Schwachsinn ist, und ihre Themen und Sorgen im Vergleich zu denen der Flüchtlingen nichtig. Das verstärkt den Hass.

Auch Argumente lassen Hass nicht schwinden

Das führt zum zweiten Muster: Überzeugen der Überzeugten. Wir hoffen, durch sachliche, stichhaltige und vor allem überzeugend­e Argumente die anderen von unserer Weltsicht überzeugen zu können. Manchmal rütteln Daten, Zahlen und Fakten auf, aber unser Weltbild wirklich erschüttern tun sie selten. Das tun sie auch aus gutem Grund nicht, da unser­e Überzeugungen und unsere Weltsicht, unser­e Ängste und Sicherheiten viel tiefer verwurzelt und aus den Beziehungen und Interaktionen unseres bisherigen Lebens entstanden sind. Es wäre kaum sinnvoll, meine Weltsicht von jemandem, der mir nicht wohlgesinnt ist, hinterfragen zu lassen. Denn warum soll ich jemandem etwas glauben, der mir sagt, dass ich nicht „richtig ticke"?

Wichtig sind Beziehungen

Der Ausweg aus diesem Dilemma sind Kontakt und die Anerkennung, dass Konflikte normal sind. Kontakt, weil wir uns und unsere Überzeugungen nur durch Menschen hinterfragen lassen, bei denen wir spüren, dass ihnen etwas an uns liegt. Die sich für unser­e Sorgen, Ängste und Nöte — auch die objektiv nicht zutreffenden — ehrlich interessieren. Menschen entwickeln sich in Beziehung weiter. Das trifft für Menschen aller Altersstufen zu. Das fordert uns heraus, mit unseren Mitmenschen in Kontakt zu treten. Aber das tun wir meist genau in diesen Situationen ungern, weil wir den Konflikt scheuen. Wir meiden die kontroversen Themen.

Harmonie als Illusion

Ein Mythos unserer Gesellschaft ist die Illusion der Harmonie. Sobald zwei Menschen enger miteinander zu tun haben, gibt es unterschiedliche Bedürfnisse, Wünsche, Ansichten oder Ängste. Konflikte zu diesen Bereichen sind normal. Konflikte sind eine Tatsach­e des Lebens und nicht ein vermeidbares Übel.

Unterschiedliche Meinungen und Ansichten sind Grundlage unserer Demokratie, sind die Basis für Entwicklung und Innovation, sind letztendlich die Basis unseres Wohlstandes. Ein Konflikt ist nicht das Problem, sondern der Anfang einer Lösung. Wir brauchen unterschiedliche Weltanschauungen, um weiterzukommen.

Konflikte (nicht Streit) suchen

Erst wenn wir diese Tat­sache anerkennen, können wir eine konstruktive Konfliktkultur entwickeln. Eine Konfliktkultur, die den anderen in seiner Menschenwürde unangetastet lässt, aber Raum gibt für Auseinandersetzung, Diskrepanz, Widerspruch und gemeinsames Ringen um Lösung der Themen, die uns gemeinsam betreffen.

Wir dürfen jugendliche Hassposter nicht ignorieren, aber auch nicht den Fachleuten überlassen. Wir müssen Kontakt suchen, verstehen wollen, Anderssein akzeptiere­n (nicht die verletzenden Äußerungen!) und uns traue­n, Konflikte zu entwickeln, aus denen alle als Gewinner hervorgehen.

Robin Menges ist Klinische Psychologin, Family Counselor und Leiterin der IGfB — Internationale Gesellschaft für Beziehungskompetenz in Familie und Organisation mit Sitz in Innsbruck. info@igfb.org