Letztes Update am Mo, 29.08.2016 17:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Durchgespielt

„No Man‘s Sky“ im Test: Verloren in den Tiefen des Weltalls

Das Weltraum-Epos „No Man‘s Sky“ wird von den einen mit Liebe überschüttet, von anderen verhasst. Wir haben uns das Spiel aus zwei Blickwinkeln angesehen.

© ScreenshotPlaneten, Systeme, Pflanzen und Tiere können benannt und dann auf die Spiel-Server hochgeladen werden. Die Namen sind dann für alle Spieler sichtbar.



Ein kleiner Schritt für die Menschheit – aber was für einer

Von Matthias Sauermann

Der Planet karg, die Umgebung feindlich, die Atmosphäre verseucht. Kein Ort zum Verweilen. Ich steige in mein Raumschiff, prüfe den Tank. Nach kleinen Reparaturen meiner Anlagen hebe ich ab, stoße durch die Atmosphäre des Planeten. Und finde mich in den unendlichen Weiten des Weltalls wieder. Was ich als nächstes mache, wohin mich die Reise verschlägt – das alles ist rein mir überlassen. Willkommen bei „No Man‘s Sky“!

Lange wurde das Epos von den Fans erwartet. Nach Ankündigungen der Entwickler wuchsen die Erwartungen an das Machwerk ins Unermessliche. Auch wir waren sehr gespannt, ob diese hohen Erwartungen erfüllt werden können.

Durch die Atmosphäre zur Planetenoberfläche zu rauschen, ist immer wieder ein Highlight. Nur schade, dass die Landschaft erst nach und nach ins Bild "ploppt".
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Der Spieler findet sich zu Beginn des Spieles auf einem Planeten wieder. Das Raumschiff abgestürzt. Die erste Aufgabe: Ressourcen finden, um das Fluggerät wieder in die Lüfte zu bringen. Ist das geschafft, macht man sich auf zum Mittelpunkt des Universums. Wie dieses erreicht wird, was dann folgt und warum man überhaupt vor diese Aufgabe gestellt wird, bleibt anfangs offen. Die Geschichten in No Man‘s Sky erzählt nicht das Spiel. Vorrangig ist das jedem Einzelnen selbst überlassen.

Mein Planet – ganz allein meiner

So setze ich mir beispielsweise gerne die Aufgabe, auf jedem Planeten möglichst viele Tierarten zu entdecken. Diesen kuriose Namen zu geben. Und damit Units (die virtuelle Währung im Spiel) zu verdienen, die ich in meine Ausrüstung und mein Raumschiff investieren kann. Mit diesen selbst gestellten Aufgaben bediene ich mich einer Spielidee, die No Man‘s Sky besonders reizvoll macht: Alle Spieler sind online im gleichen Universum unterwegs. Nenne ich eine besonders gefräßige Spezies beispielsweise „Nimmersatt“, heißt diese für jeden anderen Spieler auch so, der meinen Planeten einmal betreten wird.

Am Anfang des Spiels hat unser Schiff kaum Stauraum. Wenn wir später größere Schiffe wie dieses erlangen, können wir auch mehr Rohstoffe abbauen.
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So kann sich der Spieler sein eigenes Reich erschaffen. Ganze Planeten können entdeckt, benannt und damit für jeden sichtbar katalogisiert werden. Denn die Planeten sind ebenso allesamt einzigartig und durch einen speziellen Algorithmus berechnet. Während in herkömmlichen Spielen jede Tischkante von dem Programmierern erdacht wurde, haben die Macher von No Man‘s Sky einen Code erschaffen, der das Universum erst entstehen lässt. Die Flora, Fauna und Biomik der Planeten basiert auf diesem Code, und ist dementsprechend vielfältig. 18 Trillionen solcher Planeten gibt es im Spiel. Ein ganzes Menschenleben wäre viel zu kurz, um jeden einzelnen abzuklappern.

Die Suche nach Sinn und Zweck

Dies führt uns zur großen Angriffsfläche des Spieles: Seine unendliche Größe und Weite. Man fühlt sich stellenweise allein gelassen und fragt sich, was der Sinn hinter den Stunden ist, die man vor dem Bildschirm verbringt. Eine Story, die man verfolgt, suche ich weiterhin vergeblich. Das Abbauen und Verwerten von Ressourcen dient keinem höheren Zweck. Es gibt keine Charaktere, mit denen man mitfiebert (außer vielleicht den Außerirdischen Gek, die mir stellenweise leid taten), keine epischen Weltraumschlachten. Wenn ich etwa die Sprache der Gek Stück für Stück lerne, verstehe ich sie zwar, wenn sie mit mir reden – aber einen großen Einfluss auf den Spielverlauf hat das nicht. Nicht einmal ein Ende des Spieles ist absehbar. Ob sich hier mit Updates noch etwas ändert, bleibt abzuwarten. Vorerst gilt: Wer an der Hand genommen werden möchte, macht mit No Man‘s Sky keinen guten Griff. Dann macht sich sehr schnell Langeweile breit.

Über die Galaxie-Karte können wir von System zu System reisen.
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Was als Schwäche des Spieles ausgelegt werden kann, ist zugleich jedoch auch seine größte Stärke. Denn gerade die Unendlichkeit macht den Reiz des Spieles aus: Durch das Spielprinzip entsteht das Universum und der Sinn dahinter durch alle Spieler, die darin unterwegs sind. Spieler können sich zwar (noch) nicht sehen, aber sie können die gleichen Orte besuchen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Kürzlich stolperte ich etwa in einem Forum über einen Spieler, der seinen Planeten nach den Elementen benannt hat, die darauf zu finden sind. Der nachkommende Spieler wurde so bereits vor dem Anflug mit wichtigen Informationen versorgt.

Ist man Freund von großer spielerischer Freiheit und hat nichts dagegen, sich darauf einzulassen, die Frage nach dem Sinn und Zweck einfach selbst beantworten zu müssen, dann liegt hier ein (noch etwas ungeschliffenes) Juwel bereit. Es ist ein erhabenes Gefühl, nach einem Flug durch das Weltall mit der Schnauze des Raumschiffes durch die Atmosphäre zu stoßen. Die Windschutzscheibe glüht. Dann lande ich sanft auf dem Planeten und weiß: Vor mir hat das noch niemand gesehen. Nicht einmal die Entwickler. Jedes Tier, das ich entdecke, ist einzigartig. Und indem ich diesen Planeten „erobere“, hinterlasse ich Spuren in dieser virtuellen Welt. Ich frage mich, ob wohl jemand diese entdecken wird. Und ob er meinen Humor teilt, wenn er den von mir getauften Kreaturen über den Weg läuft.

Die Tiere, die uns in No Man's Sky begegnen, reichen im Aussehen von altbekannt bis bizarr.
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Ein Marketing-Fiasko begräbt ein gutes Spiel

Von Lukas Schwitzer

So viel No Man‘s Sky auch bietet, es muss mit viel berechtigter Kritik leben. Es ist ein unfertiges Spiel, das trotzdem zum Vollpreis auf den Markt kam. Versprochen wurde von den Entwicklern von Hello Games das Rote, Grüne und gelegentlich Blaue vom Himmel. Als Händler könne man sein Weltraumdasein fristen, ohne je einen Planeten zu betreten. Es würde Fraktionen geben, denen man sich anschließen, Weltraumschlachten, in die man sich einmischen könnte. Und die verschiedenen Raumschiffe, die wir im Lauf unseres Abenteuers bekommen, sollten sich auch unterschiedlich steuern - abhängig davon, ob wir nun einen schnellen Jäger oder ein behäbiges Frachtschiff steuern.

Wir sind alle gleich

Nach dem Marktstart setzte schnell die Ernüchterung ein. Die hohen Ziele wurden nicht umgesetzt, die Spielerfahrung von No Man‘s Sky ist trotz der schier unendlichen Spielwelt eingeengt. Das Erkunden eines Planeten läuft im Prinzip immer ähnlich ab. Ich lande bei Gebäuden, die in der ganzen Galaxie gleich aussehen, und plündere diese bis auf das letzte Eck. Dann grase ich die Umgebung nach wertvollen Mineralien zum Abbauen ab, scanne zwischendurch noch ein paar Tiere und mache mich wieder auf den Weg zurück zu meinem Schiff. Dort stelle ich fest, dass der Antrieb, der mir den Start ermöglicht, Treibstoff braucht. Also suche ich wieder in der Landschaft nach Plutoniumvorkommen. Diese sind glücklicherweise an der Oberfläche kristallisiert. Abbauen, einsammeln, zurück zum Schiff, Tank auffüllen, starten, an einem anderen Ort auf dem Planeten wieder landen und das Ganze von vorne beginnen.

Schöner als die Tierwelt ist oft die Flora eines neuen Planeten anzusehen.
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Abwechslung bieten zwischendurch zwar uralte Alien-Ruinen und abgestürzte Schiffe. Wirklich völlig andere Planeten wie etwa solche, die fast ausschließlich von Meeren bedeckt sind, finden sich aber nur äußerst selten. Es ist das große Problem dieses zufällig erstellten Universums. Fast unendlich viele verschiedene Planeten bedeuten gleichzeitig, dass es auch schier unendlich viele ähnliche Planeten gibt. Hinzu kommt, dass es auf so gut wie jedem Planeten der Welt von No Man‘s Sky Leben gibt und etwa die Position der Himmelskörper in ihrem Sonnensystem keinen Unterschied macht. Hobby-Astronomen oder gar -Biologen werden sich hier nicht zuhause fühlen.

Die Empörung hat verständliche Wurzeln

Aber wir wollen fair sein. Ein ganzes Universum physikalisch korrekt zu simulieren, dürfte auch für die fortgeschrittensten Computer ein Ding der Unmöglichkeit sein. Und auch der ausgeklügelte Algorithmus von Hello Games, nach dem die Spielwelt erstellt wurde, hat seine Grenzen. So, wie es viele Fans des Spiels also formulieren, haben wir uns also tatsächlich zu viel von No Man‘s Sky erwartet. Allerdings auch deshalb, weil uns zu viel versprochen wurde. Zumindest in den letzten paar Monaten dürfte auch den Entwicklern klar geworden sein, dass nicht alle angekündigten Features machbar sein würden. Kommuniziert wurde das nicht, auch nicht jenen Kunden, die das Spiel bereits aufgrund der Versprechungen vorbestellt hatten. Erst wenige Tage vor dem Marktstart wurde versucht, die Erwartungen zu senken, doch dafür war es längst zu spät.

Ein typisches Gebäude auf einem typischen Planeten. Die Weitsicht ist in No Man's Sky sehr schwach (im Bild die PS4-Version), Elemente der Landschaft bauen sich oft erst auf, wenn wir in deren Nähe sind.
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Dass viele Spieler empört sind, ist also absolut verständlich. Es wurde nicht das Spiel geliefert, das versprochen wurde. Und Hello Games ist nicht das erste Entwicklerstudio, das diese „Sünde“ begeht. Das prominenteste Beispiel der letzten Jahre ist Bioshock Infinite, das seinen Trailern ebenfalls nicht gerecht wurde. Der Unterschied: Bioshock Infinite war trotzdem eines der besten Spiele seiner Generation und zog die Kunden mit seiner Geschichte und Atmosphäre in seinen Bann. Das kann No Man‘s Sky leider nicht von sich behaupten. Und ob Hello Games das Spiel mit den angekündigten Updates noch zu dem machen kann, was es hätte sein sollen, kann noch niemand sagen.

Entspannung im freien Weltraum

Schade ist, dass sich aufgrund dieses Marketing-Fiaskos viele Spieler entscheiden werden, No Man‘s Sky keine Chance zu geben. Dabei hätte es deutlich mehr verdient. Trotz der Limitationen erkunde ich die Galaxie seit Wochen. Es ist entspannend, durch den Weltraum zu rauschen, Berge, Höhlen und Meere zu erkunden und zu sehen, welche bizarren Lebewesen mir das Spiel vorsetzt. Und wenn ich endlich genug Geld zusammengekratzt habe, um mir ein größeres Schiff zu kaufen, fühlt sich das wie eine echte Leistung an.

Zum Preis von etwa 60 Euro kann ich No Man‘s Sky trotzdem nicht empfehlen. Hätte das Spiel alles Versprochene beinhaltet, wäre es durchaus gerechtfertigt, so viel auf den Tisch zu legen. In seiner derzeitigen Form wäre aber ein Preis, wie er für aufwendige Indie-Spiele verlangt wird – an die 25 Euro – eindeutig fairer.