Letztes Update am So, 26.03.2017 07:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Web und Tech

Das nächste Level der Erregung

Mitten im heiligen Land Tirol arbeitet ein Unternehmen an Sex-Computerspielen für Erwachsene, die virtuell ihre Triebe ausleben wollen. Eine Geschichte über die Entwicklung der Pixel-Erotik, Pornographie im Virtual-Reality-Zeitalter und darüber, wie Menschen ihre Sexualität neu entdecken können.

© Mit allem, was sie zeigt, versucht diese Frau einen begehrenswerten Eindruck zu hinterlassen. Bei manchen wird sie es schaffen. Und das, obwohl sie nicht echt ist, sondern ein am Computer entworfenes Model.



Von Matthias Christler

Der Blick mit den blauen Augen, die Geste mit ihrem Finger, der perfekt aufgetragene Lippenstift und die nackten Schultern: Mit allem, was sie zeigt, versucht diese Frau einen begehrenswerten Eindruck zu hinterlassen. Bei manchen wird sie es schaffen. Und das, obwohl sie nicht echt ist, sondern ein am Computer entworfenes Model, das Pixel für Pixel optimiert wurde. Programmierer schaffen es inzwischen, die Figur so aussehen zu lassen, dass sich real und virtuell kaum unterscheiden lässt.

Die Branche hat sich lange schwer getan Sexualität anzusprechen. Im Actionspiel „Mass Effect 3“ geht eine Figur eine homosexuelle Beziehung ein.
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Man findet sie attraktiv, will sie berühren, küssen oder sogar mit ihr Sex haben. Am Computer funktioniert das schon. Das Innsbrucker Unternehmen Thrixxx ist weltweit einer der Marktführer bei der Entwicklung von Sex-Games. Wobei „Spiel“ nicht ganz stimmt, es sind eher Sex-Simulationen. Das läuft so ab: Der Spieler legt sich den Avatar (virtuelle Spielfigur) an und hat mit anderen Avataren Geschlechtsverkehr.

Computerspiele zwischen Pornographie und Erotik. In der „3D Sexvilla“ des Herstellers Thrixxx können User „scharfe Cyberluder vernaschen“, wie es in der Beschreibung heißt.
- thrixxx

Geschäftsführer Johannes H. – der anonym bleiben will, „weil unser Business im heiligen Land Tirol noch ein Tabuthema ist“ – und seine zehn Mitarbeiter scannen mit einer eigenen Technik Menschen ein und bearbeiten am Computer die Modelle und ihre Bewegungen: „Im Gegensatz zu Porno-Seiten kann der Spieler bei uns selbst agieren. In den Spielen leben sie das aus, was sie im echten Leben vielleicht nicht können“, beschreibt er eine Motivation jener Menschen, die sich in der „Sex Villa“ mit einem Computer-Model oder im „Chat House“ mit anderen Spielern vergnügen und befriedigen. Einige hunderttausend User sind auf der Seite des Innsbrucker Unternehmens registriert.

War Erotik in Computerspielen über viele Jahre – angefangen vom pixeligen Larry Laffer bis zur großbusigen Lara Croft – zwischen seichter Komik und pubertären Gelüsten versteckt, wird das Thema inzwischen ernst genommen. Klar, weil viel Geld damit erwirtschaftet wird. Die Virtual Reality eröffnet der Branche neue Möglichkeiten.

Bei „The Witcher 2“ 
wird sinnlicher Sex gezeigt.
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Die Zeiten, in denen man den Joystick bewegt, um den Geschlechtsakt zu simulieren, sind vorbei. Hersteller wie Thrixxx haben Virtual-Reality-Bereiche in ihren Spielen eingebaut. Man setzt sich die VR-Brille auf und kann um das Objekt seiner Begierde herumgehen, nach ihr greifen und die Intimität dank neuer Hilfsmittel spüren.

„Wir arbeiten mit Herstellern von Sextoys zusammen, die mit den Spielen verbunden sind.“ Dabei übertragen Sensoren die Bewegungen aus der virtuellen Welt auf den Vibrator oder Masturbator. So können sich Stars aus der Porno-Industrie in Videospielen vermarkten und den feuchten Traum der User wahr werden lassen. Jenna Jameson hat sich vom Tiroler Unternehmen bereits als 3D-Modell programmieren lassen.

Zukunftsforscher rechnen bereits damit, dass nach dem Virtual-Reality-Hype der Sex mit Robotern nicht mehr weit weg ist. Dieses Werbesujet für Unterwäsche griff das Thema auf.
- BjörnBorg

Sex-Computerspiele sollen vor allem für drei Anwender-Gruppen interessant sein: für den einsamen Single; für Paare, die experimentieren wollen und für Menschen, die in Rollenspielen sexuelle Neigungen ausprobieren. Besteht die Gefahr, dass man sich in der virtuellen Welt verliert und den Online-Sex einer echten Beziehungen vorzieht?

m Moment dienen noch animierte Models zur Befriedigung. Der Spieler kann das Äußere seiner Traumfrau selbst bestimmen. Übergroße Brüste sind dabei gar nicht mehr so gefragt.
- thrixxx

Die Innsbrucker Sexualtherapeutin Ulrike Paul glaubt, dass der Großteil die Realität in Zukunft weiterhin bevorzugt: „Die Sehnsucht nach konventioneller Romantik und Sex verstärkt sich wieder“, merkt sie außerdem an. Doch bei Menschen, bei denen Masturbieren schon einen größeren Stellenwert habe als die Partnerschaft, so Paul, „können Pornos, das Internet und virtuelle Spiele eine verstärkende Rolle spielen. Manche verlieren sich darin, aber für die meisten wird es ein Ausprobieren bleiben.“

Sperre für Kinder und Pädophile

Um zu verhindern, dass eine weitere Gruppe – Kinder und Jugendliche – zu früh mit solchen Spielen in Kontakt kommt, hat Thrixxx eine schwer überwindbare Sperre für unter 18-Jährige eingebaut. Johannes H. findet Seiten wie „YouPorn“ ohnehin problematischer, weil es dort so gut wie keine Restriktion gebe.

Bei ihren Spielen ist es technisch unter anderem nicht möglich, die Avatare in der Körpergröße zu verändern: „Damit wollen wir verhindern, dass sich ein User ein virtuelles Model so bearbeitet, dass es wie ein Kind aussieht, um pädophilen Neigungen nachzugehen“, erklärt er. User, die in den Chats und den Kommentaren auf der Seite ausfällig werden, sperrt das Unternehmen außerdem.

Die Expertin

Ulrike Paul ist Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin sowie Sexualtherapeutin mit einer Praxis in Innsbruck. Außerdem arbeitet sie als Lehrbeauftragte am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck