Letztes Update am Mi, 20.09.2017 15:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Test

Huawei P10: Handschmeichler mit Schönheitsfehlern

Huawei hat sich in den vergangenen Jahren zu einem ernstzunehmenden Player auf dem europäischen Handymarkt entwickelt. Mit dem Modell P10 (und P10 Plus) wagt der chinesische Telekommunikationsausrüster einen Frontalangriff auf Apples iPhone. Um zu sehen, ob der gelungen ist, haben wir das Gerät ausgiebig getestet.

© RehfeldDie Farben und die Leuchtkraft des 5,1 Zoll großen LCD-Displays, das über eine Auflösung von 1920 x 1080 Pixel (432 ppi) verfügt, begeisterten auf Anhieb.



Innsbruck – Mit dem Slogan „Das perfekte Smartphone in einer nicht perfekten Welt“ bewirbt Huawei sein neues Vorzeigemodell P10 (bzw. P10 Plus). Das klingt einladend. Wir haben das Smartphone ausgiebig getestet. Hier das Ergebnis:

Verpackung/Erster Eindruck: Schon das Auspacken des P10 ist ein kleines Highlight. Die Verpackung ist ebenso schlicht wie ungewöhnlich. Ans Innere gelangt man durch „Ausklappen“ des Kartons nach links und rechts. Im Inneren thront das P10 auf einem Plastik-Tray. Zieht man die Folie(n) ab, hält man das Smartphone in Händen und darf sich erstmals an der angenehmen Haptik erfreuen. Das Unibody-Gehäuse (Anm.: aus einem Block gefräst) macht auf Anhieb einen hochwertigen und robusten Eindruck. Die abgerundeten Kanten, der Fingerabdrucksensor in der Mitte unter dem Display und die mattierte Rückseite erinnern im ersten Moment an das iPhone 7, was per se nicht negativ ist. „Geschmeidig“ – so kann man die Haptik des P10 wohl am ehesten bezeichnet.

Das Unibody-Gehäuse macht auf Anhieb einen hochwertigen und robusten Eindruck. Die abgerundeten Kanten und der Fingerabdrucksensor in der Mitte unter dem Display erinnern an das iPhone 7.
- Rehfeld

Gehäuse/Display: An der rechten Seite des 6,98 Millimeter dünnen Gerätes finden sich die Lautstärketasten sowie der farblich abgehobene Button für die Tastensperre. An der Unterseite befinden sich ein 3,5-mm-Klinkenanschhluss, der Steckplatz fürs Lade-/USB-Kabel sowie der Stereolautsprecher. Der Tray für die SIM-Karte (mit Micro-SD-Kartenslot) befindet sich auf der linken Seite. Ein optisches (und technisches) Highlight ist die auf der Rückseite in eine Glasleiste eingearbeitete Leica-Dual-Kamera (siehe Bild weiter unten) mit 20-Megapixel-Auflösung (auf der Vorderseite befindet sich eine Selfie-Kamera mit 8 -Megapixel-Auflösung). Eine Displayschutzfolie ist praktischerweise schon auf das gehärtete Display-Glas aufgezogen. Eine Hülle für das Handy ist im Lieferumfang nicht enthalten – dafür ein USB-C-Kabel mit Stromadapter, In-Ear-Kopfhörer in weiß und eine SIM-Kartenslot-Nadel.

Technische Daten

Maße: 145,3 x 69,3 x 6,98 mm; 145 Gramm

Display:

5,1 Zoll, LCD, 1920 x 1080 (432 ppi, Full HD)

Akku:

3200 mAh

Kamera hinten:

20 Megapixel, vorne: 8 Megapixel; Blitz: Dual-LED;

Betriebssystem/Oberfläche:

Android 7.9 Nougat, Huawei EMUI

Speicher:

64 GB intern, Micro-SD-Steckplatz, 4 GB RAM

Konnektivität:

NFC, LTE, Bluetooth 4.2, HSPA

Inbetriebnahme/Display: Der erste Eindruck beim Einschalten war positiv. Die Farben und die Leuchtkraft des 5,1 Zoll großen LCD-Displays, das über eine Auflösung von 1920 x 1080 Pixel (432 ppi) verfügt, begeisterten auf Anhieb. Wie bei fast jedem Smartphone gilt es auch beim P10, sich erstmal durch die Konfiguration zu arbeiten (WLAN-Einstellungen, Google-Einstellungen, Datenschutzeinstellungen, etc.). Das funktionierte beim P10 ohne Wenn und Aber. Der Aufbau des Home-Bildschirms und die Anordnung der Apps auf eben diesem lässt erneut Erinnerungen an Apples iPhone hochkommen, obwohl man es beim P10 mit Android 7.9 Nougat und der Huawei-EMUI zu tun hat. Wem die Ähnlichkeit nicht gefällt, kann im Einstellungsmenü wieder auf die Standard-Android-Anzeige umstellen. Die gängisten Social-Media-Apps (Facebook, Instagram, Youtube und natürlich Google in allen Formen und Varianten) sind voristalliert, für alles Weitere gibt es den PlayStore. Die Synchronisation mit sämtlichen Konten (Google) und die Anmeldung auf diversen Plattformen funktionierte reibungslos und fehlerfrei.

Bedienung: Die Handhabung erfolgt intuitiv. Alles, was ein Smartphone im täglichen Gebrauch können muss, kann das P10 – und das sogar sehr schnell, wie ein Test mit der App Geekbench veranschaulicht:

- Screenshot/Geekbench

Während des Tests kam es zu keinen Hängern, Abstürzen oder Ähnlichem. Alle Apps ließen sich in Millisekunden-Schnelle öffnen, bedienen und wieder schließen. Definitiv ein Highlight in der Bedienung ist der in der Mitte unter dem Display eingelassene Fingerabdrucksensor. Er dient nicht nur zum schnellen Entsperren des Telefons, sondern kann auch als Bedien-Button eingesetzt werden. Ein kurzer Druck auf den Sensor entspricht der Zurück-Taste, bleibt man länger auf dem Knopf, gelangt man auf den Startbildschirm und streicht man quer über den Button, kann man die geöffneten Apps auswählen bzw. schließen – das fetzt und macht definitiv Spaß! Hat man sich einmal daran gewöhnt, möchte man die Funktion nicht mehr missen. Einziges Manko: Die Taste wurde im Test nach kurzer Zeit immer wieder relativ warm.

Die Eingabe via Tastatur funktionierte reibungslos, auch hier gab es keinerlei Hänger. Die integrierte Swift-Key-Tastatur ist prinzipiell praktisch und lernt schnell. Teilweise treibt sie einen jedoch in den Wahnsinn. Ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit kann schnell dazu führen, dass die Autokorrektur konfuse Botschaften formuliert. Zur Größe des P10: SMS-Schreiben und Scrollen mit einer Hand sollte für Menschen mit durchschnittlich großen Händen gerade noch möglich sein. Die Displaygröße von 5,1 Zoll erfordert aber teilweise ein gewisses Maß an Balanciertalent.

Die Kamera verfügt über einen 20-Megapixel-Monochrom- sowie einen 12-Megapixel-RGB-Sensor.
- Rehfeld

Kamera: Huawei hat werbetechnisch ganze Arbeit geleistet: Wer sich ein P10 anschafft, tut das vermutlich in erster Linie wegen der angepriesenen Dual-Leica-Kamera. Diese verfügt über einen 20-Megapixel-Monochrom- sowie einen 12-Megapixel-RGB-Sensor. Die Bilder, die das P10 durch Kombination der Sensoren erzeugt, können sich sehen lassen (aufgenommen im Automatik-Modus):

Die Bilder, die das P10 durch Kombination der Sensoren erzeugt, können sich sehen lassen.
- Rehfeld

Zahlreiche weitere Modi (von Monochrom über Nachtaufnahme bis hin zu HDR) in der Kamera-App laden zum Ausprobieren ein. Besonderes Schmankerl: Der Fokus der Bilder kann bei entsprechender Einstellung auch nach dem Aufnehmen noch verändert werden. Auch interessant: Die Front- bzw. Selfie-Kamera liefert mit ihren 8 Megapixeln passable Ergebnisse. Dank integriertem Portrait-Modus gibt‘s aber ärgerlicherweise zu jedem Selfie ein unnatürlich anmutendes Face-Lifting. Die Intensitiät der Gesichtsglättung lässt sich jedoch manuell einstellen bzw. verringern.

Wer sich mit Fotografie auskennt, kann überhaupt in den manuellen Modus wechseln und nach Belieben an Blende und Belichtungszeit schrauben. Otto-Normal-Instagrammer mit Hang zur Filterisierung verwackelter Alltagsbilder brauchen dieses Feature aber vermutlich selten bis nie. Sie können mit gutem Gewissen auch auf günstigere Smartphone-Modelle mit „normaler“ Kamera zurückgreifen.

Größenvergleich: iPhone 5c, Samsung Galaxy A3, Huawei P10, Huawei G8.
- Rehfeld

Akku: Mit 3200 mAh ist die Akkukapazität im Vergleich zum Vorgängermodell rein theoretisch angewachsen (das P9 hatte 3000 mAh). Bei entsprechend intensiver Nutzung des Smartphones kommt man mit dem Akku aber leider keinen ganzen Tag durch (aber fast). Hier kommt die Schnellladefunktion ins Spiel: 30 Minuten für 50 Prozent des Akkus werden vom Hersteller versprochen – und gehalten. Lästig ist es trotzdem, das Ladekabel ständig dabei haben zu müssen.

Negativ-Highlights: Zum Verzweifeln war im Test die Datenübertragung vom P10 auf Apple-Geräte. Geschmeidig geht definitiv anders. Bilder auf ein MacBook zu übertragen, wurde zum stundenlangen Unterfangen. Keines der empfohlenen Programme konnte das via USB angeschlossene Handy von sich aus erkennen. Am Ende musste Bluetooth als Übertragungsvariante herhalten – Stunden später waren die Bilder schließlich am Mac.

Ein weiteres Unding ist die vermeintlich praktische und standardmäßig aktivierte Schnellanruf-Funktion: Bleibt man im Ruhemodus (versehentlich) zu lange auf einem der Lautstärkeregler und man redet gerade persönlich mit jemandem, kann es sein, dass das P10 Wortfetzen als Namen interpretiert und diese „Namen“ in den Kontakten anruft. Das kann mitunter sehr unangenehm sein. Glücklicherweise lässt sich die Funktion deaktivieren.

Preis: Der Preis von rund 550 Euro (je nach Anbieter) lässt einen zunächst dezent erschaudern, spielt er doch in einer anderen, höheren Liga, als man das bisher von Huawei gewöhnt war. Im Vergleich zu den neuesten Spitzen-Modellen von Apple und Samsung wirken die 550 Euro allerdings recht moderat: Ein neues iPhone 7 mit 4,7-Zoll-Display und 32 GB internem Speicher ist ab 759 Euro zu haben, das iPhone 7 Plus (5,5 Zoll) gibt‘s ab 899 Euro. Fürs neue Samsung Galaxy S8 mit 64 GB Sicher muss man satte 800 Euro hinlegen.

Fazit: Huawei hat es mit dem P10 geschafft, ein solides Mittelklasse-Smartphone in schlichter, aber schicker Optik auf den Markt zu bringen, das sich mit Sicherheit nicht vor den großen Konkurrenten wie Apple oder Samsung verstecken muss. Das Gerät ist ein wahrer Handschmeichler, was Größe und Haptik betrifft und kann sich auch bei den Themen Display und Geschwindigkeit sehen lassen. Der Fingerabdrucksensor bzw. der darin integrierte „Homebutton“ macht Spaß und erleichtert die Bedienung enorm. Dass das Betriebssystem auf Android basiert, ist auf den ersten Blick kaum zu erkennen. Die Ähnlichkeit zu Apples iOS in Optik und Bedienung ist nicht von der Hand zu weisen. Ein paar Schönheitsfehler (Akkulaufzeit, Datenübertragung) hat Huaweis Vorzeigemodell trotzdem. Wer allerdings einen soliden Smartphone-Allrounder sucht, ist mit dem P10 gut bedient. (reh)