Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 24.06.2017


#Respekt

Das Smartphone als Mobbing-Werkzeug von heute

Wo in früheren Zeiten das Drangsalieren von Klassenkameraden Pause hatte, verfolgt Cybermobbing das Opfer heute bis nach Hause.

Ob Facebook, WhatsApp oder Instagram – für Mobbing-Opfer geht in einer vernetzten Welt das Leiden auch abseits der Schule weiter.<span class="TT11_Fotohinweis">Fotos: iStock</span>

© iStockphotoOb Facebook, WhatsApp oder Instagram – für Mobbing-Opfer geht in einer vernetzten Welt das Leiden auch abseits der Schule weiter.Fotos: iStock



Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck – Seit einigen Wochen hat Carla einen Freund – ihre erste große Liebe. Um ihm eine Freude zu machen, schickt sie ihm Bilder in Unterwäsche. Nach einiger Zeit macht Carla Schluss. Doch plötzlich hat ihr Ex-Freund ihre Fotos mit abwertenden Worten auf Facebook veröffentlicht. Innerhalb der Klasse und in der Schule werden die Bilder angeschaut, kommentiert und weitergeschickt. Carla ist verzweifelt und schämt sich so sehr, dass sie nicht mehr in die Schule gehen will. Sie zieht sich zurück. Das einst lebenslustige Mädchen ist plötzlich zum Opfer geworden. Zum Cybermobbing-Opfer.

Das Beispiel von Clara stammt von der Internetseite www.stop-mobbing.at. Eine Homepage, die im Rahmen eines Projektes auf Initiative der Tiroler Schulsozialarbeit entstanden ist. Philipp Bechter ist Fachbereichsleiter der Schulsozialarbeit Tirol. Er kennt Fälle wie jenen von Clara nur zu gut und weiß um die neue Qualität des Mobbings per Internet und Smartphone. „Wenn früher ein Kind in der Schule gemobbt wurde, dann hatte es meist sichere Rückzugsorte in seiner Familie oder in einem privaten Freundeskreis außerhalb der Schule. Durch die neuen Medien ist es allerdings ein Ding der Unmöglichkeit geworden, sich diesem Mobbing zu entziehen.“ Praktisch rund um die Uhr können Täter und Mitläufer das Mobbing auf den unterschiedlichsten Plattformen betreiben. „Dabei sind sie mitunter sehr kreativ“, sagt Bechter – ein Grund, warum es meist auch nicht hilft, wenn Eltern ihren mobbenden Kindern das Smartphone abnehmen – das Mobbing geht dann auf dem Handy des Freundes oder im Netz über andere Kanäle weiter. Ein Thema ist Cybermobbing heutzutage bereits bei Kindern im Volksschulalter.

Problematisch ist auch, dass Facebook, WhatsApp und Co die Hemmschwelle gesenkt haben. Jemanden zu beleidigen, zu bedrohen, bloßzustellen und zu belästigen fällt meist ungleich schwerer, wenn die Person einem gegenübersteht, weiß der Sozialarbeiter. Ein unvorteilhaftes Foto oder eine verletzende Formulierung sind dagegen schnell verschickt oder kommentiert. „So gut Kinder und Jugendliche mit dem Smartphone umgehen können – ihnen ist sehr oft nicht klar, wie schnell so etwas die Runde macht und dass ein gelöschter Inhalt längst abfotografiert oder irgendwo anders abgespeichert sein kann“, sagt Philipp Bechter. Er habe festgestellt, dass im Fall von Cybermobbing das Vermitteln der möglichen Tragweite schon reichen kann, dieses abzustellen. „Man muss Tätern und Mittätern vor Augen führen, was sie da machen und was das für Folgen hat. Und zwar nicht nur für das Opfer, sondern auch für sie selbst“, erklärt Bechter. Immerhin ist Cybermobbing seit 1. Jänner 2016 strafbar. §107c des Strafgesetzbuches sieht Freiheitsstrafen von bis zu einem bzw. in schweren Fällen bis zu drei Jahren vor.

Wer Opfer von Mobbing ist, also über einen längeren Zeitraum bei ungleichem Kräfteverhältnis wiederholt schlecht behandelt wird, sollte sich unbedingt jemandem anvertrauen, rät der Experte. Und dann in einem nächsten Schritt professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Meist helfe es beim Mobbing nämlich nichts, wenn die Eltern von Täter und Opfer versuchen, den Konflikt auszuräumen. In den Schulen gibt es dafür Anlaufstellen wie Vertrauenslehrer oder die Schulsozialarbeit.

Für die Erwachsenen gilt: den Kindern zuhören und ihre Sorgen ernst nehmen. Denn was für Erwachsene harmlos klingen mag, kann für Kinder die Hölle sein.