Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 02.09.2017


IFA in Berlin

Träumen auf Kommando: Die Neuheiten am Elektronikmarkt

Die IFA in Berlin gibt die Richtung vor, in die sich der Elektronikmarkt bewegt, und schwankt dabei zwischen Illusion und Funktion. Ein Tiroler Aussteller mischt im Konzert der Großen mit.

Der transparente Fernseher von Panasonic ist ein Hingucker.

© AFPDer transparente Fernseher von Panasonic ist ein Hingucker.



Aus Berlin: Matthias Christler

Berlin – Die Smartwatch zeigt 13.576 Schritte an und die App meldet, dass die Gesundheit optimal gefördert wurde, doch der Rücken sendet nach einem halben Messetag andere Signale: Entspann dich! In Ordnung, also hinsetzen, VR-Brille aufsetzen und den Traum beginnen lassen. Als die Massageauflage ihre Knetbewegungen startet, taucht vor den Augen ein Strand auf. Man könnte einfach die Augen schließen und sich an einen Urlaub erinnern, aber dank virtueller Realität wird Denken überflüssig. „Durch die Abkoppelung von der echten Welt verstärkt sich der meditative Effekt“, sagt Marc Ernst, der die Massage-VR-Kombination von Medisana erklärt.

VR-Technologien und am Körper tragbare Computer sind neben Drohnen, dem vernetzten Daheim und Sprachsteuerung die dominierenden Trends der Elektronikmesse IFA in Berlin, die gestern für das Publikum geöffnet wurde. Im Zentrum steht ein Ziel: das Leben durch Technik einfacher zu machen. Oder schöner. Die moderne Ultra-HD und die noch teureren OLED-Fernseher zum Beispiel verwandeln sich oder verschwinden ganz. Samsung zeigt dünnste Modelle, die, wenn sie nicht zum Fernsehen verwendet werden, Kunstwerke anzeigen und als Deko-Element und nicht als schwarze Fläche im Zimmer hängen. Panasonic geht mit seinem transparenten Gerät einen Schritt weiter, es ist fast gar nicht mehr zu sehen.

Ein Paradies für Technikfans: Patrick Mayr vom Kundler Unternehmen Aqipa trägt neue Kopfhörer von Bang & Olufsen und hält ein motorisiertes Skateboard in der Hand.
Ein Paradies für Technikfans: Patrick Mayr vom Kundler Unternehmen Aqipa trägt neue Kopfhörer von Bang & Olufsen und hält ein motorisiertes Skateboard in der Hand.
- Christler

Ein Display versteckt sich in den Spiegeln mehrerer Hersteller. Während des Schönmachens in der Früh kann man sich in einer Ecke des Spiegels anzeigen lassen, wie das Wetter wird, ob ein Stau auf dem Weg zur Arbeit droht und andere Infos abrufen.

Also, Spieglein, Spieglein an der Wand, gibt es Tiroler Aussteller im Berliner Messeland? Das muss man noch selbst herausfinden, aber die Antwort lautet „Ja“, sogar einen überraschend großen und in der Heimat nur Insidern bekannten Aussteller. Eine der 26 Hallen wird fast vollständig vom Kundler Unternehmen Aqipa bestückt, das sich als Distributor im Hintergrund vor allem Lifestyle-Produkten verschrieben hat. Die Mitarbeiter suchen nach Neuem am Markt und vertreiben es. „Mit den Kopfhörern von Beats by Dre sind wir groß geworden. Wir wollen keine 0815-Produkte, sondern optisch ansprechende, an denen auch wir selbst Spaß haben“, sagt Patrick Mayr während eines Rundgangs auf der 800 m2 großen Fläche. „Die IFA ist für uns ein Dreh- und Angelpunkt, um mit unseren Kunden wie Amazon, Media Markt oder Saturn in Kontakt zu treten.“

Medisana verbindet VR mit Massage.
Medisana verbindet VR mit Massage.
- IFA

Zu übersehen sind Mayr und seine Kollegen jedenfalls nicht, denn sie tragen bunte Sakkos, auf denen Star-Wars-Motive aufgedruckt sind. „Kleine steuerbare Roboter wie R2D2 haben wir auch im Programm und auf der Messe wird ein neues Modell vorgestellt“, verrät der Tiroler und gibt damit einen Hinweis auf ein Thema, an dem die Besucher in diesem Jahr nicht vorbeikommen: Star Wars und das Marketing für den nächsten Film. Das reicht von kleinen Kampfdrohnen, die eine Weltraumschlacht ausfechten, bis zu einem Augmented-Reality-Spiel von Lenovo, bei dem die reale Umgebung und die virtuelle Welt durch eine Brille verschmelzen. Als Jedi-Ritter bekämpft man mit einem Lichtschwert-Controller den Bösewicht Kylo Ren. Er ist eine Illusion. Wie so vieles auf der IFA. Manchmal wird im Elektronikrausch aber auf sinnvolle Funktionen vergessen. Gemeinsame Standards zum Beispiel für Geräte, die virtuelle Realität darstellen oder Sprachsteuerungen anbieten – wie Amazons Alexa oder der Google Assistent –, fehlen zumeist noch.

Das einfache Leben auf Kommando ist noch ein Traum und nur auf der Messe real. Echt hingegen sieht Cristiano Ronaldo aus, der in einer Halle vor riesigen Fernsehern versucht, artistisch einen Fußball in der Luft zu halten. Oh, doch nur ein Doppelgänger.

Den Durchblick wollen Eltern haben, Philips präsentiert mit einer VR-Brille neue Baby-Kameras.
Den Durchblick wollen Eltern haben, Philips präsentiert mit einer VR-Brille neue Baby-Kameras.
- AFP

Neues von der IFA

Die Messe. Die IFA ist die Leitmesse für Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräte. 800 Aussteller präsentieren sich vom 1. bis 6. September in der Messe Berlin auf einer Fläche von 159.000 Quadratmetern. 240.000 Besucher werden erwartet. Im Gegensatz zur Messe CES in Las Vegas will die IFA auch ein breites Publikum ansprechen. Der Name „Internationale Funkausstellung“ wird nicht mehr verwendet, die Messe nennt sich offiziell nur noch IFA mit dem Zusatz „Consumer Electronics Unlimited“.

Haushalt online. Ohne Vernetzung kommt kaum ein Gerät aus, das auf der IFA vorgestellt wird. Waschmaschinen lassen sich per Smartphone starten und steuern. Den Kühlschrank kann man so aufrüsten, dass er per Kamera und App überwacht wird und eine Liste anzeigt, welche Zutaten für ein Rezept noch fehlen.

Sprechende Helfer. Amazons Alexa und der Google Assistent sind auf der IFA in aller Munde. Das Versprechen, dass mit ihnen das gesamte Daheim gesteuert wird, haben sie aber noch nicht eingelöst. Immerhin versuchen immer mehr Hersteller, ihre Geräte kompatibel zu machen. Heizung, Licht, Lüftung und das elektronische Schloss an der Tür sind bald ebenso internetfähig wie der Herd.

WLAN überall. Früher benötigte man eine Steckdose am richtigen Platz, um ein Gerät aufzustellen, heute muss man auch das WLAN darauf ausrichten. Eine smarte Lampe macht eben keinen Sinn, wenn Funklöcher im eigenen WLAN-Netz verhindern, dass sie ans Netz geht. Deshalb bieten unter dem Begriff „Mesh-WLAN“ mehrere Hersteller Lösungen an, die durch mehrere Geräte bzw. Knotenpunkte ein flächendeckendes Netz erzeugen.

Und die Roboter? Erstaunlich wenig humanoide Roboter bewegen sich durch die Hallen der IFA. Ganz im Gegensatz zu Staubsaugerrobotern, die immer mehr Aufgaben erfüllen. Der RX2 von Miele z. B. hat zwei Kamera-Augen, die nicht nur den Raum abscannen, sondern auch die Bilder ans Smartphone schicken – damit hat man ungebetene Gäste im Blick.