Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 01.11.2017


Geschwindigkeitsmessung

Darum geht der Tacho bei jedem Auto vor

Achtung beim Winterreifen-Wechsel: Zu alte Reifen können die Ungenauigkeit beim Tacho um zwei km/h erhöhen, und eine falsche Reifendimension bringt die Anzeige völlig durcheinander.

© Getty Images/iStockphotoOft fährt man an so einer Geschwindigkeitsmessung vorbei und wundert sich, warum sie ein höheres Tempo als der Tacho anzeigt.



Von Matthias Christler

Innsbruck – Das digitale Gesicht am Straßenrand in einer 50er-Zone schaut etwas beleidigt und erklärt im nächsten Moment warum: „Sie fahren 51 km/h.“ Der Tachometer im Auto ist anderer Meinung, er zeigt sogar 57 km/h an, also schon einen Bereich, in dem ein Radar anschlagen und ein paar Wochen später eine Anonymverfügung ins Haus flattern könnten. Einer lügt – das Smiley am Straßenrand oder die Tempoanzeige im Auto? Es ist das Auto. Und mitschuldig sind neben der „natürlichen“ Ungenauigkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit die Reifen.

Ab heute gilt die Winterreifenpflicht, und sobald der erste Schnee auf den Straßen liegen bleibt, sollte man die Autoreifen gewechselt haben. Dann kann es sein, dass der Tacho noch ungenauer ist als im Sommer.

Zwar schauen die Cockpits in der Oberklasse oft aus wie bei Star Trek und wirken mit ihren bunten Displays hochpräzise, doch egal wie alt oder neu ein Auto ist, zeigt es in Wahrheit nie die tatsächliche und immer eine zu hohe Geschwindigkeit an. Karl Lick, Technischer Leiter des ÖAMTC Tirol, erklärt, warum das so sein muss: „Es liegt im ureigenen Interesse eines Fahrzeugherstellers, dass der Tachometer eines Pkw auf keinen Fall eine zu geringe Geschwindigkeit anzeigt. Damit lassen sich Schadenersatzansprüche von Konsumenten im Falle von Strafen für Geschwindigkeitsübertretungen verhindern.“

Man möchte meinen, dass es heutzutage eine Möglichkeit geben müsste, um eine auf den km/h genaue Messung vorzunehmen. Es wurde vor einigen Jahren überlegt, die Geschwindigkeitsmessung mit Satelliten, also wie beim Navi per GPS, zum Standard zu machen, das setzte sich nicht durch. Deshalb wird die Geschwindigkeit weiterhin „an Bord“ direkt beim Antriebsstrang gemessen – eine Erklärung siehe Box rechts.

Die größte Ungenauigkeit ergibt sich dabei durch den Reifenverschleiß. „Dieser und andere Faktoren veranlassen den Fahrzeughersteller, die Tachos etwas vorgehen zu lassen“, sagt Lick. Allerdings gebe es keinen einheitlichen Wert – in der Regel sei man maximal fünf bis zehn Prozent langsamer unterwegs, als der Wert des Tachos zeigt. „In vielen Fällen sind es auch lediglich zwei bis drei km/h.“

Gerade jetzt, wenn viele Autofahrer überlegen, ob die Winterreifen der vergangenen Saison noch zu gebrauchen sind, sollte man den Tacho im Hinterkopf haben. Die ÖAMTC-Techniker haben für ein Mittelklasse-Fahrzeug mit gängigen Reifendimensionen ausgerechnet, wie sich die Geschwindigkeitsanzeige mit dem Verschleiß verändert: Durch jeden Millimeter Gummiabrieb verringert sich der Abrollumfang des Reifens um knapp ein halbes Prozent. Der Unterschied zwischen neuen Reifen und solchen an der unteren Grenze der Profiltiefen beträgt rund sechs Millimeter, was eine Umfangveränderung von rund zwei Prozent mit sich bringt – daraus entsteht eine zusätzliche Tachoabweichung von etwa zwei km/h.

„Aber weil das wieder ein Tachovorlauf ist, stellt das kein Problem dar“, sagt Lick. Der Tacho zeigt demnach eine noch höhere Geschwindigkeit als die tatsächliche an.

Problematisch wird es Lick zufolge nur, wenn man Winterreifen mit einer falschen Dimension, die nicht für das Auto zugelassen sind, verwendet. „Höhere Räder haben oft auch einen größeren Umfang und damit besteht die Gefahr, dass die tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit gleich ein paar km/h über den vom Tachometer angezeigten liegt.“ Und dann würde der Lenker zwar ein freundliches Smiley sehen, könnte aber trotzdem von einem Radar geblitzt werden.

Für jene Autofahrer, die genau wissen wollen, wie ungenau ihr Tacho ist, hat der ÖAMTC einen Tipp. Man kann bei einer Geschwindigkeitsmessung am Straßenrand mit eingeschaltetem Tempomaten, zum Beispiel mit 55 km/h, vorbeifahren. Zeigt die digitale Anzeige nur 51 km/h an, weiß man, dass der Tacho im Auto vier km/h „vorgeht“. Das soll jedoch nicht dazu dienen, heißt es von Seiten des ÖAMTC, dass man sich durch ständiges Kopfrechnen an die maximal erlaubte Geschwindigkeit herantastet. Dann doch besser aufs sichere Fahren konzentrieren.