Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 22.12.2017


Leben im Alter

Wenn Technik Hilfe holt: „Smart Home“-Tester gesucht

Digitale Helfer revolutionieren künftig das Leben im Alter. Das Rote Kreuz sucht deshalb in Innsbruck Senioren, die ein „Smart Home“ testen.

© Foto Rudy De Moor / Tiroler TageBewegungsmelder (Bild) und ein Sturzsensor (Bild unten) können per Computer vernetzt werden.



Von Philipp Schwartze

Innsbruck – Wer Edeltraud Auer besucht, dem fällt als Erstes die Uhr an ihrem linken Handgelenk auf. Außerdem hängt im Flur ihrer Wohnung ein Bewegungssensor, am Kühlschrank ist ein kleiner Schaltkontakt verbaut und auf dem Schrank im Schlaf- und Wohnzimmer steht ein weißes Kästchen.

Testerin Edeltraud Auer mit der neuen Notfall-Uhr, die auch außer Haus funktioniert.
- Foto Rudy De Moor / Tiroler Tage

„Da ist die Steuerungseinheit verbaut, oben drauf steht der Sturzsensor“, erklärt Florian Huber vom Österreichischen Roten Kreuz. Er leitet das EU-Projekt gAALaxy, zusammen mit der Universität Innsbruck und Entwicklern von AAL-Technologien sollen Smart-Home-Lösungen für Senioren getestet werden. „Viele wollen so lange wie möglich in ihrer eigenen Wohnung leben“, sagt Huber. Die technischen Helferlein werden, gerade in Bezug auf zu wenig Plätze in Pflege- und Seniorenheimen, in Zukunft immer wichtiger.

Mit dem Praxistest will das Rote Kreuz aber nicht die einzelnen Komponenten testen. „Es geht bei dem Projekt um die Vernetzung“, sagt Huber. Bis zu zwölf Monate lang können die freiwilligen Tester das Zusammenspiel von Notfall-Uhr, Smart-Home-Steuerungseinheit und Sturzsensor testen, weitere Komponenten wie Bewegungsmelder für Licht oder Schaltkontakte an Türen sind ebenfalls möglich. „Wenn wir die Anlage schon in der jeweiligen Wohnung installieren, können wir solche kleinen Dinge auch noch miteinbauen, quasi als kleines Dankeschön“, sagt Huber.

70 Testpersonen über 60 Jahre sollen das System noch bis Ende 2018 testen. Zu jenen 35 Personen, die bereits mitmachen, gehört auch die 74-jährige Edeltraud Auer. „Ich habe zwar bereits den Hausnotruf. Ich will aber auch, dass sich in diesem Bereich etwas weiterentwickelt, deshalb mache ich mit“, erklärt sie ihre Motivation. Und auch, weil ihre Kinder das wollten. „Wenn ich einmal nicht mehr so fit bin, kenne ich das System bereits“, sagt die 74-jährige Innsbruckerin, die noch Mountainbike fährt und schneeschuhwandern geht. Die Notfall-Uhr kann Auer dabei anbehalten. Anders als beim Hausnotruf funktioniert diese auch im Freien und besitzt eine Sprechfunktion.

Testerin Edeltraud Auer mit der neuen Notfall-Uhr, die auch außer Haus funktioniert.Fotos: De Moor
- Foto Rudy De Moor / Tiroler Tage

Der Sturzsensor soll im Fall des Fallens Alarm schlagen. Sein Infrarot-Sensor scannt den Boden und kann Gegenstände wie Tische von am Boden liegenden Körper unterscheiden. Liegt etwas auf dem Boden, was dort nicht hingehört, setzt er eine Rettungskette in Gang, wie Huber erklärt: „Als Erstes stellt er eine Sprechverbindung zur Uhr her. Wenn diese negativ ist, kann entweder eine Vertrauensperson oder die Rettung alarmiert werden.“

Die Tester sind bisher zufrieden, ab und zu kommt es zu Fehlalarmen. „Dann muss die Toleranz des Sensors nachjustiert werden“, sagt Huber. Insgesamt sei das System aber äußerst verlässlich.

Welche Fehler und Änderungswünsche die Tester selbst entdecken, wird alle acht Wochen in Gesprächen erfragt, zu Beginn gibt es ein einführendes Gespräch mit Huber und seinen Kollegen. Daneben führen die Senioren ein Test-Tagebuch. Auer und ihre Kinder sind zufrieden, auch wenn die 74-Jährige die Technik bislang noch nie in einem echten Notfall gebraucht hat. Dass sie vorhanden ist, beruhigt aber alle.

Die Einzelteile des „Senioren-Smart-Homes“ können beliebig gewechselt werden. Verpflichtend ist in der Testphase nur die Uhr und die Steuereinheit. „Ansonsten kann das System auf die jeweilige Person zugeschnitten werden“, sagt Huber, der noch weitere Tester sucht.

Interessierte können sich entweder direkt beim Roten Kreuz Innsbruck (Tel. 0512 33444) oder auf der Internetseite www.gaalaxy.eu/de/ bewerben.

Schüler bauten Einkaufshilfe für Senioren

Jugendliche, die sich Gedanken um die Problem im Alter machen. Was so gar nicht zu den Vorurteilen über die jüngere Generation passt, war an der HTL Imst im Zuge eines Projekts Realität. 35 Schüler der Abschlussklassen 2016/17 sollten in zwei Schuljahren Alltagshilfen für Senioren entwickeln und bauen. „Zuerst waren sie skeptisch", erzählt ihr Lehrer Andreas Pfenniger. Was wisse ein junger Mensch schließlich über die Probleme im Alter. „Doch dann haben sie an ihre Großeltern gedacht und Lösungen entwickelt."

Eine davon ist ein Einkaufs-Trolley, auf den man sich auch draufsetzen kann, sobald der Einkauf zu anstrengend und ermüdend wird. Der Prototyp aus Holz wurde auch auf der SenAktiv-Messe vorgestellt. Und obwohl es nur ein Prototyp ist, haben ihn die Senioren durchaus intensiv getestet. „Da hatten die Schüler etwas Angst um ihr Projekt", schmunzelt der Lehrer.

Stolz hat die Imster Schüler die Einladung auf die Messe auf jeden Fall gemacht. „Die SenAktiv war auch eine Anerkennung, überhaupt eingeladen zu werden, war ein tolles Erlebnis", sagt Pfenninger, der das Projekt gemeinsam mit Werner Mungenast begleitet hat. So konnten sich zwei ganz unterschiedliche Generationen kennen lernen. „Das Bild von Senioren hat sich dadurch geändert."

Auch wenn aus den Schüler-Produkten am Ende keine Verkaufsschlager wurden, so war das Projekt laut Pfenninger somit dennoch ein voller Erfolg. Und wer weiß, vielleicht ermöglicht eines der dann ausgereiften Fabrikate am Ende doch noch einen selbstständigeren Alltag für ältere Menschen. (phi)