Letztes Update am So, 14.01.2018 07:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Social Media

Die große Einsamkeit in der Sprechblase

Immer mehr Kontakte und doch immer mehr alleine: Davor warnt Matthias Horx. Ein Gespräch mit dem Zukunftsforscher über ein ganz neues Problem.

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Von Andrea Wieser

Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt.“ So sangen es die Comedian Harmo­nists, die berühmten deutschen A-cappella-Musiker Mitte des letzten Jahrhunderts. Und die Liedzeile hat nichts an Bedeutung eingebüßt. In Zeiten von Social Media scheint es an Kontakten zu anderen Menschen schon gar nicht zu fehlen. Rund 3,7 Millionen Mitglieder zählt etwa die Social-Media-Plattform Facebook in Österreich. Fast halb Österreich tummelt sich also online in dem Portal, das Menschen miteinander verbindet. Und das nicht zu knapp. Durchschnittlich 650 Facebook-Freunde haben die 18- bis 24-Jährigen, über alle Altersklassen hinweg sind es noch immer fast 350. Da sollte Einsamkeit eigentlich nicht aufkommen.

Zu viel unechte Kontakte

Irrtum, sagt dazu der Gründer des deutschen Zukunftsinstituts, Matthias Horx. „Wir befinden uns in einer Phase der digitalen Überresonanz“, erklärt Horx. Damit meint er die permanente Stimulation unseres Hirns mit Kontaktanfragen oder Feedbacks in der Form von Kommentaren oder so genannten „Likes“. Die vor zehn Jahren noch komplett undenkbaren Möglichkeiten, mit Menschen auf der ganzen Welt permanent kommunizieren zu können und auch Kontakt zu halten, sind berauschend.

Hat man früher die Volksschulklasse im Laufe des Älterwerdens sanft, aber sicher, aus den Augen verloren, ist es heute theoretisch möglich, am Leben aller 30 ehemaligen Kollegen teilzuhaben. Und zwar so intensiv, als würde man bei ihnen wohnen. Das Posten von Geburtstags- bis Urlaubsfotos macht es möglich. Das ist schön, aber ist es nötig? Für Horx ist klar, es ist vor allem unglaublich anstrengend.

Nicht weniger strapaziös sei für den Menschen das ewige Informiertsein. „Alle kämpfen um unsere Aufmerksamkeit. Die News werden immer schriller, skandalöser, unsicherer“, meint der Zukunftsforscher. Informationen über das Internet würden immer mehr den Charakter des so genannten „Clickbaiting“, des „Beuteklickens“, haben, das heißt, es wird ein oberflächlicher Reiz in der Überschrift angedeutet, der mit Gewalt, niedlichen Tieren, Sex oder Skandal zu tun hat, und man klickt unwillkürlich drauf. „Das ist nichts anderes als Manipulation, aber viele Menschen verwechseln es mit der Wirklichkeit“, meint Horx.

Dass aus all dem Rummel ein Einsamkeitsgefühl entstehen kann, ist die absurde Wendung dieser noch jungen Stress-Kommunikation. „Wir leben mit einer digitalen Überresonanz bei gleichzeitiger seelischer Vereinsamung“, postuliert der Zukunftsforscher. Gemeint ist damit, dass echte Resonanz, also soziale Kontakte mit Freunden aus Fleisch und Blut, für den Menschen einen ungleich größeren Wert haben.

Horx geht sogar so weit, politische Trends der letzten Jahre auch auf die digitale Überforderung des Menschen zurückzuführen. „Es zerfallen in der global vernetzten Welt die alten Bindungen und Gewissheiten. Das verursacht ein Verlorenheitsgefühl, das leicht in Zorn und Hass umkippen kann.“ Das könne ein Einflussfaktor für die Radikalisierung der Gesellschaft sein. „Damit kann man auch den Populismus erklären und die Angst vor Fremden. In dieser Blase werden Menschen miteinander Feind, die eigentlich gute Nachbarn sein könnten – wenn sie sich real begegnen würden.“

Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa hat vor einem Jahr ein ganzes Buch der so genannten Resonanz gewidmet. Dort legt er anschaulich dar, wie sehr wir als Menschen auf den Kontakt mit anderen Wesen angewiesen sind. Kommt der Mensch zur Welt und wird nicht gesehen, nicht beachtet, ist er zum Sterben verurteilt. Die Aufmerksamkeit ist für ihn aus physischer und psychischer Sicht lebensnotwendig. Das Problem im Zeitalter von Internet und High-Speed-Verbindungen sei aber die Geschwindigkeit.

Kooperation statt Konkurrenz

„Der Gegentrend ist die Achtsamkeitsbewegung“, meint Matthias Horx. Viele Menschen verabschieden sich wieder von den Sozialen Medien, viele Facebook-Accounts veröden. Man ist auf der Suche nach realen, naturnahen Erlebnissen.

Das führt auch zu einem Paradigmenwechsel im Sport und in der Freizeitgestaltung. „Früher waren Tennis und andere Sportarten in der Gruppe im Trend“, meint Horx. Der Wettkampfgedanke stand im Vordergrund. Jetzt sucht der Mensch wieder mehr den Einklang mit der Natur und mit seinen Mitmenschen. Hobbys wie Tanzen, Singen im Chor oder Paddeln, die eher ein Nischendasein fristeten, sind wieder in Mode. Für den Privatmann Horx ist es das Langlaufen. Das Skating, die eher athletische Form des Langlaufs, hat er in den letzten Jahren gelernt. Dann erfährt er Resonanz, wenn er handyfrei und lautlos durch den Schnee gleiten kann. Daran gedacht, kommt Horx ins Schwärmen: „Das ist für mich das Allerbeste.“