Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.02.2018


Web und Tech

Wo die Kids das Sagen haben

Kinder sind inzwischen bereits im Volksschulalter im Netz aktiv und ihren Eltern dabei oft voraus. Eine schwierige Gratwanderung zwischen Vertrauen und Sicherheit.

© iStockphotoBereits zum Ende der Volksschulzeit besitzt die Mehrheit der Kinder ein Smartphone.



Von Philipp Schwartze

Innsbruck – Die Augen unablässig auf das Handy gerichtet. Ob morgens auf dem Weg zur Schule oder auf dem Heimweg. Schon bei den Volksschülern zeigt sich dieses Bild im Bus und am Gehsteig.

Heute findet bereits zum 15. Mal der internationale Safer Internet Day statt. Dass dieses Thema nach all den Jahren immer noch aktuell ist, zeigt nicht nur der Blick vor die Schulen. Auch in die Familienberatung von Psychologin Karin Urban in Innsbruck kommen immer öfter verzweifelte Eltern. „Das Thema wird zu oft nicht ernst genommen“, sagt sie.

Dabei führt heute bei der Erziehung an Themen wie Smartphone und Internet kein Weg mehr vorbei, wie Saferinternet.at-Koordinator Bernhard Jungwirth bestätigt. Die Initiative hat eine Studie zum Verhalten von Volksschülern mit digitalen Medien durchgeführt und etwa herausgefunden, was die Kinder im Internet machen oder was sie nervt. Die schlechte Nachricht ist aber: Ein Patentrezept gibt es nicht.

Das beginnt schon beim Smartphone: „Mit Ende der Volksschule besitzen die meisten Kinder ein Smartphone“, sagt Jungwirth. Doch wann das richtige Alter für ein solches Gerät überhaupt ist, könne man pauschal nicht sagen. „Das ist von verschiedenen Fragen abhängig, auch davon, ob es im Freundeskreis des Kindes bereits Smartphones gibt. Wenn das Kind sagt, es haben alle in der Klasse ein Smartphone, ist das aber unbedingt zu hinterfragen“, sagt Jungwirth.

Generelle Verbote hält er nicht für sinnvoll. „Mit aller Gewalt ein eigenes Gerät oder den Kontakt zum Internet hinauszuzögern und zu meinen, damit hat man das Thema eh erledigt, ist falsch.“ Denn letztlich könnte der Nachwuchs auch bei Freunden oder in der Schule damit in Berührung kommen. „Ich kann nicht sagen, so lange mein Kind kein Handy hat, brauche ich mich nicht darum zu kümmern.“

Der Spagat zwischen Vertrauen auf der einen und Schutz auf der anderen Seite ist schwer, nicht nur beim Handy. Nicht zuletzt, weil die jungen Internetuser ihren Erziehungsberechtigten oft in technischen Dingen überlegen sind, sich besser auskennen als „die Alten“.

Psychologin und Familienberaterin Karin Urban.
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„Auch können Eltern bei diesem Thema nicht auf Erfahrungen aus der eigenen Kindheit zurückgreifen. Etwas Vergleichbares hat es zuvor nicht gegeben.“

Manch Erwachsener benutzt da schon einmal beherzt Überwachungsmaßnahmen: „Immer mehr Kinder bekommen GPS-Uhren, in denen ein Tracker verbaut ist“, berichtet Jungwirth. Verlässt das Kind dann eine definierte Zone, piepst es beim Erziehungsberechtigten. „Das kommt einerseits dem Sicherheitsbedürfnis entgegen, andererseits führt es zu wenig Eigenverantwortung der Kinder.“

Doch was machen die „Kids“ eigentlich im Netz, am Smartphone und Computer? Neben Spielen stehen vor allem Fotos im Vordergrund, die sie mit Freunden teilen. Einen immer größeren Einfluss haben aber auch so genannte Influencer, die versteckt Werbung betreiben. „Da ist es wichtig, dass sich die Eltern mit dem Kind über dieses Thema unterhalten. Was ist Werbung, gefällt demjenigen das wirklich oder will er das nur glauben lassen? Da kann man ja zum Beispiel ein Detektivspiel daraus machen – wer findet mehr Werbeinhalte?“, sagt Jungwirth.

Auch die Schule habe laut dem Safer-Internet-Experten in diesem Bereich eine Aufgabe, wenn auch der größte Erziehungsauftrag bei den Eltern bleibt. „Zum Einen, was das Lernen mit diesen neuen Medien betrifft, zum Anderen aber auch den Umgang damit zu vermitteln.“

Letztlich gilt aber auch: „Das Internet ist nicht nur schlecht“, wie Urban es ausdrückt. „Kinder können mit manchen Programmen auch viel lernen. Wichtig ist, dass man sich das zusammen anschaut“, sagt die Psychologin. Und es leiden nicht nur viele Eltern-Kind-Beziehungen unter den neuen, digitalen Medien, sondern auch viele Erwachsenenbeziehungen. Da sollte man an einem Tag wie heute den eigenen Umgang mit dem Internet – auch mit Blick auf die Vorbildwirkung auf Kinder und Jugendliche – hinterfragen.

Denn was die in der Studie befragten Kinder am meisten stört, sind Erwachsene, die sich selbst nicht an die Regeln halten. Erwischt. Weitere Infos: saferinternet.at