Letztes Update am Do, 19.04.2018 14:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Test

Huawei P20 Pro: Eierlegende Wollmilchsau mit Telefon-Funktion

Huawei geht mit seinem Flagschiff-Modell P20 Pro in die Offensive und möchte eine neue Ära der Smartphone-Fotografie einleiten. Ob und wie das gelungen ist, haben wir uns im Test angesehen.

© RehfeldAls Betriebssystem dient dem Huawei P20 Pro Googles aktuellstes Betriebssystem Android 8.1 Oreo mit EMUI im Quasi-Apple-Look.



Innsbruck - Mit einer neuen Smartphone-Generation hat sich Huawei aus dem Winterschlaf zurückgemeldet: Die P20-Serie soll Tech-Giganten wie Apple und Samsung vor allem fototechnisch den Rang ablaufen. Wir haben das neue Flagschiff-Modell P20 Pro ausführlich getestet und auf seine Alltagstauglichkeit überprüft:

Neu auf der Rückseite ist neben der bereits im P10 verbauten Dual Leica Kamera eine dritte Linse mit einem 8-Megapixel-Teleobjektiv.
- Rehfeld

Was beim Auspacken des neuesten Sterns am Huawei-Himmel sofort ins Auge sticht, ist die äußere Ähnlichkeit zu Apples iPhone X — zumindest im oberen Bereich. Das/der sogenannte „Notch" (Kerbe, Anm.) am oberen Bildschirmrand lässt das P20 wie einen nahen Verwandten des neuesten Apfel-Modells erscheinen. Durch die Aussparung soll das Display (im Übrigen ein AMOLED-Panel) wohl noch um ein paar Pixel größer wirken, effektiv brauchen tut man sie aber nicht (wer lieber "Notch"-los arbeitet, kann dies ohne Weiteres speichertun - die entsprechende Funktion findet sich in den Displayeinstellungen).

(Symbolfoto)
- Rehfeld

Der untere Rand des 6,1 Zoll großen Chinesen hebt sich dann allerdings wieder durch einen ovalen Fingerabdrucksensor ab, der —wie schon beim P10 — auch als Navigationstaste verwendet werden kann. Die Verarbeitung des P20 Pro scheint auf den ersten Blick makellos und solide. In den 148,6 mm hohen Metallrahmen sind auf der rechten Seite Lautsprecher- sowie Sperrtaste eingelassen (die Tasten wirken stabil und wackeln nicht), auf der linken Seite ist der (Nano)-SIM-Karten-Slot versteckt, der sich — wie mittlerweile üblich — durch das mitgelieferte Werkzeug öffnen lässt.

Technische Daten

  • Speicher:128 GB Speicherkapazität
  • Display: FullView Display, 6,1 Zoll (15,5 cm), 2240 x 1080 px, 408 ppi
  • Abmessungen: 73.9 mm x 155 mm x 7.8 mm, 174 g
  • Farben: Schwarz, blau, pink, twilight
  • Kamera(s): "Leica Triple-Kamera" mit 40 + 20 + 8 Megapixel, 24 MP Frontkamera, 5x Zoom
  • Video: 4K
  • SIM: Nano-SIM, Dual-SIM-fähig
  • Akku: 4000 mAh

Bye bye, Klinkenkabel

Das Handy verfügt standardmäßig über 128 GB Speicher. Am unteren Gehäuserand findet man die Lautsprecher sowie den (praktischerweise genormten) USB-C-Anschluss. Was man vergeblich sucht, ist ein 3,5-Millimeter-Klinkenanschluss für Kopfhörer. Letztere lassen sich nur via mitgeliefertem USB-C-Adapter anstecken (im Lieferumfang sind auch extra Kopfhörer mit USB-C-Stecker). Wer also noch keine Bluetooth-Kopfhörer sein Eigen nennt, muss sich entweder welche zulegen oder mit dem unvermeidbaren Kabelsalat anfreunden.

Was man vergeblich sucht, ist ein 3,5-Millimeter-Klinkenanschluss für Kopfhörer.
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Die Rückseite des P20 Pro begeistert mit schillernder Glasoberfläche (im Test: twilight bzw. mehrfahrbig von blau bis violett). Unpraktisch, aber ohne Hülle wenig überraschend: Fingerabdrücke sind leider schon nach wenigen Sekunden gut erkennbar und wecken das Bedürfnis, das Smartphone ständig mit dem Pullover zu polieren — Kratzergefahr inklusive.

Smart-Kamera mit Wunderwuzzi-Funktion

Neu auf der Rückseite ist neben der bereits im P10 verbauten Dual Leica Kamera (beim P20 Pro besteht sie aus einem 40-Megapixel-RGB- und 8-Megapixel-Monochromsensor) eine dritte Linse mit einem 8-Megapixel Teleobjektiv. Huawei will mit der als „Leica Triple-Kamera" bezeichneten Dreierkonstellation laut eigenen Angaben „eine neue Ära" der Smartphone-Fotografie einleiten. In der Tat können sich die Bilder sehen lassen:

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Der fünffach Zoom des P20 Pro ist zwar nicht mit dem einer „professionellen" Kamera vergleichbar, für unterwegs reicht er aber allemal.
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Die 40-Megapixel-Kamera erkennt verschiedene Motiv-Stile automatisch und passt die Einstellungen dementsprechend an (beispielweise Blumen, Essen, Hunde, Gesichter, etc.). Die Ergebnisse im Automatik-Modus führen über kurz oder lang zum Wow-Effekt: Die Fotos werden gestochen scharf und farblich eindrucksvoll, selbst bei freihändigen Aufnahmen. Wer gerne selbst an den Reglern schraubt, kann dies übrigens im manuellen Pro-Modus nach Belieben tun (ISO, Verschlusszeit, Blende, etc.). Was nicht unerwähnt bleiben sollte: Bilder werden standardmäßig mit zehn Megapixeln aufgenommen, da die Informationen von vier Bildpunkten zu einem Pixel zusammenfügt werden. Positiver Effekt dieses sogenannten Oversamplings (Huawei nennt es „Light Fusion"): Bei Aufnahmen mit weniger Licht wird Rauschen reduziert, was sich positiv auf die Qualität auswirkt (siehe Bildergalerie). Für den alltäglichen Gebrauch reichen die 10-Megapixel-Aufnahmen völlig. Wer die ganzen 40 Megapixel nutzen möchte, kann diese Option in den Einstellungen der Kamera-App auswählen (allerdings nicht im Portrait-Modus).

Videos lassen sich in 4K (3840 x 2160 p) aufnehmen, standardmäßig zeichnet das Smartphone in Full HD (1920 x 1080 p) auf. Änderbar sind die Einstellungen direkt in der Kamera. Einen optischen Bildstabilisator gibt es leider nicht. Huawei versucht, ruckelige Bilder mit elektronischen Hilfsmitteln in den Griff zu bekommen. Das ist anfangs gewöhnungsbedürftig, aber an sich eine feine Sache.

Portrait-Funktion: Faltenlos in den Weichzeichner-Himmel

Als bahnbrechend bezeichnet der chinesische Hersteller die Portrait-Funktion - man könnte auch Weichzeichner-Fokuseffekt sagen. Sprich: Die Aufnahmen von Gesichtern werden faltenfreier und rund um das Motiv wird die Umgebungsschärfe runtergedreht. In gewissen Situationen ist das vorteilhaft, manchmal wirken Fotos aber durch den Effekt leicht unnatürlich. (Lösung der Misere: Filter schwächer stellen.) Bei den Kollegen in der Redaktion kam der Portrait-Modus des P20 Pro jedenfalls so gut an, dass die beim Test entstandenen Bilder zum ein oder anderen neuen Facebook-Profilfoto führten. Gestochen scharf werden übrigens auch Selfies — die 24 Megapixel an der Frontkamera lassen sozusagen keine Wünsche offen.

Zwar nicht gestochen scharf, aber herzeigbar: Selbst bei schlechten Lichtverhältnissen können sich die Bilder sehen lassen.
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Für den Test der Portrait-Funktion musste die Arbeitskollegin herhalten - das Ergebnis kann sich sehen lassen.
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Als Betriebssystem dient dem P20 Pro Googles aktuellstes Android 8.1 Oreo mit EMUI im Quasi-Apple-Look. Zum Entsperren kann entweder der eingangs erwähnte Fingerabdrucksensor oder ein Muster verwendet werden. Eine weitere Variante ist die mittlerweile bei vielen Smartphone-Herstellern gängige Gesichtserkennung. Die ist überraschend zuverlässig, blitzschnell und durchaus praktisch. Dass das Handy ständig versucht, Gesichter zu erkennen (wenn man beispielsweise nur auf die Entsperr-Taste am Rand drückt, um auf die Uhr zu sehen), ist auf Dauer ein wenig lästig (die Funktion lässt sich aber in den Einstellungen deaktivieren). Berichte, wonach sich das System durch Fotos von Gesichtern austricksen lässt, konnten wir im Test nicht bestätigen.

Die Bedienung des P20 Pro erfolgt intuitiv und alles ist da, wo es sein soll bzw. wo man es bei Huawei gewohnt ist. Beim Test gab es keine Abstürze, keine Ruckler und keine bösen Überraschungen.

Mit 174 Gramm liegt das Handy angenehm in der Hand, zum Bedienen müssen bei Otto-Normal-Nutzer aber wohl beide Hände herhalten. Einhändig tippen ist theoretisch möglich, aber auf Dauer sehr mühsam.

Die Akkukapazität des P20 Pro ist mit 4000 Milliamperestunden (mAh) angegeben. Zum Vergleich: Beim Apple iPhone X sind es „nur" 2716 mAh, Samsungs neues Galaxy S9+ bietet 3500 mAh. Im täglichen Gebrauch heißt das: Wer nicht permanent am Smartphone hängt, kann durchaus zwei Tage mit der Batterie auskommen — für gewöhnlich muss das Handy aber am Ende jeden Tages an die Steckdose. Dank Schnellladefunktion ist das aber auch kein Weltuntergang. Huawei verspricht, mit dem „Super Charge" binnen 30 Minuten 50 Prozent des Akkus zu laden. Im Test hat sich das bestätigt. Nach 31 Minuten (im ausgeschalteten Zustand) zeigte der Akku 54 Prozent an. Von zwei auf 100 Prozent brauchte das P20 Pro eine Stunde und 23 Minuten.

Preislich spielt das P20 Pro definitiv in einer höheren Liga als bisherige Huawei-Modelle, 850 Euro sind aber immer noch verhältnismäßig günstig im Vergleich zu den neuesten Flagschiff-Modellen der Konkurrenz. So kostet beispielsweise ein iPhone X in der 64-GB-Version 1150 Euro (5,8 Zoll, 12-Megapixel-Kamera). Ein Samsung Galaxy S9+ in der 64-GB-Version liegt immernoch bei rund 950 Euro (6,2 Zoll, 12-Megapixel-Kamera).

Das P20 Pro als eierlegende Wollmilchsau

Huawei hat mit dem P20 Pro definitiv einen großen Wurf gelandet und kann sich getrost in die Liga der großen Player auf dem Smartphone-Feld einreihen. Wer sich für das chinesische Flagschiff-Modell entscheidet, bekommt neben solider Verarbeitung und schicker Optik (zugegeben: ein bisschen Apple-ähnlich ist es schon) auch zuverlässige Software, die keine Wünsche offen lässt. Die als Highlight angepriesene Leica Triple-Kamera ist eine Art eierlegende Wollmilchsau mit einer wahren Armada an Funktionen und eindrucksvollen Ergebnissen. Einziger Wermutstropen ist der doch recht stattliche Preis von rund 850 Euro. (reh)