Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 28.04.2018


Web und Tech

Tiroler “Jungforscher“: Alle fliegen auf ihre Drohne

Fünf Tiroler wollen mit ihrer Drohne Verschüttetensuche revolutionieren. Sie arbeiten für keinen Konzern, sondern gehen noch zur Schule. Den Prototyp haben sie für knapp 1000 Euro gebaut.

© Rudy De MoorEine Entwicklung von fünf HTL-Schülern könnte bald Leben retten (von links): Fabian Pfurtscheller, Markus Pfeifer, Laurin Rossmeier, Johannes Sterzinger und Florian Neururer.



Von Matthias Christler

Innsbruck – Sollten in ein paar Jahren jedes Skigebiet und die Bergrettung eine Drohne besitzen, die nach ihrem Prinzip funktioniert, werden sie – fünf Tiroler Wirtschaftsingenieure – zurückdenken an diese Tage im Frühjahr 2018. Als sie noch Schüler der HTL Anichstraße waren, kurz vor der Matura standen und oft von ihrer Entwicklung erzählen sollten. Und dabei ins Schwitzen kamen – an diesem Tag im April an der Uni Innsbruck dreimal: bei der Präsentation ihrer Drohne, vor der Preisbekanntgabe und bei einer Polizistin.

Ihre AvaDrone, die automatisch nach Lawinenverschütteten sucht, wirbelt zurzeit viel Staub bzw. Schnee auf. Fabian Pfurtscheller, Markus Pfeifer, Laurin Rossmeier, Johannes Sterzinger und Florian Neururer, alle 18 Jahre alt, alle in weißem Hemd und Sakko, treten beim Schülerwettbewerb „Junge Forscher gesucht“ vor die Jury. Es ist heiß. Niemand außer den Schülern der Abteilung Wirtschaftsingenieure denkt in diesem Moment an Lawinen. Rossmeier ergreift das Wort und berichtet in Englisch von Überlebenschancen nach einer „avalanche“ und wie wichtig es sei, schnell gefunden zu werden. Er sagt, dass ihre AvaDrone bei der Suche helfen könne. Die Zuhörer lauschen. Die Präsentation des Diplomarbeit-Projekts, das mithilfe ihrer Lehrer Martin Huber und Benedikt Frischmann zustande kam, nimmt Fahrt auf: „Wir sind stolz, dass unser System das Erste dieser Art ist.“

Nach zehn Minuten stellt die Jury Fragen. Wie lange fliegt die Drohne? Kann sie bei Minusgraden suchen? Ja, man habe sie bei minus acht Grad getestet und sie habe 15 Minuten durchgehalten und das wolle man noch verbessern. Die Jury bleibt hartnäckig. Was passiert bei Schlechtwetter? „Die Drohne fliegt nicht besser als ein Helikopter, aber wenn der bei der Suche abstürzt, sterben Menschen, bei unserer Drohne nicht“, haben die Schüler auf alles eine Antwort. Von Schwitzen wie bei einer Prüfung keine Spur mehr. Die Jury hat angebissen. Man kommt sich vor wie bei den Start-up-Shows, wenn es nur noch darum geht, den Deal abzuschließen.

Vier Stunden später verkündet die Jury den ersten Platz. Dieses Mal müssen die HTL-Schüler weniger schwitzen, ihr Projekt war mit Abstand das beste und das wird mit 3000 Euro belohnt. Von dem Geld ließen sich drei Prototypen bauen. Obwohl allerhand Innovation darin steckt, ist die Technik billig: Drohnen-Ausstattung für ein paar hundert Euro, ein Einplatinencomputer für 35 Euro und ein Lawinenverschüttetensuchgerät.

Johannes Sterzinger erzählt in einer Pause zwischen Präsentation und Preisvergabe vor dem Uni-Gebäude, wie ihre Drohne im Detail funktioniert: „Sie fliegt zum Lawinenkegel, wo die Verschütteten vermutet werden. Ertönt das Piepssignal des LVS-Geräts, läuft das durch einen Filter, der es weiterleitet und den von uns entwickelten Suchalgorithmus startet. Die Drohne bestimmt die Stelle mit dem stärksten Signal und lässt eine Rauchbombe ab.“ Nachkommende Retter könnten mit der Suche an der richtigen Stelle beginnen.

Die fünf Schüler sind in ihrem Element. Während sie weitererzählen, kommt eine Polizistin auf sie zu. Wieder Schwitzen. Die Polizistin will wissen, was die Schüler hier machen – aber nicht, ob sie vorhaben, in Flughafennähe die Drohne zu starten. Durchatmen. „Ich bin Tourengeherin, das klingt interessant“, sagt sie. Wieder werden die Drohnen-Entwickler mit Fragen gelöchert. Vor allem eine wird ständig gestellt: Wann ist das Produkt marktreif? Das sei schwer zu sagen. Das Drohnengesetz müsse erst angepasst werden. An der technischen Umsetzung würde es nicht scheitern. Das Schweizer Unternehmen Flarm entwickelt ein ähnliches System und steht mit den Tirolern in Kontakt. Auch die Drohnen-Firma Twins aus Ampass arbeitet mit den Schülern zusammen.

Ein Patent könne man aus Kostengründen nicht anmelden, erklären sie. Aber die Gefahr, dass andere ihre Entwicklung umsetzen, sehen sie nicht, weil sie durch ihr Knowhow der Konkurrenz „um Jahre voraus“ seien. Coole Einstellung, und das in einem heißen Frühjahr, in dem sie Matura machen und an einer Drohne arbeiten, mit der die Suche nach Verschütteten revolutioniert werden könnte.

Preisgekrönt. Im Finale des Wettbewerbs „Junge Forscher gesucht" der Uni Innsbruck ging Platz eins in der Kategorie Produktentwicklung an die AvaDrone. Eine Woche zuvor gewannen die fünf HTL-Schüler einen Preis vom Förderverein Technik Tirol. Das Projekt besteht aus zwei Diplomarbeiten, eine Gruppe hat Drohnensteuerung und automatische LVS-Suche entwickelt, die andere ein Ausweichsystem.

Suche. Auf einer Google-Karte wird der Lawinenkegel markiert, wo Verschüttete vermutet werden. Die Drohne fliegt hin und beginnt automatisch mit der Suche nach dem LVS-Signal. Befindet sich die Drohne über der mutmaßlichen Verschüttungsstelle, wird eine Rauchbombe abgeworfen. Die Retter können dort mit der Suche beginnen.

Ausweichen. Die AvaDrone kann Flugobjekten ausweichen. Nähert sich ein Helikopter der Drohne, wird der Pilot gewarnt. Steht eine Kollision bevor, reagiert die Drohne selbstständig, weicht aus und landet.