Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 26.04.2018


Exklusiv

Ein Selbstversuch mit Facebook-Daten: Das Leben in einem Ordner

Seit dem „Cambridge Analytica“-Skandal beschäftigen sich immer mehr Facebook-Nutzer mit ih­rem persönlichen Archiv. Ein Selbstversuch mit Überraschungen und zahlreichen Fragezeichen.

© Thomas Boehm / TTAuf ein paar Ordner und Dateien zusammengefasst sind die Daten, die Facebook zur Verfügung stellt. Ob darüber hinaus noch gesammelt wird, bleibt ungewiss.Foto: Böhm



Von Marco Witting

Innsbruck – Datenskandal. Datenmissbrauch. Was hat Face­book eigentlich von uns so gesammelt? Im Zuge der vergangenen Wochen haben sich das viele Nutzer des sozialen Netzwerks gefragt. Nun, es gibt die Möglichkeit, sein persönliches Archiv runterzuladen. Ein Selbstversuch.

Einmal schnell das Passwort eingeben. Ein paar Klicks später kommt die Masse an Daten dann in einer Zip-Datei daher. 254 Megabyte – voll mit meinem Leben auf Facebook. Doch die ausgepackte Fassung enthält auf den ersten Blick nur jene Informationen, die ohnehin zu vermuten waren – und ich in den vergangenen neun Jahren dort gepostet habe. Das persönliche Archiv runterzuladen war leicht. Überraschend leicht. Das Ergebnis auf den ersten Blick enttäuschend. Nichts, worüber man sich aufregen könnte. Doch das sollte sich noch ändern. Ein paar Unterordner erscheinen. Solche mit Fotos, solche mit Nachrichten. Als Erstes erscheint ein Ordner mit dem Namen html. Darin finden sich Dateien, auch solche, in denen Face­book „Theme­n über Werbe­anzeigen“ von mir gesammelt hat.

Wann ich mich für die Humboldt-Universität Berlin interessiert habe, kann ich mich nicht erinnern. Und auch das Verteidigungsministerium des Vereinigten Königreichs erscheint. Mehrere ausgedruckte Seiten sind es gesamt – viele Seiten klickte ich aus beruflichen Gründen zur Recherche an, viele privat. Am Ende findet sich eine Auflistung von Firmen, die eine „Kontaktliste mit deinen Daten hochgeladen haben“, wie es heißt. Irritierend. Mich beschleicht der Eindruck, dass ich von den hier aufgeführten Unternehmen, Hotelplattformen sind darunter, öfter Werbung sehe als von anderen. Aber das könnte nur ein subjektiver Eindruck sein.

Facebook vergisst nichts. Keine Geburtstage von Freunden. Aber offensichtlich auch nicht ihre E-Mail-Adressen und Telefonnummern. Die finden sich im Punkt „contac­t“. Darunter sind E-Mail-Adressen, die ich selbst nicht mehr hatte bzw. die wohl auch nicht mehr alle gültig sind. Aber die seitenlange Auflistung von aktuellen und früheren Kontakte­n hinterlässt ein seltsames Gefühl. Mir war nicht klar, dass diese von meinem Handy hochgeladen werden. Möglicherweise habe ich dem aber irgendwann einmal zugestimmt.

Zu der Datensammlung gehören auch eine Reihe von Fotos und ein paar Videos, die ich auf Facebook eingestellt habe. Es sind Chats bis zum ersten Tag zurück wiederfindbar, jedes Hin und Her via Facebook auf dem Smartphone mit jedem Kontakt, den ich je hatte. Telefonate und Metadaten finden sich in der Facebook-Sammlung nicht. Dafür eine Sounddatei, deren Herkunft sich nicht erklären und die sich nicht öffnen lässt.

Die Durchsicht der Fotos lässt ob mancher Peinlichkeit erschaudern. Doch diese Scham ist selbst gewählt. Schließlich wurden alle ja bewusst und von mir hochgeladen. Gesammelt und abgespeichert wurden auch Veranstaltungen, die ich besucht und bestätigt habe.

Wirklich besorgniserregend: Facebook listet für jeden Einloggversuch die genutzte IP-Adresse und den ungefähr ermittelten Ort auf. Unter „Kontoaktivitäten“ wird auf die Minute hinterlegt, wann ich über welches Gerät eine Sitzung wiederbelebte. Gespeichert sind die Daten bis ins Jahr 2016 zurück. Nicht alle Angaben sind genau. Ich soll in Graz gewesen sein. Was ich nicht war.

In der Liste „Friends“ finden sich alle aktuellen – und auch alten Freunde, selbst jene, die gelöscht wurden. Apropo­s löschen: Wer manche Datensammlung in Facebook nicht will, tut sich schwer. Gezieltes Löschen ist offenbar nicht möglich. Das Konto selbst könnte man löschen. Doch auch dann bezweifle ich, dass meine Daten überall verschwunden wären.

5 Fragen an Max Schrems: Im Kampf um die Nutzerrechte

Max Schrems (30) ist Jurist, Autor und Datenschutzaktivist. Der Salzburger hält Facebook seit Jahren Datenschutzverstöß­e vor.

1. Auf den ersten Blick ist wenig Überraschendes dabei, wenn man seine Daten von Face­book herunterlädt.

Schrems: Ja, die Daten, die man hier erhält, sind ja fast nur jene Information, die man selbst angegeben hat.

2. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass deutlich mehr gesammelt wird, oder täuscht der Eindruck?

Schrems: Face­book hat deutlich mehr Informationen, die im Hintergrund gesammelt werden oder auch selbstständig von Facebook zu jedem Nutzer generiert werden. Diese Daten geben sie — trotz der gesetzlichen Pflicht — aktuell nicht raus.

3. Haben Sie eine Änderung im Verhalten der Nutzer festgestellt, oder sind die österreichischen Facebook-Nutzer zur Tagesordnung übergegangen?

Schrems: Das Problem ist, dass wir heute digitale Monopole haben. Selbst wenn Leute Facebook den Rücken kehren wollen, sind alle Freunde dort und man verliert viele Informationen. Ein alternatives soziales Netzwerk gibt es nicht. Solange wir keine offenen Netze haben, wird damit der Wechsel sehr unattraktiv für Nutzer.

4. Glauben Sie, dass die Unternehmen den Umgang mit Daten ändern, oder ist das am Ende nicht Teil des Geschäftsmodells?

Schrems: Das Geschäftsmodell ist natürlich die Auswertung der Daten. Die Frage ist aber, wie weit Facebook dabei geht. Die Zeiten, in denen man alle Daten einfach für kommerzielle Zwecke ohne Regelung auswerten konnte, sind vermutlich früher oder später vorbei.

5. Was raten Sie verunsicherten Nutzern?

Schrems: Ich selbst nutze die Technologie gerne und finde, dass wir statt zurück zum Festnetztelefon lieber vorwärts in eine Digitalisierung mit Datenschutz gehen sollten. Als Einzelner kann ich da leider nur wenig machen, aber wenn wir europäischen Datenschutz ordentlich durchsetzen, dann ist eine Nutzung ohne Datenmissbrauch hoffentlich bald möglich.

Das Interview führte Marco Witting