Letztes Update am So, 29.04.2018 10:20

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Smartphone-Check

Samsung Galaxy S9+ im Test: Evolution statt Revolution

Wir haben uns das neue Smartphone-Flaggschiff des koreanischen Herstellers genauer angesehen und verraten euch, was wirklich neu ist und ob sich der satte Preis tatsächlich rechnet.

© TT/GrillMit dem Edge-to-Edge Infinity-Display sieht das Samsung Galaxy S9+ elegant wie sein Vorgänger aus.



Innsbruck – Mit dem Samsung Galaxy S9+ brachte der koreanische Hersteller sein bisher bestes Android-Smartphone auf den Markt. Doch hält es auch, was es verspricht? Der Preis ist mit knapp 950 Euro heiß.

Vom Design her hielt man sich an das Vorgängermodell S8+. Auf den ersten Blick fällt kaum ein Unterschied auf. Die Displaygröße von 6,2 Zoll blieb gleich. Das S9+ kommt kaum merklich flacher, minimal breiter, aber dafür spürbar schwerer daher. 189 Gramm bringt Samsungs neueste Entwicklung auf die Waage. Zum Vergleich: Das S8+ wog 173 Gramm.

Der Patscherkofel dreimal fotografiert: im "Automatisch"-Modus, mit Zweifach-Zoom und größtmöglicher Zoom-Funktion.
- TT/Grill

Das Infinity-Display, das sich elegant zum Rand hin biegt („Edge“), und von anderen Herstellern sogleich übernommen wurde, ist ebenso erhalten geblieben. Doch auch hier gibt es meines Erachtens einen kleinen Rückschritt. Der Metallrahmen zwischen Front- und Rückglas, der jetzt matt und nicht mehr poliert ist, steht deutlich hervor. Haptisch war der Übergang beim S8+ um einiges angenehmer. Durch Gorilla-Glas ist das S9+ gut vor Kratzern geschützt. Laut Stiftung Warentest ist es auch deutlich bruchsicherer als sein Vorgänger. Eine Schutzhülle ist trotzdem zu empfehlen. Damit vermeidet man nicht nur kostspielige Display-Reparaturen (um die 300 Euro), sondern auch lästige Fingertapser (vor allem bei schwarzen Modellen sichtbar), die ständig zum Polieren verleiten.

Das Display selbst besticht durch satte Farben und starke Kontrastdarstellung, die Helligkeit passt sich den Lichtverhältnissen perfekt an und ermöglicht so auch eine hervorragende Ablesbarkeit im Freien. Der Unterschied zum Vorgängermodell ist nicht weltbewegend, aber dennoch erwähnenswert.

Auf Wunsch Fingerabdrucksensor neu platziert

Eine Verbesserung sticht sofort ins Auge. Die Kamera und der Fingerabdrucksensor auf der Rückseite befinden sich nicht mehr nebeneinander sondern untereinander. Samsung hat damit auf zahlreiche Beschwerden reagiert. Der Sensor neben der Kamera war für Rechtshänder schwer zu erreichen und sorgte häufig auch für Schmierspuren auf der Kameralinse. Mit der neuen Platzierung soll das Problem beseitigt sein, auch wenn ich trotzdem schon das ein oder andere Mal versehentlich mit dem Finger über die Linse gewischt habe. Der Sensor zur Pulsmessung sitzt nach wie vor neben der Kameralinse. Wer dieses Feature öfter nutzt, muss da eben noch aufpassen.

Der Fingerabrucksensor befindet sich nun mittig - direkt unter der Kamera. Der Pulsmesser bleibt rechts.
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Sicher, aber nicht ganz sicherer „Intelligent Scan“

Neben Pin/Muster/Passwort und der wohl bevorzugten Methode des Entsperrens via Fingerabdruck-Scan, gibt es auch die Möglichkeit des „Intelligent Scan“. Dabei handelt es sich um eine Kombination aus Gesichts- und Iriserkennung. Falls das Smartphone unsicher ist, ob es das Gesicht des Besitzers erkannt hat, nimmt es sich als nächstes den Irisscan vor.

Auch wenn der „Intelligent-Scan“ eine Verbesserung bei der neuen Samsung-Generation darstellt, wird an der Sicherheit weiterhin gezweifelt. Denn immer noch setzt der koreanische Hersteller auf eine zweidimensionale Gesichtserkennung, während Apples iPhoneX mit „Face ID“ ein dreidimensionales Modell erstellt.

Nicht ganz überzeugt scheint Samsung selbst von Sicherheit seines „Intelligent Scans“ zu sein. So funktioniert das Zahlmodell Samsung Pay – derzeit in Europa nur in Spanien möglich – lediglich mit Fingerabdruck-Autorisierung und PIN-Authentifizierung.

Im Selbstversuch konnte ich die Gesichts- und Iriserkennung mit einem Foto von mir allerdings nicht überlisten.

Kamera neu anvisiert: Highlight mit Blende

Den größten Fokus legte Samsung bei der Entwicklung auf die Kamera. „Die Kamera. Perfektioniert“ wirbt der Hersteller auf seiner Website. Tatsächlich wurde das Samsung Galaxy S9+ auf der Rückseite mit zwei Kameras bestückt. Unter der normalen 12-Megapixel-Weitwinkel-Kamera befindet sich eine Telelinse (ebenfalls 12 Megapixel), mit der sich dank des Zweifach-Zooms weitentfernte Objekte ohne Qualitätsverlust und schöne Detailaufnahmen fotografieren lassen. Die Weitwinkel-Linse verfügt wie beim kleineren S9 über eine dynamische Blende. Eine Neuheit bei Smartphones.

Wenn genug Licht vorhanden ist, wechselt das S9+ auf eine f/2.4 Blende, ist wenig Licht vorhanden, so öffnet sich die Blende auf f/1.5. So gelangt mehr Licht auf den Sensor und auch Nachtbilder gelingen erstaunlich gut – aus freier Hand. Bei Sonnenschein vermeidet die f/2.4 Blende eine Überbelichtung. Die Blende lässt sich im Pro-Modus manuell umschalten, im Automatik-Modus erledigt das System das selbst.

Mit Dämmerlicht scheint das Samsung S9+ allerdings noch Probleme zu haben. Fotos mit dieser Lichtsituation von der Konkurrenz wie iPhone X und Huwawei P20 Pro konnten dabei einfach mehr überzeugen.

Mit Dämmerungslicht hat die Kamera so ihre Probleme.
- TT/Grill

Dafür besticht der Live-Fokus für Porträts mit weichen Linien und starken Farben umso mehr. Das besondere daran, der Live-Fokus ermöglicht es, in einer einzigen Aufnahme, das Objekt im Vordergrund und den Hintergrund separat aufzunehmen. Das heißt: Das Objekt ist scharf, der Hintergrund verschwommen (leicht oder mehr, je nach Einstellung). Die mit der Funktion geschossenen Fotos können auch im Nachhinein bearbeitet, fokussiert oder schärfer gestellt werden.

Leider ist der Live-Fokus nicht für Selfies verfügbar. Die Frontkamera kommt nach wie vor mit 8 Megapixeln daher. Selfies sind zwar in Ordnung und lassen sich auch mit vielen Features verändern und verschönern, man merkt aber, dass der Fokus der Entwicklung und Marketingstrategie eindeutig auf der Hauptkamera lagen.

Im Live-Fokus können Vorder- oder Hintergrund scharf gestellt werden.
- TT/Grill

AR Emojis: Skurrile Spielerei

Die größte Neuerung der Frontkamera ist die Möglichkeit, ein persönliches AR Emoji zu gestalten. Mit einem Selfie werden die Grundzüge des Comic-Ichs festgelegt. Frisur, Kleidung und Accessoires können selber ausgesucht werden. Ganz natürlich reagiert die entstanden Figur allerdings nicht auf Bewegungen, dazu müssen schon Grimassen geschnitten werden.

Mein "Ich" als AR Emoji: Ein Gag, mehr aber auch nicht.
- Screenshot/Samsung Galaxy S9+

AR Emoji ist eine nette Spielerei, allerdings mit sehr kurzweiligem Unterhaltungsfaktor. Und so lustig das Erstellen eines eigenen AR Emojis zunächst erscheinen mag, die Comic-Figur wirkt dann doch etwas skurril. Als Gag zwischendurch wird die Funktion aber durchaus Anwendung finden. Wer sich mit dem Comic-Abbild nicht richtig anfreunden kann, versucht es vielleicht vorerst mit Hasenohren – einer der zahlreichen Vorlagen, die zum „Verschönern“ von Selfies ebenfalls im „AR Emoji“-Modus vorhanden sind.

Super Super-Zeitlupe

Die Super-Zeitlupen-Funktion (Super-Slo-Mo) ist ebenso erwähnenswert. Das Galaxy S9+ nimmt dabei Videos mit 960 Bildern auf. Die Länge der Aufnahmen ist auf 0,2 Sekunden begrenzt. Die Wiedergabenlänge beträgt dann etwa 6 Sekunden. Soweit so gut, das haben Mitstreiter auch. Der Clou jedoch ist, dass die Aufnahme automatisch startet, wenn das S9/+ in einem zu Beginn festgelegten Bildausschnitt, eine Bewegung registriert. So kann der perfekte Zeitpunkt nicht verpasst werden.

Neues und Altes: Dolby Atmos und Kopfhörer-Klinke

Was den Sound betrifft, hat Samsung in der S-Klasse nachgerüstet – und zwar Stereo- statt Mono-Lautsprecher. Die Lautsprecher von AKG sorgen tatsächlich für einen vollen Klang. Noch besser wird der Musikgenuss, wenn man Dolby Atmos einschaltet. Es können zum Beispiel auch Videos mit normalem Ton mit einem simuliertem Dolby-Atmos-Raumklang wiedergegeben werden. Ebenso im Freisprech-Modus ist die verbesserte Klangqualität wahrnehmbar.

Samsung setzt nach wie vor auf einen Klinkenanschluss für Kopfhörer.
- TT/Grill

Obwohl sich die Tonqualität für die Verwendung von Bluetooth-Kopfhörern ebenso verbessert hat, hält Samsungs neue S-Klasse im Gegensatz zu zahlreichen Mitstreitern immer noch an einem 3,5-Millimeter-Klinkenanschluss fest. Dafür werden auch wohlklingende AKG-In-Ears mitgeliefert.

Bixby versteht immer noch (nicht) „Bahnhof“

Nach wie vor versteht Samsungs eigener Sprachassistent Bixby nur Englisch. Erreichbar ist Bixby weiterhin über eine eigene Taste rechts am Smartphone. Für jemanden, der Bixbys englische Dienste nicht in Anspruch nehmen will, kann die Bixby-Taste zwar deaktiviert werden, anders belegt allerdings nicht.

Bis es die Sprachsteuerung auch auf Deutsch gibt, kann noch Zeit vergehen. Versprochen war sie bereits für den Jahreswechsel. Auf Englisch lässt sich mit Bixby aber durchaus gut kommunizieren. Wer das nicht möchte, kann auf Googles Assistent, der Deutsch versteht, zurückgreifen. Er ist ebenfalls vorinstalliert und über einen langen Druck auf die Hometaste aufrufbar.

Wein bestellen, Orte bestimmen, Texte übersetzen

Bixby bietet dafür an anderer Stelle durchwegs interessante Neuerungen – sogar auf Deutsch. Über die Kamera oder aber über die eigene App lässt sich „Bixby Vision“ aufrufen. Hält man die Kamera auf bestimmte Objekte, erhält man Infos über Sehenswürdigkeiten und wichtige Orte in der Nähe. Man bekommt nicht nur Details zur anvisierten Weinflasche, sondern kann sie gleich online kaufen und zu einem englischen Text erscheint die Übersetzung. Das funktioniert allerdings nur, wenn es sich um eine geringe Textmenge handelt. Bei einer Speisekarte oder einer Buchseite hakt die Übersetzung noch.

Die Funktion, bei der Bixby auch Informationen zum Kalorien- und Nährwertgehalt von Lebensmitteln liefert, war auf meinem Testhandy nicht verfügbar.

Mit "Bixby Vison" erhält man Infos zu Wein und kann gleich eine Bestellung tätigen (li). Außerdem gibt es eine Übersetzungsfunktion (re.), Bei geringen Textmengen klappt das ganz gut.
- TT/Grill

Von Dual-SIM, Speicherkapazität und Akku-Laufzeit

Das S9(+) ist das erste Top-Smartphone von Samsung, das der Konzern im freien Handel standardmäßig als Dual-SIM-Variante anbietet. Die S9-Duos-Geräte sind mit einem sogenannten Hybrid-Fach ausgestattet. Samsung bietet außerdem die Möglichkeit, statt der Nano-SIM das Hybrid-Fach mit Micro-SD-Slot zur Speichererweiterung zu wählen.

Samsungs-Flaggschiff verfügt über 64 GB Speicherkapazitzät. Beim ersten Einschalten stehen noch knapp 50 Gigabyte (GB) Speicher zur Verfügung. Der Arbeitsspeicher ist beim S9+ von 4 GB auf 6 GB gewachsen.

Das Galaxy S9+ ist als Dual-SIM Variante erhältlich. Oder aber mit zusätzlichem Micro-SD-Slot.
- TT/Grill

Allerdings ist auf der S9-Generation noch Android 8 installiert. Schade. Das neuere Android Oreo 8.1. erhält der Nutzer wahrscheinlich irgendwann via Update.

Auch der Akku entspricht leider nicht den Erwartungen. Das S9+ ist zwar schnellladefähig und lässt sich auch kabellos laden, aber es ist wie beim Vorgänger ein 3500-mAh-Akku verbaut. Nicht nur das: Laut Stiftung Warentest hält das S9+ sogar etwa eine Stunde weniger als das S8+. Bei normaler Nutzung hielt der Akku bis zum Abend durch. Wer sein Smartphone untertags viel nutzt, muss zwischendurch aufladen. Die Ladezeit beträgt etwa zwei Stunden.

Fazit: Die große Revolution bleibt aus

Das Samsung Galaxy S9+ ist wie seine Vorgänger hochwertig und schön verarbeitet, und es hat sich weiterentwickelt: mit Dolby Amtos, der Dual-SIM-Funktion und dem Super-AMOLED-Display ist es durchaus konkurrenzfähig.

Fehler wurden beseitigt, so wurde der Fingerabdrucksensor besser platziert, die Gesichtserkennung mit „Intelligent Scan“ sicherer und das Smartphone stabiler. Richtig große Neuerungen sind das allerdings nicht.

Punkten kann das 9+ auf jeden Fall mit seiner viel angepriesenen Dual-Kamera mit variabler Blende. Damit mischt Samsung auf jeden Fall ganz vorne mit. Für 949 Euro hätte der koreanische Hersteller allerdings noch an der Akku-Leistung arbeiten können. (vags)