Letztes Update am Mi, 23.05.2018 15:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Von Rauchzeichen zu WhatsApp: Bald wird nicht mehr getippt

In Frankreich wurde Anfang Mai das letzte Telegramm verschickt. Erstaunlich lang für die alte Technik, aber auch das Ende von E-Mail und WhatsApp ist schon absehbar.

© iStockDie Zukunft: 
Schon jetzt diktieren viele ihrem Handy, welche Nachricht verschickt werden soll.



Achtung, Achtung, ein Telegramm trifft ein: „SMS, Mail, usw. veraltet STOP Tippen retro STOP neue Kommunikation STOP Künstliche Intelligenz hilft STOP.“ So kurz und knapp wäre der Inhalt dieses Artikels zusammengefasst, wenn er als Telegramm verfasst werden sollte. Früher mussten die Menschen so kommunizieren, weil jedes Zeichen extra kostete. Eine anachronistische Form, könnte man meinen, aber tatsächlich wurden in Frankreich im April dieses Jahres noch 1400 Telegramme verschickt. Am 2. Mai war es dann auch dort so weit und die letzte Nachricht ging auf Reisen. „Ein Kapitel der Telekom-Geschichte ist beendet STOP“, lautete der Text und ein Foto des Telegramms wurde – wie könnte es anders sein – zeitgemäß auf Twitter verbreitet.

Vor allem die SMS, die selbst vom Aussterben bedroht ist, hat die 174 Jahre alte Technik verdrängt. Der Telegramm-Stil lebt jedoch in Form von verknappten Sätzen weiter. Aus „Ich bin in 5 Minuten bei dir“ wird einfach „5 min“, weil der Empfänger sich zusammenreimen kann, was der Sender gemeint haben könnte.

In Zukunft greift die Künstliche Intelligenz (KI) in die Nachrichtenübermittlung ein. Davon geht Bernhard Jungwirth vom Österreich Institut für angewandte Telekommunikation aus: „Die Entwicklung der KI läuft darauf hinaus, dass ein persönlicher Assistent uns in der Kommunikation unterstützt. Dieser gibt mir Textvorschläge und Antworten vor“, erklärt er. Als Beispiel nennt er Alexa, der man sagt, wem man was schicken will. Der schlaue KI-Assistent bestellt selbstständig Pizza oder Taxi und übermittelt eine Nachricht an die Mutter zum Muttertag.

Vorfahren des modernen Menschen sollen sich schon vor 350.000 Jahren mit Rauchzeichen verständigt haben.
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Allerdings, so Jungwirth, müsse man bedenken, dass in Zukunft „möglicherweise auch ein Bot am anderen Ende der Leitung sein könnte“, also Menschen mit Maschinen kommunzieren. Wann sich die nächste Stufe der Nachrichten-Evolution durchsetzt, will er aber nicht abschätzen. Immerhin sei im Prinzip auch „die E-Mail eine veraltete Technik“.

Das (Ver-)Tippen ist eigentlich nicht mehr notwendig. Manche diktieren Sätze ins Smartphone und die Botschaft wird verschickt. Außerdem hilft bei der Texteingabe die Autokorrektur, die nach Eingabe weniger Buchstaben Wörter vorschlägt oder ausbessert.

Weil die KI aber manches wie Dialekt nicht kapiert, muss man löschen, neu schreiben, also dauert das Tippen nur noch länger. Deshalb ein letztes Telegramm an mich: „Autokorrektur nervt STOP Ausschalten STOP Künstliche Intelligenz hilft nicht immer STOP.“

Frühform: Vorfahren des modernen Menschen sollen sich schon vor 350.000 Jahren mit Rauchzeichen verständigt haben. Perfektioniert wurde es von den Indianern (Bild). Eine andere Art der Nachrichtenübermittlung waren Trommeln, die jahrhundertelang vor allem von Dschungelvölkern in Afrika, Neuguinea und in Mittel- und Südamerika verwendet wurden, um gesprochene Wörter in einer festgelegten rhythmischen Struktur zu übermitteln.

Brieftaube (ca. 1000 v. Chr bis 1997): Um nicht umständlich Boten mit Briefen auf lange Reise zu schicken, schickte man in Ägypten, bei den Römern und in Griechenland Tauben los. Erst 1997 löste die Schweizer Armee ihren Brieftaubendienst auf.

Samuel Morse verschickte am 24.5.1844 mit einem von ihm überarbeiteten Schreibtelegrafen die erste "telegrafische Depesche" von Washington D.C. nach Baltimore.
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Optische Telegrafie (1794): Im Drama Agamemnon wird beschrieben wie der Sieg der Griechen über Troja 1184 v. Chr. mit Hilfe einer 555 km langen Kette aus Feuerzeichen verkündet wurde. Die modernere Form dieser Kommunikation erfand Claude Chappe mit schwenkbaren Signalarmen, die erstmals 1974 auf einer 270 km langen Strecke zwischen Paris und Lille eingesetzt wurden.

Elektrisches Telegramm (1844): Samuel Morse verschickte am 24.5.1844 mit einem von ihm überarbeiteten Schreibtelegrafen die erste „telegrafische Depesche“ von Washington D.C. nach Baltimore. In Österreich erfolgte die Premiere 1847, erst am 31.12.2005 wurde der Telegramm-Dienst eingestellt. In den USA war es 2006 so weit. Als eines der letzten Länder hat Frankreich vor wenigen Tagen, am 2.5., telegrafisch „Adieu“ gesagt.

E-Mail (1971): Die E-Mail ist älter als viele glauben. Zwar wurde sie erst in den 90er Jahren mit dem flächendeckenden Aufbau des Internets zum Massenphänomen, doch den ersten „elektronischen Brief“ aller Zeiten schickte Ray Tomlinson ab. Darin teilte er in einem Netzwerk für Forscher seinen Kollegen mit, dass man ab jetzt durch die Kombination von Benutzername, dem @ww-Zeichen und dem Hostnamen des Computers Nachrichten untereinander senden könne.

Telefax (1974): Schon 1843 gab es sogenannte Kopiertelegrafen, mit denen Schwarz-Weiß-Bilder übertragen werden konnte. 1974 brachte Infotec eine ersten, den heutigen Telefax-Geräten ähnlichen Apparat auf den Markt, mit dem man ganze Seiten voller Bilder und Texte über das Telefonnetz übertragen konnte. Obwohl sich die Technik seit dem kaum verändert hat, stehen viele damit noch auf den Kriegsfuß („muss ich eine 0 vorwählen?“.

Der Instant-Messaging-Dienst WhatsApp hat SMS den Rang abgelaufen.
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SMS (1992): Friedelm Hillebrand ist nicht gerade eine Berühmtheit, doch er hat die Art wie Menschen kommunizieren entscheidend geprägt. Der Mitarbeiter der Deutschen Bundespost legte in den 80er Jahren bei seinem Konzept für ein „Short Message Service“ im Mobilfunknetz fest, dass 160 Zeichen als Limit ausreichen müssten. Sein Gedanke: Auch die Texte auf Postkarten sind nicht viel länger. 1992 wurde der SMS-Standard erprobt und am 3. Dezember machte sich die erste Kurzmitteilung („Merry Christmas“), geschrieben vom Ingenieur Neil Papworth, auf den Weg von einem PC an ein Mobiltelefon. Doch die Zeit der SMS dürfte abgelaufen sein. Wurden 2012 so viele wie nie, 7,7 Milliarden, verschickt, waren es 2014 schon nur noch 4,4 Milliarden – seitdem fällt die Zahl weiter.

WhatsApp (2009): Der Instant-Messaging-Dienst WhatsApp hat SMS den Rang abgelaufen. Mit der App kann gechattet werden und es können Bild-, Foto- sowie Videodateien mit Freunden geteilt werden. Im Jänner 2018 nutzten 1,5 Milliarden Menschen WhatsApp Ähnliche Funktionen bietet z.B. der Facebook-Messenger.

Die Zukunft: Schon jetzt diktieren viele ihrem Handy, welche Nachricht verschickt werden soll. In diese Richtung wird sich die Kommunikation entwickeln – und noch weiter. Der Nachrichtendienst wird zum „Persönlichen Assistenten“, der mir Textvorschläge macht und erkennt, wem ich was schicken will. (Matthias Christler)