Letztes Update am Mi, 13.06.2018 10:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Precht: „Der Herr der Daten hat die Macht“

Von sinnvollen Pflegerobotern, blöden Jobs und dem Weg in eine Cyber-Diktatur: Der Philosoph Richard David Precht über die gesellschaftlichen Umbrüche, die uns die Digitalisierung beschert.

© Amanda BerensRichard David Precht (geb. 1964) ist der derzeit wohl populärste Philosoph Deutschlands sowie Bestseller-Autor und hat mehr als drei Millionen Bücher verkauft.



Herr Precht, in Hall werden Sie am Freitag über die Grenzen der Medizin sprechen. Vor 200 Jahren wurde schon einmal intensiv darüber diskutiert, als Mary Shelley Frankensteins Monster erschuf. Heute sorgt ein italienischer Chirurg für Aufsehen, der einen Kopf transplantieren möchte. Wie stabil sind diese Grenzen?

Richard David Precht:

Die ethischen Grenzen der Medizin sind nie besonders fest gewesen und haben sich sehr stark verändert. Man darf nicht vergessen, dass über das ganze Mittelalter hinweg die medizinische Forschung vom Christentum immer blockiert worden ist, weil man nicht wollte, dass man dem lieben Gott in die Karten schaut und die Medizin der Araber übernimmt. Die Frage nach den Grenzen stellt sich heute auf eine neue und andere Weise. Seit wir mit Hilfe der Reproduktionsmedizin oder neuen medizinischen Verfahren in der Lage sind, Dinge zu tun, welche die Menschheit bisher nie für möglich gehalten hätte, dass man sie überhaupt machen kann.

Wo sehen Sie die Grenze?

Precht: Ich beschäftige mich mit der Frage, wie legitim der Einsatz von Robotern in der Pflege ist. Meine Meinung ist, dass der Roboter dem Arzt assistieren kann – z. B. wenn wir einen Roboter hätten, der in der Lage wäre, ein Bett in einen Rollstuhl zu verwandeln, dann wäre das gut. Aber wenn wir Roboter einsetzen, die menschliche Wärme und Humanität ersetzen sollen, dann halte ich das für das Überschreiten einer Grenze.

In der Medizin werden zunehmend mit Computerunterstützung Daten zu Megastudien gebündelt. Es gibt Versuche mit Künstlicher Intelligenz. Ist der Roboter der bessere Arzt?

Precht: Je mehr an bestimmter rationaler Arbeit die Künstliche Intelligenz übernimmt, umso wichtiger wird es sein, dass der Arzt dem Patienten als Menschen begegnet. Das ist gar nicht einfach zu befolgen in Zeiten, in denen wir davon ausgehen, dass wir unser Pflege- und Gesundheitssystem langfristig nicht finanzieren können. Wir werden unter dem Druck der Kostenersparnis viele Dinge mit Hilfe von Maschinen durchführen, die besser Menschen tun würden.

Die Lebenserwartung steigt, nicht zuletzt durch medizinischen Fortschritt. Die selbstoptimierte Gesellschaft verabscheut eine ungesunde Lebensweise. Arbeit wird durch Maschinen ersetzt. Ist ein ewiges Leben ohne Aufgabe denn erstrebenswert?

Precht: Ich sehe einen Riesenunterschied zwischen Aufgabe und Erwerbsarbeit. Wenn ich keiner geregelten Erwerbsarbeit nachgehe, heißt es nicht, dass ich nichts mache oder keine Aufgabe habe. Als Vater von vier Kindern habe ich eine gewaltige Aufgabe. Wir haben die eigenartige Vorstellung, dass wir meinen, die Lebensaufgabe des Menschen besteht darin, von neun bis 17 Uhr in ein Büro zu gehen und dafür Lohn zu kriegen. Das gibt es noch nicht lange. In Ländern wie Österreich noch keine 200 Jahre. Es ist doch wunderbar, dass diese Zeit zu Ende geht.

Allerdings wird in Österreich über einen 12-Stunden-Arbeitstag diskutiert ...

Precht: Die gesamte Arbeitsmarktdiskussion, die wir führen, ist völlig anachronistisch. Es ist so, dass unsere Politiker, unsere Arbeits- und Leistungsgesellschaft nicht vorbereitet ist auf das, was auf uns zukommt. Nämlich, dass wir insgesamt deutlich weniger arbeiten werden und ein großer Anteil von Menschen gar keiner Erwerbsarbeit mehr nachgeht. Es gibt gewaltige Umbrüche. Es wird auch dazu kommen, dass rechtspopulistische Parteien sehr viel Macht und Einfluss bekommen, allein dadurch, dass man die bisherigen Parteien für die Arbeitslosigkeit verantwortlich machen wird, die bald ausbricht.

Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf das Machtgefüge?

Precht: Das ändert sich dramatisch. Die ersten großen Profiteure in dem Machtgefüge sind die Herren der Daten. Das ist nur zu einem kleinen Teil der Staat und sind zu einem sehr großen Teil international agierende Unternehmen mit Sitz in Sillicon Valley. Im Grunde genommen sind wir auf dem Weg in eine kybernetische Diktatur (Machtausübung und Kontrolle über Daten und Technologie, Anm.). Manche Staaten sind direkt und ungebremst auf dem Weg, Indien, China. Bei uns ist es dadurch etwas gebremster, dass es nicht in erster Linie der Staat ist, der das vorantreibt, sondern Unternehmen. Wer der Herr über die Daten ist, der hat irgendwann auch die Macht über die Menschen.

Besteht denn die Chance, dass der Zugang zu Medizin durch Digitalisierung gerechter wird?

Precht: Das kann sein, aber auch nicht. Ich sehe jedoch einiges Positives. Zunächst daran, dass alles, woran im Augenblick medizinisch geforscht wird, einem in Zukunft die Chance gibt, ein Durchschnittsalter von 90 oder 100 zu erreichen. Das ist das, wovon ganz viele Menschen träumen, ein großes Menschheitsversprechen. Abgesehen davon, dass es auch andere Sektoren gibt, wo ich mir von der Digitalisierung viel Positives erwarte, etwa im Verkehr. Eine Welt, in der viele Leute keine blöden Jobs mehr machen müssen, ist ein positives Szenario. Die wirklich spannende Frage ist die Machtfrage. Davon wird abhängen, ob die Zukunft positiv sein wird oder negativ.

Das Gespräch führte Theresa Mair