Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 19.06.2018


Bezirk Reutte

Gemeinsam auf den großen Fang aus: Pokémon Go in Reutte

Pokémon Go vereint unterschiedlichste Außerferner zu einer Jagdgesellschaft auf Fantasiewesen. Eine Abordnung aus Reutte mischt sich am letzten Juniwochenende unter 50.000 Pokémonauten in Dortmund.

© MittermayrEin Smartphone pro Person reicht längst nicht, um den Pokemons Herr zu werden. Marc Zotz, Kristina Sophie Mitterhauser und Rene Ziegler (v. l.) sitzen am Samstagvormittag im Reuttener Pokemon-Treff, dem Cafe Museo.



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Samstagmittag schlenderte Matthias König gedankenverloren, so schien es, durch den Reuttener Untermarkt. Den Blick starr aufs Handy gerichtet, Bekannte im Vorbeigehen wie abwesend grüßend. Der Präsident der Tiroler Apothekerkammer war entrückt in seiner eigenen Welt – wie auch seine Freundin Kristina Sophie Mitterhauser, ebenfalls Apothekerin, die auf der anderen Straßenseite vom eigenen Smartphone geleitet große Kreise zog. Beide waren in ihrer „erweiterten Realität“ auf den großen Fang aus – einige der inzwischen 400 Pokémons, kleine vir­tuelle Fantasiewesen, sollten hopsgenommen werden.

Und die beiden waren nicht die Einzigen im Reuttener Untermarkt, die selbstvergessen hinter Smartphones hinterherstolperten. Fünfzehn Einheimische waren es an diesem Vormittag. Unbekannte Auswärtige, die in Reutte in wachsenden Ringen dem Handy folgten, nicht mitgezählt. Allein deren Idiom beim kurzen Gruß wies auf Deutschland hin.

Das Spiel Pokémon Go ermittelt durch GPS und Echtzeit-Lokalisierung die Standortdaten der Spieler und positioniert sie virtuell auf einer Landkarte, wo Sehenswürdigkeiten, Wahrzeichen und Auffälliges der materiellen Welt zur Gestaltung der virtuellen Landschaft eingespielt werden. Die Pokémon-Fabelwesen werden vom Spielserver per Zufallsprinzip in die virtuelle Karte des Spiels generiert.

Derweil ist Matthias König (r.), Präsident der Tiroler Apothekerkammer, weiter im Untermarkt unterwegs, um die "Viecher“ aufzustöbern.
- Mittermayr

Im Außerferner Bezirkshauptort hat sich eine WhatsApp-Gruppe mit 30 Mitgliedern gebildet. Sie alle sind Pokémonauten und würden Kreaturen wie Pikachu oder Mauzi sicher bis ins All hinterherjagen. Jeden Monat gibt es einen Community Day, einen Gemeinschaftstag, an dem den Fanstasiewesen auch in der Gruppe nachgejagt wird. Dann tauchen auch schillernde Pokémons auf, die nur drei Stunden lang zu erhaschen sind. Bei so genannten Raid-Kämpfen finden wahre Teambewerbe statt, bei denen bis zu 20 Spieler gemeinsam gegen ein extrem starkes Pokémon antreten. Erst kürzlich bildete so eine Gruppe auf Reuttes Kirchplatz einen großen Kreis, um die Taschenmonster mit kleinen Wischbewegungen anzuhimmeln.

Der weltweite Pokémon-Go-Hype schien vor zwei Jahren vorüber, allein ein Ausflug der Reuttener scheint anderes zu signalisieren. Ende Juni machen sich elf Außerferner, unter ihnen auch König und Mitterhauser, auf den Weg nach Dortmund. Dort wird im Westfalenpark eine unüberschaubare Menge legendären Pokémons aus anderen Erdteilen hinterherjagen, die anlässlich des Großtreffens für kurze Zeit in Europa freigeschalten sind, sonst aber nur auf anderen Kontinenten gefangen werden können. Matthias König: „In ganz Dortmund waren keine Zimmer mehr zu finden. Wir wurden erst in 20 Kilometern Entfernung fündig. Rund 50.000 Spieler werden erwartet.“ Kurios der Gründungsmythos von Pokémon: Der Japaner Satoshi Tajiri hatte in seiner Kindheit in Tokio immer neue Techniken entwickelt, um Insekten anzulocken. Als Erwachsener erfand er dann als Computerfreak die Pokémons.