Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 28.06.2018


Exklusiv

Das Erbe im Internet ist oft noch zu unbekannt

Nicht die rechtliche Situation ist beim Nachlass im Netz das Problem, sondern die fehlende Bereitschaft, das digitale Vermächtnis zu notieren.

© Getty ImagesWas passiert nach dem Tod mit Facebook-Profilen, E-Mail-Konten oder Bitcoins? Die Vererbenden sollten alles aufzeichnen.Foto: iStock



Von Philipp Schwartze

Innsbruck – Längst spielt sich das Leben nicht ausschließlich in der analogen Welt ab. Das hat nicht nur zu Lebzeiten Auswirkungen, sondern auch danach. Das digitale Erbe ist neu – und führt deshalb entsprechend oft zu Problemen: Wo hat der Verstorbene überhaupt ein Benutzerkonto, wie soll es mit den digitalen Daten wie Fotos nach dem Tod weitergehen und wer erhält den digitalen Nachlass?

Eine spezielle gesetzliche Regelung für das Vererben von Social-Media-Accounts, E-Mail-Konten, Online-Speicher, Streamingdiensten oder gar Online-Währungen wie Bitcoins gibt es nicht. Braucht es auch nicht, meint der Wiener Zivilrechtler Wolfgang Zankl, der sich in seinem Buch „Der digitale Nachlass“ mit diesen Problemen beschäftigt hat. „Das österreichische Erbrecht gilt für Analog und für Digital“, erklärt er.

Digitales Erben sei viel weniger ein rechtliches Problem als ein Mangel an Wissen, meint Zankl. „Es muss sensibilisiert werden, dass auch digital im Todesfall etwas hinterlassen wird“, sagt der Jurist.

Zankl rät, eine Liste der Accounts und Passwörter anzulegen. „Früher war es auch normal, eine Liste über analoge Konten zu führen“, sagt er. Heute ist der Zugriff auf das digitale Erbe dagegen oft schwierig. „In vielen Fällen wissen Notar und Erben gar nicht, was alles da ist. Und Unternehmen müssen auf Anfrage zu Accounts den Angehörigen keine Auskunft geben.“

Einen Ratgeber zum „Digitalen Nachlass“ hat der Internet-Interessenverband ISPA erstellt. „Ein Erbe haftet für Verträge – etwa mit Online-Diensten wie Spotify – auch, wenn er nichts davon weiß. Eine Liste aller kostenpflichtigen Internetdienste ist eine Vorsorge für die Erben“, sagt Birgit Mühl von ISPA.

Die Tipps lauten: eine schriftliche Übersicht über alle vorhandenen (kostenpflichtigen) Accounts anlegen, Zugangsdaten sicher verwahren, überlegen, was mit den Daten und Konten passieren soll und Vertrauenspersonen benennen, denen man die persönlichen, digitalen Daten überlässt. „Am besten im Testament“, sagt Mühl. Die Liste sollte beim Notar oder in einem Safe sicher verwahrt werden. „Bislang hat kaum jemand eine solche Liste. Meist macht man sich erst Gedanken, wenn man davon selbst betroffen ist“, sagt Mühl.

Inzwischen gibt es einige Anbieter, die die Datenverwaltung übernehmen. „Das Phänomen ist neu, daher gibt es auch noch keine etablierten Anbieter, zu denen man raten kann“, ist Mühl vorsichtig.

Firmen wie Facebook haben für den digitalen Tod eine Strategie: Das Profil wird in einem „Gedenkzustand“ eingefroren. Der Zugriff ist dann auch mit Passwort nicht mehr möglich. In Deutschland klagen dagegen derzeit die Eltern einer verstorbenen 15-Jährigen – das letzte Urteil steht noch aus. Alle drei Minuten stirbt in Deutschland ein Facebook-Nutzer, der sich nicht entschieden hat, wie es mit seinem Account weitergehen soll. Dann greifen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Facebook argumentiert zudem mit den höchst persönlichen Daten, doch analog werden selbst Tagebücher und Briefe vererbt, wie Zankl erklärt. Es könnte ein wegweisendes Urteil des deutschen Bundesgerichtshofes werden.

Insgesamt dürfte sich die Situation um das digitale Erbe entspannen. „Bislang sind von den Vererbenden 90 Prozent oder mehr keine ,digital natives‘. Das wird sich aber automatisch ändern“, sagt Zankl. Dann wird der Tod im Netz alltäglicher. Und die digitale Vorsorge mindestens gleich häufig wie die analoge.

Die Broschüre finden Sie auf www.ispa.at/wissenspool.




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