Letztes Update am Mi, 11.07.2018 06:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Geschichten von Alexa und Co.: Das neue Familienoberhaupt

Sprachassistenten wie Amazons Alexa werden immer beliebter. Das verändert unsere Sprache und die Hierarchie am Familientisch, wie Musikwissenschafter Holger Schulze erklärt.

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Herr Schulze, welche Auswirkungen hat es, wenn Menschen immer öfter mit Maschinen reden?

Holger Schulze: Mit Maschinen müssen wir explizit sprechen: Schalte die Musik aus. Mach das Fenster auf. Implizites Sprechen mit Höflichkeitsformeln, wie im Alltag üblich, ist definitiv noch zu schwierig. Aber da traue ich der Technik künftig einiges zu. Das verlangt aber, dass die Maschinen unsere Art zu leben kennen lernen. Ob wir das wollen, ist unsere Entscheidung.

Es kommt oft vor, dass Sprachassistenten reagieren, obwohl sie nicht gemeint waren. Das führt zu Beleidigungen, etwa indem man „Halt die Klappe“ fordert. Muss der Mensch den Umgang mit Sprachassistenten noch lernen?

Schulze: Mit Sprachassistenten wie Alexa treten gewissermaßen wieder Dienstboten in unser Leben, die wir fragen, die auch antworten, aber die wir nicht als Person ernst nehmen. Dann fehlt der Respekt und man beschimpft sie obszön. Es ist wichtig, Höflichkeit zu bewahren. Interessant wird es, wenn in naher Zukunft die Systeme gewisse Services unhöflichen Menschen gegenüber verweigern werden.

Das klingt nach Erziehung. Erziehen wir die Technik oder die Technik uns?

Schulze: Einerseits domestizieren wir die Maschinen, bestimmen, wie sie reagieren sollen. Aber auch die Maschinen erziehen uns: wann wir was erwarten dürfen. Das ist ein doppelter Prozess. Selbstverständlich sitzen wir am längeren Hebel. Aber unser Begehren, die Maschinen zu nutzen, treibt uns immer wieder zu ihnen.

Alexa und Co. werden bisher vor allem im privaten Bereich genutzt. Wie verändern sie das Familienleben?

Schulze: Die Eltern sind eindeutig nicht mehr die Oberhäupter. Es gibt jetzt eine Instanz, vor der sogar die Eltern kuschen. Wenn Menschen über das Gerät sprechen, können sie nicht den Namen verwenden, weil es sonst startet. Dann sagen sie „das Gerät“ oder „die da“. Das erinnert mich daran, wie man über den Chef redet, wenn er zwei Tische weiter sitzt. Es sind Sprechweisen, die eine Hierarchie markieren und signalisieren: „Ich will jetzt nicht etwas sagen, was dieses Ding hören könnte“.

Ist es nicht absurd, dass etwas, das wir uns freiwillig nach Hause holen, uns dann so einschränkt?

Schulze: Ja, das ist definitiv absurd. Wir müssen erst lernen, mit diesen „technischen Drogen“ umzugehen und nur zu nutzen, wenn wir sie brauche. Ich persönlich habe weder Siri noch Alexa. Aber das kann sich ändern, wenn ich das Gefühl habe, die Geräte tun etwas Sinnvolles für mich.

Wie denken Sie über die Datenschutz-Probleme?

Schulze: Das wird noch gravierender, wenn wir von den Geräten fordern, dass sie auch kontextgebunden reagieren, auch unser Nuscheln oder unser Verhalten verstehen. Viele Geräte sind jetzt schon immer an. Ich befürchte, dass es einen schweren Vorfall braucht, um gesetzliche Regularien zu schaffen. Dann wird der Gesetzgeber sagen, das darf ein Sprachassistent, das nicht.

Warum haben eigentlich Alexa, Siri und Cortana alle weibliche Stimmen?

Schulze: Bei den ersten Navigationsgeräten wollten sich die Herren nicht von einer weiblichen Stimme sagen lassen, wie sie zu fahren haben. Das hat sich geändert. Jetzt ist es die Rolle der Assistentin, auch darin spiegelt sich unser Geschlechterbild wider. Ich frage mich aber vielmehr, wieso wir Geräte geschlechtlich ordnen müssen.

Und?

Schulze: Das ist eine Entscheidung, die wohl Marketinggründe hat, die vielleicht auch Fantasien von Männern bedient. Aber wenn diese Geräte verbreiteter sind, wird es alle Formen von Sprechweisen geben. Und warum sollte eine Frau nicht sagen, ich möchte einen Sekretär als Stimme?

Wie klingt die ideale Stimme für solch ein Gerät?

Schulze: Bei funktionalen Klängen soll die Sprache nicht unterhalten, sondern Informationen vermitteln. Andererseits wollen wir aber auch unterhalten werden. Irgendwann haben wir dann eine einzige Stimme in allen Geräten, vom Auto bis zur Küche.

Die eine Stimme ist dann z. B. die der toten Oma?

Schulze: Denkbar ist das, die Frage ist, ob wir das moralisch gestatten. Wenn man die Stimme einer Schauspielerin haben will, kostet es dann sicher Geld. Das ist Teil des Geschäftsmodells.

Ist eine künstliche Stimme nicht besser, um Verwechslungen mit einem Menschen zu verhindern? Es soll ja Menschen geben, die Siri nach einem Date fragen ...

Schulze: Am Spielen mit nicht echten Akteuren haben Menschen Spaß. Wie weit das geht, ist immer eine Frage, aber das ist nicht gleich pathologisch. Es wäre aber interessanter, Stimmen zu entwickeln, die Maschinen repräsentieren.

Noch müssen Alexa und Co. zumeist Witze erzählen, der ernsthafte Einsatz ist selten. Spielt da die Furcht eine Rolle, die wichtigen Dinge an Maschinen abzugeben?

Schulze: Der neue Google-Assistent wirbt damit, Aufträge anzunehmen und Telefonate zu führen. Da wird es sehr konkret. Was auch oft übersehen wird, ist der Einsatz für Menschen mit körperlichen Behinderungen, wie Hör- oder Sehschwächen, das ist eine existenzielle Erleichterung.

Kommt sich der Mensch bei all der Technik nicht irgendwann überflüssig vor?

Schulze: Wenn Sprachassistenten als billiger Ersatz für die Interaktion mit Menschen genutzt werden, ist das sicher problematisch. Dann hat der Kunde keine Möglichkeit, mit einem Menschen zu reden, außer er zahlt einen Aufpreis.

Wenn das wirklich flächendeckend kommt, worauf muss man dann achten?

Schulze: Dass die Sprechenden sich zwar bemühen, für die Maschinen verständlich zu sprechen, aber ihren sprachlichen Anspruch nicht aufgeben. Im Zweifelsfall heißt das, Geräte nicht zu nutzen.

Also muss sich die Technik an uns anpassen?

Schulze: Das ist der Anspruch. Wichtig ist, dass wir die Geräte aber auch ernst nehmen.

Das Gespräch führte Philipp Schwartze