Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 18.07.2018


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Dass im Tourismus händeringend nach Mitarbeitern gesucht wird, ist nichts Neues. Das Projekt „Team4U“ soll Abhilfe schaffen. Oder – etwas rigoroser – man ersetzt Menschen durch Roboter.

© Getty Images/iStockphotoNoch gibt es sie – die aufmerksamen Mitarbeiter im Tiroler Tourismus. Um sie zu behalten, müssen die Betriebe eine emotionale Bindung zu ihnen schaffen.



Von Judith Sam

Innsbruck — Ist der Kunde noch König? Oder müssen Tirols Touristiker sich künftig mehr Gedanken darüber machen, ihr Personal bei Laune zu halten, als die Gäste zu verwöhnen? Die Frage klingt etwas überspitzt. Allerdings nur so lange, bis man einen Blick auf die Zahlen wirft. „In Wien bewerben sich im Schnitt 4,8 Köche auf eine offene Stelle. In Tirol sind es 0,6, im Pongau 0,06", sagt Petra Nocker-Schwarzenbacher, Obfrau der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft der Wirtschaftskammer Österreich.

Damit nicht genug: „Wir brauchen künftig mehr Mitarbeiter — und das nicht in erster Linie, weil die Zahl der Betten steigt", sagt Nocker-Schwarzenbacher, die ein 4-Stern-Hotel im Pongau führt. Die Anzahl der Betten in ihrem Betrieb sei recht konstant: „Aber ich habe heute doppelt so viel Personal wie früher — vom Sommelier über Activity-Guides, die mit den Gästen wandern, bis zu Wellness-Mitarbeitern. Dazu kommen die verkürzten Arbeitszeiten. Ich musste zwei zusätzliche Köche anstellen, obwohl es nicht mehr Gäste zu bewirten gibt."

Bis zum Jahr 2023 rechnet die Hotelierin österreichweit mit einem Zuwachs von 36.000 Beschäftigten im Tourismus. Eine große Aufgabe: „Denn in der Realität herrscht Personal-Mangel, der so weit geht, dass Angebote reduziert werden müssen." Weil ein Betrieb etwa statt der bisher üblichen fünf Köche nur noch drei findet, schrumpft die Vielfalt auf der Speisekarte. Ein zweiter Ruhetag muss eingeführt werden oder man verzichtet auf die zweite Beilage am Teller.

Bei dieser Entwicklung sei es nur eine Frage der Zeit, bis der Qualitätsverlust dem Gast auffällt und dem Ruf der Destination schadet. Um dem entgegenzuwirken, braucht es Innovationen — wie das Projekt „Team4U", das kürzlich in Zell am See vorgestellt wurde. „Es soll Arbeitskräfte motivieren, ihren Lebensmittelpunkt in die Region zu verlagern", sagt Renate Ecker, Tourismusdirektorin von Zell am See—Kaprun. Das Projekt, das die 790 Betriebe der Region umfasst, besteht zu Beginn aus vier Säulen: „Erstens werden konkrete Stellenangebote gebündelt. Zweitens gibt es eine Online-Community, auf der man Freizeitgestaltung planen kann. Punkt drei sind Fortbildungen zur Region und zur jeweiligen Berufssparte. Punkt vier besteht aus einer Benefits-Card, die es ermöglicht, Angebote mit bis zu 50 Prozent Rabatt zu nutzen — von Wellness bis zur Liftkarte.

Ähnliche Projekte gibt es laut Unternehmensberater Robert Trasser auch in Tirol: „2016 kreierten wir für Ötztal Tourismus das Programm Navion, dessen Fokus auf betrieblicher Gesundheit, Weiterbildung und Freizeitgestaltung liegt. Gerade für Leute aus dem Ausland besteht sonst Vereinsamungsgefahr, weil sie wegen der Arbeitszeiten nicht immer Anschluss finden." Die Hälfte der Mitarbeiter habe daran teilgenommen: „Und einige Saison-Wiederkehrer sagen, dass sie wegen des Programms im Ötztal arbeiten." Im Stubai und in der Region Wilder Kaiser wird gerade an ähnlichen Konzepten gearbeitet. Das Credo laute, eine emotionale Bindung zu Betrieb und Region herzustellen.

„Wir müssen auch das alte Image loswerden", ergänzt Nocker-Schwarzenbacher: „In den 70er-, 80er-Jahren war es üblich, dass Arbeitskräfte für eine Saison kamen, wochenlang durchackerten und nur aufs Geldverdienen aus waren. Dazu kamen teils schlechte Unterkünfte und ein rauer Umgangston." Heute undenkbar.

Nocker-Schwarzenbacher hat in ihrem Hotel einige alleinerziehende Mütter angestellt, die Flexibilität suchen: „Unsere Pattiseuse arbeitet Montag bis Freitag, von acht bis 13 Uhr. Man muss sich nach den Wünschen der Angestellten richten, sie hegen und pflegen." Andernfalls finde man weder Fach- noch Hilfskräfte.

Laut Hubert Siller, Leiter des MCI Tourismus in Innsbruck, liegen dieser Entwicklung mehrere Ursachen zugrunde: „Es ist ein Irrglaube, dass Berufe im Tourismus wegen der angeblich zu schlechten Bezahlung gemieden werden. Es geht auch nicht nur um die Arbeitszeiten, weil Fünf-Tage-Wochen mittlerweile ohnehin vielerorts Usus sind." Vielmehr sei die Zahl der Lehrlinge innerhalb der letzten zehn Jahre um über 50 Prozent gesunken. „Ausgebildete Fachkräfte haben folglich eine große Auswahl an Stellen. Betriebe müssen beispielsweise Köchen ein hochattraktives Gesamtpaket bieten, damit sie noch in der Hotellerie in den Tälern arbeiten", sagt Siller. Zudem wollten gerade junge Leute sich selbst verwirklichen und strebten vielmehr nach Flexibilität und Freizeit als nach möglichst hoher Entlohnung.

Siller hat für diese Problematik einen anderen Lösungsansatz: „Im Jahr 2006 arbeiteten 37.000 Personen im Tiroler Tourismus. Heute sind es über 50.000. Da stellt sich mir die Frage: Muss der Tiroler Tourismus in Zukunft ein derart dienstleistungsintensives Modell bleiben? Der Gast von morgen akzeptiert durchaus ein gewisses Maß an Automatisierung und Eigeninitiative im Urlaub."

Simples Beispiel Frühstück: „Legen wir in Zukunft noch Wert auf den klassischen Frühstückskaffee, der uns zwar serviert wird, aber nicht wirklich schmeckt — oder bedienen wir lieber selbst eine hochwertige Kaffeemaschine und wählen die Geschmacksrichtung aus?" In modernen Stadthotels wird es sehr bald normal sein, sich via Smartphone-App ein- bzw. auszuchecken und das Zimmer statt mit einem Schlüssel mit einem Handy-Code zu öffnen.

Auch Zukunftsforscher Andreas Reiter begrüßt diese Idee: „In Japan bewähren sich seit Jahren Roboter statt Rezeptionisten. Lasten-Robos tragen die Koffer ins Zimmer. Gastro-Roboter können sogar Köche ersetzen und simple Speisen wie Burger mit Pommes zubereiten." Schön und gut. Aber wo endet das? Laut dem gebürtigen Innsbrucker kann man die Entwicklung noch nicht abschätzen: „Nur so viel: Die Restaurant-Kette Vapiano ist für Selbstbedienung bekannt. In Deutschland hat die erste Filiale nun eine Bedienung eingestellt, weil die Gäste die mangelnde Servicequalität bemängelt haben."

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„Ich arbeite daran, den Leuten die Denkweise, dass man in der Gastronomie nur arbeitet und nicht lebt, aus dem Kopf zu treiben", sagt Marcel Gutheinz, Chef des Hotels Jungbrunn in Tannheim. Um das zu belegen, organisiert er Fortbildungen und Ausflüge für die Mitarbeiter, es gibt ein Auto, das ihnen kostenlos zur Verfügung steht und kommendes Jahr beginnt der Bau eines neuen Mitarbeiterhauses: „Wir versuchen, aus der Lage das Beste zu machen." Eine ähnliche Meinung vertritt Alois Rainer, Obmann Fachgruppe Gastronomie der Wirtschaftskammer Tirol und Inhaber des Gasthofs Post in Strass im Zillertal. Der Mangel an Arbeitskräften in der Tiroler Tourismuswirtschaft sei eklatant: „Dem Mangel kann nur mit einer massiven Ausbildungsoffensive auf dem heimischen Mitarbeitermarkt und mit vermehrten Beschäftigungsmöglichkeiten für ausländische Mitarbeiter entgegengewirkt werden."