Letztes Update am So, 22.07.2018 06:50

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Hasspostings

Hass im Netz: „Das Problem ist noch sichtbarer geworden“

Hass im Netz geht über das getippte Wort weit hinaus. Die Grazer Digital-Expertin Ingrid Brodnig befürchtet eine Verrohung der Sprache, dass Hassposting-Opfer auf Dauer verstummen könnten und fordert gesetzliche Regelungen. Die TT setzt eine Initiative gegen Hasskommentare im Internet.

Wegen der scheinbaren Unsichtbarkeit im Internet lassen manche offenbar bei Kommentierungen alle Hemmungen fallen.

© iStockWegen der scheinbaren Unsichtbarkeit im Internet lassen manche offenbar bei Kommentierungen alle Hemmungen fallen.



Frau Brodnig, vor zwei Jahren haben Sie mit dem Buch „Hass im Netz“ ein neues, beängstigendes gesellschaftliches Phänomen thematisiert. Was hat sich seitdem verändert?

Ingrid Brodnig: Das Problem ist noch sichtbarer geworden, weil soziale Medien und Internet weiter an Bedeutung gewonnen haben. Das heißt in der Folge, dass immer mehr Streitthemen online ausgetragen werden, und leider kommt es da schnell zu Aggression.

Warum ist es im Internet so leicht, so wütend zu werden?

Die Grazerin Ingrid Brodnig beschäftigt sich seit Jahren mit digitalen Themen. In ihrem zweiten Buch ging es um „Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“. 2017 wurde sie von der Bundesregierung zur digitalen Botschafterin ernannt.
Die Grazerin Ingrid Brodnig beschäftigt sich seit Jahren mit digitalen Themen. In ihrem zweiten Buch ging es um „Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“. 2017 wurde sie von der Bundesregierung zur digitalen Botschafterin ernannt.
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Brodnig: Ich sehe mein Gegenüber nicht, es gehen nonverbale Signale verloren, weil ich keinen Augenkontakt habe, keine Stimme höre. Daher erlebe ich nicht mit, was meine Worte auslösen. Die Unsichtbarkeit im Internet macht es sehr leicht, schroff zu sein.

Aber wie könnte sich das in weiterer Folge auswirken? Dass der Umgangston in der Gesellschaft ein immer rauerer wird?

Brodnig: Meiner Meinung nach werden die Menschen im Internet nicht zu anderen Wesen. Man kann aber die negativen Seiten, die schon immer in einem steckten, leichter ausleben.

Worin ich eine neue Gefahr sehe, ist, dass in manchen Kreisen ein neuer Umgangston Normalität werden könnte. Wenn ich z. B. auf Facebook in sehr sexistischen Gruppen mitlese, könnte ich den Eindruck bekommen, dass es normal ist, Frauen als Schlampen zu bezeichnen.

Die Gefahr ist also, dass Mindeststandards gebrochen werden und wir uns an eine neue, verrohtere Sprache gewöhnen. Ein Teil des Problems ist: Rüpel werden belohnt, und nicht die, die sachlich bleiben. Forscher beobachteten, dass aggressive Posts mehr Likes bekommen als sachliche. Meine Sorge ist, dass wir bei gewissen Themen künftig noch eine stärkere Polarisierung erleben und dass sich die Lager noch unversöhnlicher gegenüberstehen.

Neben Flüchtlingen scheinen Frauen das neue Hassobjekt im Netz zu sein – denken wir an die ehemalige grüne Nationalratsabgeordnete Sigrid Maurer. Ihr wurden vom Computer eines Wiener Lokals aus obszöne Nachrichten zugestellt. Maurer machte diese öffentlich und war u. a. mit Hasspostings konfrontiert ...

Brodnig: Viele Frauen waren schon mit sexistischen Wortmeldungen oder deplatzierten Kommentaren konfrontiert. Aber im Netz erleben sie Dinge, die ihnen noch nie wer so ins Gesicht gesagt hat, weil online Hemmungen fallen. Natürlich kann Hass im Netz jeder abbekommen. Bei Frauen wird das allerdings schnell grausig und tief. Ob ich als Idiot bezeichnet werde oder lese, dass ich vergewaltigt gehöre, macht einen Unterschied. Im schlimmsten Fall könnten sich Betroffene in der Folge zurückziehen und verstummen.

Was würden Sie jemandem raten, der Hasspostings erhält?

Brodnig: Das Allerwichtigste ist, durchzuatmen. Weil der erste Impuls in so einer Situation ist, zurückzuschlagen, und da vergreift man sich möglicherweise auch im Ton.

Rüpel kann man manchmal auch bestrafen, indem man sie nicht mit Aufmerksamkeit belohnt, sprich: ihnen nicht antwortet. Aber natürlich gibt es Wortmeldungen, die sind so verletzend, die kann man nicht einfach stehen lassen. Da sollte man sich juristische Schritte überlegen.

Man kann sich z. B. an ZARA wenden, eine Meldestelle gegen Hass im Netz. Allerdings gibt es zwei große Probleme: Dass nämlich in Österreich beleidigende Mails oder Nachrichten per Facebook-Messenger nach dem Strafrecht nicht als Beleidigung zählen, wenn sie nur an eine Person und nicht an eine größere Gruppe gesendet wurden. Und dass gewisse bedrohlich klingende Inhalte aus juristischer Sicht oft noch keine gefährliche Drohung darstellen. Da kann es heißen: „Wundere dich nicht, wenn du vergewaltigt wirst.“ Das klingt bedrohlich für die betroffene Frau. So eine Aussage gilt allerdings aus juristischer Sicht nicht zwangsläufig als gefährliche Drohung, weil keine Absicht des Verfassers erkennbar ist, dass dieser wirklich die Frau vergewaltigen will. Einzelne rechtliche Lücken gehören geschlossen.

Gibt es auch technische Möglichkeiten, Hass im Netz zu bekämpfen?

Brodnig: Wir müssen uns überlegen, wie Software Empathie oder Respekt gegenüber anderen fördern kann. Beispiel Facebook: Ich kann auf „Gefällt mir“, „Wütend“ oder „Haha“ klicken – was fehlt, ist ein „Respekt“-Knopf. Eine Studie hat jedoch gezeigt, dass sich User, wenn sie statt eines „Like“-Knopfs einen „Respekt“-Knopf betätigen können, anders verhalten. Gibt es einen „Respekt“-Knopf, geben sie öfters auch Andersdenkenden eine positive Rückmeldung. Sie klicken auf „Respekt“, auch wenn sie nicht derselben Meinung sind wie der Verfasser. Software alleine wird uns aber nicht retten. Wichtig ist auch Moderation. Gerade auf großen Seiten ist es unverzichtbar, dass die Betreiber sagen, diese Art der Debatte ist nicht die, die wir für sinnvoll erachten und demokratiepolitisch gut finden. Und dass es Umgangsregeln gibt, an die man sich halten muss.

Dass der Ton im Internet derartig rau wird, hätte sich in seiner Anfangszeit vor 30 Jahren niemand gedacht. Was kann man sonst noch dagegen tun?

Brodnig: Die Hoffnung an das Internet war einst, dass es den sachlichen Diskurs fördern wird. Wir sehen jedoch heute, dass Rüpel und Provokateure oft mehr Aufmerksamkeit erhalten. Das Unbehagliche daran: dass im schlimmsten Fall die sachlichen Stimmen leiser werden und die lauten übrig bleiben. Man kann im Netz jedoch Zivilcourage zeigen und Hassposting-Betroffenen den Rücken stärken, indem man öffentlich z. B. schreibt, dass man das nicht okay findet, was besagter Person passiert ist. Das kann man auch dann machen, wenn man mit einer Person nicht gerade einer Meinung ist, aber trotzdem findet, das geht zu weit, was diese abbekommt. Und das ist auch etwas Gutes, dass die Zivilcourage bei einem Teil der Bürger zugenommen hat. Das Problem ist weiterhin schlimmstens am Köcheln – aber immerhin ist es bewusster geworden.

Das Interview führte Irene Rapp

TT setzt Initiative gegen Hasspostings im Netz

Der Ton in den Diskussionsforen des Internets wird teilweise immer untergriffiger und aggressiver. Hasskommentare, Mobbing und bewusste Falschinformationen sind verstärkt an die Stelle seriöser Diskussion getreten. Unter dem Schutz der Anonymität wird der respektvolle gegenseitige Austausch zunehmend unmöglich.

Verlagen wie der Tiroler Tageszeitung ist es teils nicht mehr möglich, die Fülle der Diskussionsbeiträge auf ihren Online-Plattformen zu kontrollieren und gegebenenfalls rechtzeitig einzugreifen. Deshalb hat sich die Tiroler Tageszeitung entschlossen, das Kommentieren auf tt.com nur noch ihren Abonnenten zu ermöglichen. Damit in Zukunft jeder zu seiner im Internet publizierten Meinung auch mit seinem Namen steht, wie dies ja auf den TT-Leserbriefseiten seit jeher praktiziert wird.

Die bestehenden Kommentar-Benutzerkonten ohne Aboverknüpfung verlieren ab 23. Juli 2018 ihre Funktion. Damit will die TT einen wertvollen Beitrag für mehr Respekt im Internet setzen.