Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 01.08.2018


Exklusiv

100-jährige Waschmaschine: Das Gerät läuft und läuft und läuft

Wiener Produktdesigner tüfteln an einer Waschmaschine, die in 100 Jahren noch funktionieren soll. Das Projekt ist auch als Denkanstoß für Hersteller gedacht, die ihre Geräte so produzieren, dass sie nach wenigen Jahren schrottreif sind.

© Maker Faire/PermanereEin Projektteam aus Wien setzt bei seiner Waschmaschine auf standfeste Teile, dass diese zugänglich und austauschbar sind. Statt speziell angefertigter Kunststoffelemente werden Standardteile verbaut.



Von Matthias Christler

Innsbruck – Wohin ist er verschwunden, der von Batterien angetriebene Hase, der läuft und läuft und läuft? Auch den Werbespruch („Verlässlichkeit für viele Jahre“) eines Waschmaschinen-Herstellers hört man immer seltener. Kein Wunder, die Lebensdauer von Elektrogeräten hat in den vergangenen Jahren durchgehend abgenommen. Die Produkte werden, sagen Experten, zum Teil absichtlich so gebaut. Das nennt sich geplante Obsoleszenz. Wiener Produktdesigner nehmen die alten Werbesprüche hingegen wörtlich und entwickeln eine 100-jährige Waschmaschine.

Das Team um Peter Knobloch hält die lange Lebensdauer für möglich, indem es nur Teile verbaut, die sich reparieren lassen oder leicht zu ersetzen sind. Im März 2019 soll die erste funktionsfähige Waschmaschine ihren Betrieb aufnehmen. Drei Versuchsaufbauten gibt es bereits. Die Trommel ist so groß wie bei anderen Geräten, ob sie jemals auf den Markt kommt, ist trotzdem offen. Als Kampfansage an die Verfechter der Wegwerfkultur will es Knobloch nicht verstehen. „Wir wollen einen Gegenpunkt darstellen und schauen, wie weit wir mit unserer Idee kommen“, sagt er.

Der Berliner Stefan Schridde ist seit Jahren ein Verfechter von nachhaltigem Produzieren. Projekte wie die 100-jährige Waschmaschine sieht er schon als Fingerzeig an die Industrie. „Jeder Hersteller sollte mindestens ein langlebiges Produkt in seiner oft riesigen Palette bereitstellen, das bewerben und den Rest regelt der Markt selbst“, prognostiziert er, dass solche Geräte Verkaufsrenner sein würden. Vor allem, weil sie gar nicht teuer sein müssten. Seine Rechnung: Würde man in jedes Großgerät wie eine Waschmaschine 20 Euro mehr in die Produktion hineinstecken, könnte man die Lebensdauer auf 30 Jahre verlängern. Eine andere Rechnung: „Jedes Konsumgut lässt sich auf die dreifache Haltbarkeit bauen und ist trotzdem noch leistbar.“

Mit der Kampagne „Murks? Nein Danke!“ widmet er sich seit Jahren der Recherche zur geplanten Obsoleszenz. Mitstreiter für die Sache gibt es immer mehr. Im vorigen Jahr hat die Liste Pilz eine Anzeige bei der EU-Komission eingebracht, weil sie auf Hinweise gestoßen sei, dass der niederländische Händlerverband Absprachen zur Lebensdauer von Waschmaschinen getroffen haben soll. Der Verdacht: Pro 100 Euro Kaufpreis erhält der Kunde bei seinem Gerät ein Jahr Lebensdauer.

In Frankreich laufen derzeit mehrere Verfahren zur geplanten Obsoleszenz, die dort mit bis zu zwei Jahren Haft oder bis zu fünf Prozent des Jahresumsatzes geahndet werden kann. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit Ende 2017 gegen den Drucker-Hersteller Epson. Dessen Modelle sollen Patronen, die noch Tinte enthalten, als leer anzeigen. Die französische Justiz geht außerdem einer Anzeige nach, weil der Verdacht besteht, dass bei iPhones nach einer gewissen Nutzungsdauer die Leistung gedrosselt wird. Apple bestreitet den kalkulierten Verschleiß, hat aber zugegeben, dass „zur Sicherheit“ die Software bei abgenutzten Akkus die Smartphones langsamer mache.

In einer Studie des deutschen Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2016 fanden die Forscher keine Beweise für absichtlich schlecht verbaute Teile. Jedoch würden Hersteller analysieren, wie lange ein Produkt technisch zeitgemäß ist und wann ein Kunde es austauschen möchte – anhand dieser Daten wird die Lebensdauer ausgelegt.

Diese Wegwerfmentalität kommt Verbraucherschützer Schridde zufolge mehr und mehr aus der Mode: „Viele merken, dass sie kein ,Montagsgerät‘ gekauft haben, sondern gezielt aufs falsche Gleis geführt werden. Eine zentrale Forderung von uns ist deshalb, dass die ausgelegte Lebensdauer eines Gerätes auf der Verpackung angegeben wird.“ Eine Art Haltbarkeitsdatum für Elektroprodukte empfiehlt genauso das Umweltbundesamt. Um dem Murks Einhalt zu gebieten, damit weniger Elektro­schrott und Plastik für den Müll produziert werden, gibt es einen weiteren Ansatz. Schridde schlägt eine Kennzeichnungspflicht für die Reparaturfähigkeit von Geräten vor: „Grün, wenn es der Kunde selbst machen kann. Gelb, wenn es eine Werkstatt kann, und Rot, wenn gar nichts geht“, erklärt er.

Der Aktionsplan Kreislaufwirtschaft der EU sieht ab 2020 Maßnahmen wie diese auch vor. Wie streng die endgültigen Regeln sein werden, darüber wird freilich noch diskutiert. Schneller sind handwerklich begabte Kunden, die selbst aktiv werden und zum Beispiel selbst fix in Smartphones verbaute Akkus eigenhändig tauschen. Die Anleitung und Ersatzteile holt man sich heutzutage aus dem Internet. Reparieren wird wieder in.

Das bestätigt Michaela Brötz, sie leitet das Repair Café des Tiroler Bildungsforums. Seit 2014 wurde bei 10.000 Reparaturen geholfen. 60 bis 65 Prozent der Probleme lösten Fachleute vor Ort, 10 bis 20 Prozent werden erfolgreich vermittelt, „aber bei 10 Prozent haben wir keine Chance. Da sind Teile verklebt oder die Schrauben lassen sich nicht lösen“, ärgert sich Brötz. Vor allem bei Kaffee-Vollautomaten erlebe man es im Repair Café oft, dass diese außen hochwertig wirken, innen aber aus billigem Plastik gefertigt seien.

Die Menschen, die das Repair Café besuchen, leisten ihren Teil im Kampf gegen den Konsumwahn. „Die Industrie zieht leider noch nicht mit. Ich warte darauf, dass eine große Firma endlich mit der Reparaturfreundlichkeit ihrer Geräte wirbt“, hofft Brötz auf ein Umdenken der Hersteller. Damit wieder Geräte gebaut werden, die für viele, viele Jahre laufen.