Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 09.08.2018


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Kontaktloses Zahlen: Mehr Technik statt Bargeld

Für viele Österreicher ist nur Bares Wahres. Doch kontaktloses Zahlen mit Karte oder Handy bringt diesen Glauben an den Kassen – besonders bei Jüngeren – zum Wanken.

© iStockphotoKontaktloses Zahlen mit Karte oder Handy bringt den Glauben, dass "nur Bares auch Wahres" ist, zum Wanken.



Von Philipp Schwartze

Innsbruck – Sparkassen-Kunden in Deutschland ziehen künftig wohl das Handy an den Supermarktkassen aus der Hosentasche. Die Bank ermöglicht ihren Kunden das kontaktlose Handyzahlen, vorrausgesetzt, das Smartphone enthält einen NFC-Chip (Near Field Communication).

In Österreich werden derzeit noch über 60 Prozent der Zahlungen mit Münzen oder Scheinen getätigt, doch NFC ist auf dem Vormarsch. „Es hat sich viel geändert. Vor allem die Jüngeren zahlen kontaktlos. Bei den unter 29-Jährigen sind es 75 Prozent“, sagt Stefan Augustin von der Oesterreichischen Nationalbank. Er geht davon aus, dass sich bargeldloses und Bargeld-Zahlen bald die Waage halten wird.

Im Handel ist die Stimmung gegenüber den neuen Zahlungsmethoden gemischt, bei kleineren Betrieben kritisch. „Je geringer der Umsatz, desto höher wirken sich die Kosten aus“, sagt Iris Thalbauer von der Wirtschaftskammer (WKO). Für Trafiken ist eine Kreditkarte überhaupt nicht akzeptabel, erklärt etwa Martin Wacker vom Tiroler Landesgremium der Trafikanten. „Selbst eine mit Kreditkarte bezahlte Vignette (87,30 Euro, Anm.) wäre für den Trafikanten u. a. durch die Transaktionskosten ein Draufzahler.“

Bei einer Bankomatkarte, deren Transaktionskosten niedriger sind, ist bei Beträgen ab 10 Euro zumindest noch ein Gewinn im Cent-Bereich der Fall. Deshalb wird das bargeldlose Zahlen mit Bankomatkarte in vielen Trafiken auch erst ab diesem Betrag akzeptiert. In kleineren Geschäften, wie etwa Konditoreien, kann man dagegen oft nur mit Bargeld zahlen. Zu hoch wären Geräte- und Transaktionskosten bei niedrigen Beträgen.

Mit Handyzahlungen könnte es in Österreich bald neue Konkurrenz für das Bargeld geben, 85 Prozent der heimischen Lebensmittelhändler unterstützen bereits das von einem Tiroler Unternehmen entworfene System „Blue Code“, welches das Zahlen per Handy ermöglicht. Bei Kunden ist es aber noch nicht sehr verbreitet. Eine heruntergeladene App wird dabei direkt mit dem Giro-Konto verknüpft, über einen Barcode auf dem Display wird das Geld dann an der Kasse vom Konto abgebucht. Die Kundendaten habe laut „Blue Code“-Geschäftsführer Christian Pirkner nur die Bank. „Wir haben nur eine ID.“

Zudem gehen Daten nicht – wie bei Kreditkarten – zu den sechs Regelwerken dieser Welt. Die größten von ihnen heißen Visa und MasterCard und gehören US-Konzernen, auch Japan und China haben jeweils ein System, Europa jedoch keines. „Dass die Zahlungsautorisierung in den USA abgeklärt wird, wenn ich in Tirol eine Semmel kaufe, ist nicht hinnehmbar“, meint Pirkner. Er will die Daten und Gebühren in Europa behalten.

Anders als die in Deutschland nun umgesetzte Zahlung über den NFC-Chip kann das „Blue Code“-System auch nicht von den Smartphone-Herstellern blockiert werden. Genau das tut Apple gerade im Fall der Sparkassen in Deutschland, denn der US-Konzern will sein eigenes System, Apple-Pay, verbreiten. „Der NFC-Chip lässt sich nur vom Hersteller ansteuern. Den Bildschirm für den Barcode aber können sie nicht verbieten“, erklärt Pirkner.

Dass Großkonzerne wie Apple und Amazon eigene, kontaktlose Bezahlsysteme einführen, ist für ihn ein Schritt, an die Daten der Kunden zu kommen. „Irgendwann wird Amazon Prime einem anbieten, direkt das zuzuschicken, was man im Supermarkt zuvor immer mit Amazon-Pay bezahlt hat.“

Beschwerden über das kontaktlose Zahlen mit Karte oder Handy hat es laut Arbeiterkammer (AK) Tirol und WKO kaum gegeben. Die „Horror­szenarien von abgesaugten Daten“ seien laut Thalbauer nicht eingetreten. Doch so kostenlos, wie das bargeldlose Zahlen wirkt, ist es nicht, wie AK-Tirol-Experte Helmuth Lichtmannegger erklärt. „Am Anfang sind neue Services oft günstig oder ohne Kosten. Wenn die sich etablieren, können dann Kosten oder angehobene Gebühren anfallen.“

Deshalb sei ein regelmäßiger Blick auf den Kontoauszug wichtig. Grundsätzlich zahlt man bei günstigeren Konten oft pro Abbuchung, bei Pauschalkonten eine höhere Grundgebühr, die aber alle oder zumindest eine gewisse Anzahl von Zahlungen per Karte oder Handy inkludiert.

Den Trend des unbaren Zahlens treibt die Technik immer weiter voran.