Letztes Update am Fr, 02.11.2018 08:25

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Apps

Der „Arzt“ in der Handtasche: Mit dem Handy verhüten

Die Pille war gestern. Heute verhütet das Handy. Das verspricht zumindest so manche App. Ob digitale Helfer rund um Frauengesundheit sinnvoll sind, analysieren zwei Mediziner.

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Von Judith Sam

Was haben rosa Blümchen, Herzen und rote Schmetterlinge mit der Gesundheit von Frauen zu tun? Diese blumigen Metaphern schmücken die Logos unzähliger Apps, die versprechen, das Wohlbefinden bequem vom Smartphone aus zu fördern.

Digitale Menstruationskalender dienen als eine Art Tagebuch, um von der Stimmungsschwankung bis zum Datum alles zu notieren. Femometer analysieren die Körpertemperatur, damit frau ohne den Einsatz von Hormonen verhüten kann. Beckenbodentrainer messen die Muskelkontraktionen und senden die Daten zur Verarbeitung an die zugehörige App, um Inkontinenz vorzubeugen.

Ein Schritt gegen Tabus

Klingt vielversprechend. „Nicht zuletzt, weil diese Apps zeigen, dass frühere Tabuthemen heute Teil des Alltags sind“, bezieht sich Angelika Bader, Allgemeinmedizinerin an der Innsbrucker Uniklinik, etwa auf Zyklus-Apps. Ihr falle auf, dass die Patientinnen im Frauengesundheitszentrum heutzutage vermehrt den Wunsch haben, Sexualität und Verhütung anzusprechen: „Insofern dienen diese Apps der Enttabuisierung. Fraglich ist allerdings, wie hilfreich sie im Alltag sind.“

Mit dieser Frage hat sich Urs-Vito Albrecht, stellvertretender Direktor der Medizinischen Informatik der Medizinischen Hochschule Hannover, beschäftigt: „Als einfaches Zyklustagebuch sind sie sicherlich zu gebrauchen. Bei weitergehenden Funktionen, insbesonders wenn es um Verhütung geht, sollten die Anwenderinnen jedoch Vorsicht walten lassen.“

Welche Frau habe schon einen regelmäßigen und damit vorhersagbaren Zyklus? Wohl keine. „Bei Stress, Essproblemen oder als Medikamenten-Nebenwirkung kann sich der weibliche Rhythmus vollkommen verschieben“, weiß Bader. Die App, die das miteinbezieht, muss wohl erst programmiert werden.

Damit nicht genug: „Patientinnen, die besagten Beckenbodentrainer gegen Inkontinenz gut gebrauchen könnten, sind meist nicht so technikaffin. Zum anderen sind die kleinen Geräte, die zur Messung der Muskelbewegungen wie Tampons eingeführt werden, teils schmerzhaft, weil sich die Vagina im Laufe des Alters verkleinert.“

Hilfreiche Blutdruck-Apps

Anderer smarter Software kann die Allgemeinärztin jedoch durchaus etwas abgewinnen: „Gegen Blasenschwäche hilft auch Beckenbodentraining. Apps, die Frauen erinnern, die Übungen regelmäßig zu absolvieren, finde ich sinnvoll.“ Viele ihrer Patientinnen würden auch von Blutdruckmess-Apps profitieren: „Diabetikerinnen speichern darin ihre Zucker- und Blutdruckwerte und können die dann in Form übersichtlicher Tabellen dem Arzt zeigen.“

Um herauszufinden, ob Gesundheits-Apps seriös sind, rät Albrecht, darauf zu achten, ob angegeben wird, dass die Anwendung Einschränkungen unterliegt oder Risiken bestehen: „Bei der Einschätzung helfen auch Angaben zur Aktualität der App, der beteiligten Experten und deren Qualifikationen und vorliegende Studien.“

Ebenso sei Datenschutz ein Thema: „Besonders im Kontext von Zyklus-Apps wird dieser Aspekt oft genannt. Hier geben Frauen ja nicht nur Zyklusdaten an, sondern auch solche zu Intimkontakten, Stimmungslage und sonstigen gesundheitlichen Fragen.“

Zu guter Letzt sei der Preis informativ: „Eine hochwertige App herzustellen, ist zum Teil mit hohen Kosten verbunden. Wird sie kostenfrei angeboten, muss der Aufwand aus anderer Quelle finanziert werden. Das kann eventuell bedeuten, dass die gebotene Leistung mit den eigenen Daten erkauft wird.“ Näheres dazu muss die Datenschutzerklärung der App erläutern, die auf jeden Fall gelesen werden sollte. Ein „Gütesiegel“ sei heutzutage nämlich schnell vergeben.