Letztes Update am So, 18.11.2018 07:16

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Heugabeln haben ausgedient: Digitale Technik am Bauernhof

Unter den Schlagworten „Landwirtschaft 4.0“ und „Smart Farming“ wird diskutiert, wie die Zukunft am Bauernhof aussieht. So viel steht fest: Die digitale Technik hält längst Einzug in Stall und Acker.

© Getty ImagesDer Bauer 4.0 schaut auf sein Tablet, um zu erfahren, wie
es seinen
Kühen geht.



Von Evelin Stark

Der Sender am Ohr von Kuh Rosi sagt dem Bauern, ob es ihr gut geht. Gleichzeitig jätet Roboter Robi den Acker und Drohne Dori bekämpft den Maiszünsler, indem sie Schlüpfwespenlarven über das Feld verteilt. Und der Bauer? Der steuert alles gemütlich von seinem Tablet aus und kann sich getrost anderen Aufgaben widmen.

So oder so ähnlich sieht sie aus, die Zukunft am Bauernhof. Ein Spaziergang durch die Hallen der Agro Alpin Messe, die letztes Wochenende in Innsbruck stattgefunden hat, führte den interessierten Besucher in diese Welt des „Smart Farming“. Drohnen, digitale Ohrmarken, GPS-Traktoren und Roboter konnten hier bewundert werden und dem Tiroler Bauern die Idee einer digitalen Bewirtschaftung seines Hofes schmackhaft machen.

Sprechende Felder

Die „Landwirtschaft 4.0“ mag zwar auf den ersten Blick fremd wirken und überfordern, sie wird aber schlussendlich Erleichterung und Arbeitsersparnis bringen: „Die digitale Landwirtschaft bringt viel Nutzen mit sich, auch für den Kleinbauern“, sagt Konrad Steiner. Er selbst ist Nebenerwerbsbauer im salzburgischen Berndorf und Lehrer an der HBLA Ursprung.

Nicht nur das: Der Ingenieur begleitet Projekte zur digitalen Landwirtschaft wie dieses: „Die Brauerei Stiegl hat gemeinsam mit 71 Bauern das Projekt ,Boden gut. Bier gut‘ ins Leben gerufen. Es geht dabei um eine großangelegte Qualitätskontrolle des Bodens.“ Insgesamt seien über GPS vermessene Einstichpunkte 11.000 Bodenproben entnommen worden. In Folge könnten die Landwirte bodenzonenspezifisch und klimaschonender agieren.

Wir können ganz ohne Chemie innerhalb weniger Minuten einen Hektar Acker bearbeiten.“
Raphael Url, Copter Log Services

Aber nun zurück zum Tiroler Kleinbauern. Auch für ihn, so Steiner, könne das „Smart Farming“ zu einer Ertrags- und Qualitätssteigerung führen. „Die ,Texting Cows‘ sind zum Beispiel klar im Kommen. Die Kühe bekommen eine Ohrmarke, die all ihre Aktivitäten festhält“, sagt der Experte.

„Dadurch können Frühwarnsys­teme entwickelt werden.“ Die oberösterreichische Firma Smartbow sei einer der Vorreiter auf diesem Gebiet. „Unsere Ohrmarke macht Lokalisierung, Brunsterkennung und Gesundheitsmanagement in einem. Der Bauer sieht sofort, wenn sich das Wiederkäuverhalten seiner Kuh verändert“, erklärt Thomas Kimberger von Smartbow. Dies hat wiederum viele Vorteile für den Bauern. Ist die Kuh nämlich krank oder verträgt das Futter nicht, zeigt sich das sofort in ihrem Verhalten. Der Sender am Ohrläppchen schickt alsbald einen Alarm aus. Der Bauer kann damit viel schneller auf Veränderungen und Krankheitsbilder reagieren.

„Gleichzeitig kann damit auch der Ertrag gesteigert werden. Nicht zu vergessen das Tierwohl, das immer wichtiger wird, auch für den Konsumenten“, weiß Steiner. „Der Kunde will immer genauer wissen, woher sein Produkt genau kommt und ob es den Tieren gut geht.“ Wie eine Art Facebook für Kühe könnten sich Kunden in Zukunft auf diese Art selbst vom „Status“ der Milchspender überzeugen. Dies müsse allerdings ohne großen Mehraufwand automatisch gehen, und das wäre mit der digitalen Technik möglich.

Roboter vs. Mensch

Komplett ersetzen kann das „Smart Farming“ den Menschen in der Landwirtschaft jedoch nicht. Er kümmert sich nach wie vor um sein Vieh und bestellt seine Felder. Vieles macht der Bauer aber von seiner Zentrale, dem Computer, aus. Und die hochmodernen „Mitarbeiter“ folgen ihm.

Gehen wir aus dem Stall hinaus und raus aufs Feld, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten. Beim Einsatz der modernen Technik beim Traktor etwa – zum Beispiel durch den Einsatz von Lenkautomaten mit „Real Time Kinematic GPS“ – hat man mittlerweile eine hohe Präzision erreicht.

Aber auch kleinere Einsatzgeräte wie GPS-gesteuerte Hackroboter sind hilfreich: „Der Roboter Naio kann Tag und Nacht arbeiten. Er kann zum Beispiel zwischen den Pflanzen durchgehen und die Kartoffelkäfer einsammeln. Das erspart dem Bauern viel Arbeit und erlaubt es ihm, den Einsatz synthetischer Mittel zu umgehen“, sagt Veronika Staffler vom Innsbrucker „Unser Lagerhaus“. Durch die GPS-Daten, die vom Bauern im Roboter gespeichert würden, könne Naio kontinuierlich dieselben Reihen eines Feldes jäten, sauberhalten und gleichzeitig – wenn nötig – schwere Geräte und Material transportieren.

Noch kleiner und abgehobener als der jätende Roboter am Feld ist die brummende Drohne in der Luft. Die unbemannten Flugobjekte lassen alle paar Meter weiße Kugeln zu Boden fallen. In den Bällen befinden sich Schlupfwespen, die den Maiszünsler, den größten Feind der Maispflanze, bekämpfen. „Der Mais ist ab einer bestimmten Höhe nicht mehr befahrbar. Wir können ganz ohne den Einsatz von Chemie innerhalb weniger Minuten einen Hektar Acker bearbeiten“, sagt Raphael Urf von „Copter Log Services“ in Klagenfurt. Seine Firma hat sich darauf spezialisiert, ihre Drohnen als Serviceleistung für Landwirte anzubieten: Man mietet sich Drohne inklusive ihrem Pilot und hat innerhalb von drei Wochen die Schädlinge los.

Für unseren Tiroler Bauern gibt es noch ein digitales „Spielzeug“, das in der Zukunft hilfreich sein könnte: den Apfelpflückroboter. „Der Roboter erkennt die Reife der Äpfel, saugt sie vom Baum und legt sie sanft ab“, weiß Konrad Steiner. Die kalifornische Firma Abundant arbeitet seit kurzer Zeit an einem System mit zehn Armen, das genauso schnell pflücken kann wie zehn Menschen. „Damit können in Zukunft Arbeitsplätze reduziert werden“, so Steiner.

Insgesamt sei es nur eine Frage der Zeit, so der Experte, bis die Landwirtschaft „smarter“ werde: „Der Start für innovative Systeme wird immer holprig sein, weil die Kosten am Anfang sehr hoch sind.“ Vor wenigen Jahren habe allerdings auch noch niemand damit gerechnet, dass sich heute fast jeder ein Smartphone leisten und besitzen könne.

Digitale Technik am Bauernhof

Die Drohne, der Pflanzenschützer

1.

Die Drohne kann in der Landwirtschaft viele Funktionen erfüllen. So bringt sie zum Beispiel Trichogramma-Schlupfwespen (Bild oben) aus, die den Maiszünsler vernichten. Auch synthetische Pflanzenschutzmittel können sparsam verteilt werden. Das Mittel wird vom Piloten vor dem Flug in die Drohne geleert (Bild links).
Drohnen können aber auch durch spezielle Sensorsysteme an der Drohne Daten aufzeichnen, die für das menschliche Auge gänzlich unsichtbar sind. In der Analyse dieser Daten wird der Gesundheitszustand der Pflanzen visualisiert. So werden Störfaktoren erkannt, noch bevor das erste Blatt welkt.

GPS statt Lenkrad am Acker

2.

GPS-Bodenprobenentnahme mittels Quad, ein Roboter, der Tag und Nacht jätet, und ein ferngesteuerter Traktor: Die Digitalisierung macht nicht Halt vor dem Acker und hilft dem Bauern auch hier beim Qualitätsmanagement. Während der Bodenprobenquad (Bild oben) sich mittels GPS genau merkt, an welchen Stellen er die Proben entnommen hat, weiß der kleine Roboter Naio (unten links) genau, welchen Weg er durchfahren muss, um den Acker zu jäten. Der smarte Traktor (unten rechts) kommt wiederum ohne Lenker aus, denn er weiß ganz gut selbst, welche Spur er nehmen muss.

Ohrmarke als Wunder der Technik

3.

Dass Kühe Social-Media-Experten sind, ist neu. Tatsächlich sind sie mit Ohrmarken wie „Smartbow“ rund um die Uhr online zu finden – von ihrem Landwirt natürlich. Der kann seine Lieblinge damit jederzeit orten und sichergehen, dass es ihnen gut geht. Und er kann feststellen, wann ihre Brunstzeit ist und ihre Milchproduktion optimieren. 120 Betriebe in Österreich nutzen bereits Smartbow – Tendenz steigend.