Letztes Update am Fr, 30.11.2018 10:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Wenn der Autor ein Roboter ist: Stefan Weber im Interview

Ob Hotelbewertung oder Zeitungsartikel: Der Unterschied zwischen von Menschen und von Software verfassten Texten ist nicht mehr erkennbar, wie ein neues Buch informiert.

© iStockphotoWer schreibt, Mensch oder Maschine? Immer mehr Texte werden automatisch generiert.



Könnte es sein, dass Ihnen diese Fragen hier gar kein Menschen stellt, sondern dass sie von einem Schreibroboter kommen?

Stefan Weber: Ausgeschlossen. Es gibt zwar tatsächlich schon Software, die Aussagesätze in Fragen umwandeln kann. Aber der kreative Akt des Fragens zu einem Thema, der bleibt bis auf Weiteres Menschen vorbehalten.

Glauben Sie, werden Roboterjournalisten irgendwann einmal in der Lage sein Interviews zu führen?

Weber: Ebenso klar: Ja. Alle Prognosen deuten darauf hin, dass sogenannte „starke künstliche Intelligenz“, die menschenähnlich sein wird, kommen wird. Nur an der Frage, wann dies sein wird, scheiden sich die Geister.

Im Journalismus wird seit 2014 mit automatisch generierten Texten experimentiert, Fußballspiele lassen zum Beispiel ganz hervorragend von Maschinen zusammenfassen. Wie sieht die Online-Zeitung der Zukunft Ihrer Meinung nach aus?

Weber: 2016 erschien erstmals ein britisches Magazin mit einer komplett vom Computer erzeugten Ausgabe. Ich bin mir sicher, dass automatisch generierte Online-Zeitungen kommen werden. Nutzerverhalten wird automatisch ausgewertet werden und Algorithmen werden bestimmen, was wie groß „gespielt“ wird. Die Individualisierung wird voranschreiten: Mit sogenannten mandantenfähigen Lösungen, bei denen jeder mit eigenem Benutzerprofil auf ein Webangebot zugreifen kann, wird auch jeder seine eigene Tiroler Tageszeitung online lesen können. Aber auch Sensorstorys und virtuelle Realität werden den Journalismus verändern: Sensorstorys sind Reportagen über an sich belanglose Daten, die gemessen werden: etwa, wie viel eine Kuh täglich frisst und wie viel Milch sie abgibt. Eine solche Sensorstory über Kühe war in Deutschland sehr erfolgreich. Virtuelle Realität meint vor allem 360-Grad-Videos, aber auch 3D-Effekte mittels eigener Brille. Das war 20 Jahre eher im Dornröschenschlaf und ist nun wieder da.

Auch die APA testet derzeit Roboterjournalismus-Software, die Stuttgarter Zeitung stellt bereits automatisch generierte Texte über z.B. die aktuelle Luftschadstoffbelastung online. Diese Artikel werden mit dem Kürzel „ax“ für das Unternehmen AX Semantics, das die Software herstellt, gekennzeichnet. Reicht das aus?

Stefan Weber hat 2005 an der Universität Wien in Medien- und Kommunikationswissenschaften habilitiert, seit 2002 befasst er sich mit Plagiatsprüfungen. Zuletzt ist ein Buch über Roboterjournalismus (Heise) erschienen.
- Anne Kaiser

Weber: Eine aktuelle Studie besagt, dass die Kennzeichnung zu Beginn des Textes stehen muss, um wahrgenommen zu werden. Ich denke, dass alle Leser ein Recht darauf haben, immer zu erfahren, ob ein Mensch oder ein Computer zu ihnen „spricht“. Das wird auch Urheberrechte national wie weltweit verändern müssen. Gegenwärtige Urheberrechte kennen nur geistige Schöpfungen von Menschen.

Haben sie eine Erklärung dafür, warum Leser automatisch generierte Texte als zumindest ebenso glaubhaft empfinden wie jene, die von Menschen verfasst wurden? Und warum ist eigentlich kein Unterschied erkennbar?

Weber: Weil das bislang nur mit datenlastigen und somit sehr objektiv verfassten Texten wie Fußball-, Börsen- oder Wetterberichten getestet wurde. Und da ist die Software tatsächlich schon gleichauf, wenn nicht überlegen. Mehr geht ja im Moment im Journalismus noch nicht. Bei einem Chatbot hingegen sollten Sie sofort den Unterschied merken!

Wie würden Sie einem unkundigen Menschen erklären, was ein Bot ist?

Weber: Ein Computerprogramm, das eine Aufgabe automatisch und autonom verrichtet. „Gutartige“ Bots, also Chatbots, werden den Kundendialog in Telefon-Hotlines und online zunehmend übernehmen und sind ja bereits zuhauf etwa im Facebook Messenger zu finden. „Bösartige“ Bots, also Social Bots, versuchen, in sozialen Medien künstliche Mehrheiten zu erzeugen und Meinungen zu beeinflussen. Derzeit wird in Deutschland wieder über eine Kennzeichnungspflicht für böse Bots diskutiert.

Internetnutzer wissen oft nicht – wenn sie online etwa Anfragen an Unternehmen stellen – ob Sie mit einem Bot kommunizieren. Wann muss denn damit gerechnet werden, dass ein Bot das Gegenüber ist?

Und wie können Bots erkannt werden? Software wie Botometer ist wie Sie ausführen nicht besonders zuverlässig …

Weber: Stellen Sie einfach eine Detailfrage! Immer mehr Webseiten geschäftstüchtiger Unternehmen setzen Chatfenster ein. Natürlich sitzt da nicht immer 24 Stunden am Tag eine reale Person, außer vielleicht bei größeren Hotels. Das wird zunehmend automatisiert werden, muss aber eben dann auch gekennzeichnet werden. Der ganze Bereich der Rechtsberatung im Internet verläuft ja bereits so: Sie erzählen einem Bot etwas von dem Bescheid, gegen den sie sich juristisch zur Wehr setzen möchten.

Sogenannte Meinungsbots haben im US-Wahlkampf und zuletzt auch bei den Wahlen in Brasilien für Negativschlagzeilen bis hin zu Verschwörungstheorien gesorgt. Sind Sie denn tatsächlich eine Bedrohung für unsere demokratische Gesellschaft?

Weber: Die Studien darüber gehen auseinander. Amerikanische und britische Erhebungen sagen tendenziell ja, deutschsprachige Studien haben das relativiert. Aber wenn man sich nur die Achse Donald Trump und Cambridge Analytica anschaut – das ist jenes mittlerweile insolvente fragwürdige Unternehmen, das weltweit Wahlen mittels individueller Nachrichten beeinflusst hat –, ist es schon unfassbar, wie hier Facebook offenbar gezielt für die Manipulation tausender unentschlossener Wähler eingesetzt wurde. Wenn Wahlsiege nur noch eine Frage des finanziellen Investments sind und politische Kampagnen im Bereich der „Dark Posts“ betrieben werden, hebelt das unsere herkömmliche Vorstellung von Demokratie aus. Anm.: „Dark Posts“ (unveröffentlichte Seitenbeiträge) war jene von Facebook mittlerweile deaktivierte Funktion, mit der man Nachrichten an Menschen schicken konnte, die nur diese in ihren Facebook-Nachrichten (dem Newsfeed) lesen konnten.

Am Beginn Ihres Buches stand das Problem von automatisch generierten Hotelbeschreibungen auf Google. Ein Hotelier hatte erfolglos versucht, sich gegen unwahre Angaben zu wehren. Warum reagiert Google nicht auf solche Meldungen?

Weber: Ganz ehrlich: Das ist eines der zentralen Probleme der gegenwärtigen Medienlandschaft. Google hat so eine Bedeutung erlangt, dass die Kommunikation mit Einzelakteuren für das Unternehmen irrelevant geworden ist. Google reagiert doch nicht einmal mehr auf Anfragen von Staaten oder staatsnahen Behörden. Mir ist völlig unverständlich, warum sich das alle Unternehmer einfach so gefallen lassen: dass Google einem Hotel „schlichte und einfache Zimmer“ unterstellt, und der Hotelier hat vor kurzem hunderttausende Euro in deren Renovierung gesteckt.

Warum glauben Sie ist es generell so schwierig mit dem US-Tech-Giganten in Kontakt zu treten? Auch Ihre Anfragen wurden nicht beantwortet – nicht einmal von einem Bot.

Weber: Im Jahr 2016 wollte eine Institution des Deutschen Bundestags die „Big Five“ zum Thema Social Bots an einen Tisch holen. Niemand hat geantwortet! Es ist ein ernstes Problem, dass hier einzelne, aber auch staatsnahe Einrichtungen keine Chancen mehr haben. Manfred Spitzer hat einmal gesagt: Im Wesentlichen bestimmen fünf amerikanische Konzerne – nämlich Google (also Alphabet), Facebook, Apple, Microsoft und Amazon –, wie unsere Medienzukunft aussehen wird. Dem ist nichts hinzuzufügen. Man kann die auch nicht stoppen, das ist einfach die Entwicklung des digitalen Kapitalismus.

Die Big Five lassen über ihre Pläne kaum etwas verlauten. Sind automatisch generierte Texte Ihrer Meinung nach für solche Unternehmen ein wichtiger Zukunftsmarkt?

Weber: Ich würde sagen: Alles, worüber sie nichts sagen wollen, ist wichtig. Google Brain, das ist Googles Abteilung für Künstliche Intelligenz, forscht ja zu genau diesem Thema. Natürlich werden wir Google bald eine Frage stellen können, und die „Suchmaschine“ wird uns eine automatisch generierte Antwort geben. Was sonst? Die Trefferliste wird bald Geschichte sein.

Man darf davon ausgehen, dass Journalisten gerne schreiben, das heißt, sie werden sich Ihre Jobs nicht so leicht wegnehmen lassen. Wie sieht es mit Studenten aus, die sich mit ihren wissenschaftlichen Arbeiten schwer tun. Werden Sie in Zukunft von Plagiatsforschung auf künstlich-generierte-Textforschung umsatteln?

Weber: Das Thema Wandel der Text- und Wissenskultur durch die Digitalisierung ist irgendwie meine Lebensbeschäftigung geworden. Dazu gehört das Phänomen des Plagiats genauso wie das des Automated Content. Und warten wir mal ab, ob wir es noch erleben werden, dass uns Frisörroboter die Haare schneiden. Oder dass eben Software eine Doktorarbeit schreiben kann, wie dies der amerikanische Pionier der automatischen Texterzeugung, Philip Parker, prognostiziert. Die brennende Frage ist doch: Was ist dann Bildung? In meinem Buch gebe ich eine lapidare Antwort: Bildung ist dann, dass wir programmieren lernen. Aber was, wenn sich die Software auch noch selbst programmieren kann?

Das Interview führte Silvana Resch