Letztes Update am Di, 19.02.2019 11:51

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Ganz Österreich geht offline – und dann?

In Tonga fiel zwei Wochen das Internet aus. Auch bei uns gab es schon kürzere Offline-Phasen. Keine Online-Bestellungen, kein Instagram, kein WhatsApp. Für viele ist das schlimm genug, doch das alltägliche Leben würde in Österreich bei einem landesweiten Ausfall der Datenverbindungen nicht zusammenbrechen. Der Bürger verliert Komfort und gewinnt Ruhe.

Keine Online-Bestellungen, kein Instagram, kein WhatsApp. Für viele ist das schlimm genug, doch das alltägliche Leben würde in Österreich bei einem landesweiten Ausfall der Datenverbindungen nicht zusammenbrechen.

© iStockKeine Online-Bestellungen, kein Instagram, kein WhatsApp. Für viele ist das schlimm genug, doch das alltägliche Leben würde in Österreich bei einem landesweiten Ausfall der Datenverbindungen nicht zusammenbrechen.



Von Matthias Christler

Keine Panik, ja, es ist schlimm, dass sich die Shopping-Seite nicht mehr aufrufen lässt. Die neuen Schuhe in drei verschiedenen Größen zum Anprobieren müssen warten. Keine Panik, auch wenn die WhatsApp-Gruppe, in der Freunde ausmachen, wann man sich am Abend trifft, verstummt ist. Und keine Panik, weil die Beschwerde-E-Mail an Netflix, das seit Stunden keine Serien mehr zeigt, immer wieder als Fehlermeldung retourgeschickt wird.

Noch einmal: K-E-I-N-E P-A-N-I-K, es sind keine lebenswichtigen Funktionen betroffen. Wie genau würde sich das Leben in Österreich verändern, verschlechtern oder verbessern?

Zuerst die schlechte Nachricht: „Die Kriminalität würde steigen“, sagt Ben Pichler. Der 30-Jährige leitet das Forum der „Austrian Prepper“, wo sich Personen austauschen, die auf Krisenszenarien vorbereitet sein wollen. Auch über Internet-Ausfälle unterhält man sich. „Viele Alarmanlagen sind ans Internet angeschlossen. Wenn die nicht mehr funktionieren, gibt es mehr Einbrüche“, meint Pichler. Er glaubt sogar, dass vieles aus dem alltäglichen Lebens zum Erliegen käme.

Stimmt das wirklich? Um diese Frage beantworten zu können, lohnt sich ein Blick auf das Südsee-Königreich Tonga. Die knapp mehr als 100.000 Einwohner, die auf einigen Inseln des Archipels leben, mussten vor Kurzem zwei Wochen ohne Zugang zum Internet auskommen. Ein Unterwasser-Glasfaserkabel war gerissen. „Wir hatten zwei ruhige Wochen“, sagte ein Regierungssprecher. Die Handelskammer hingegen sprach von wirtschaftlichen Einbußen im Tourismus und im Bankenwesen.

Nicht nur in der Südsee kann so etwas jederzeit passieren. Hunderte Unterwasserkabel in allen Meeren der Welt halten das Internet am Laufen. In Tonga dürfte ein Schiff versehentlich die einzige Verbindung zu den Inseln gekappt haben. Es gab allerdings bereits gezielte Attacken. In Ägypten wurden 2013 drei Taucher verhaftet, weil sie ein für Südostasien, den Nahen Osten und das Mittelmeer wichtiges Kabel sabotiert hatten. 60 Prozent der Internetverbindung des Landes waren damals betroffen.

Ausfälle im kleineren Rahmen sind in Österreich bereits passiert. Vor genau drei Jahren war A1 Telekom Austria von einer massiven Cyberattacke betroffen, bei der die Infrastruktur gezielt mit massenhaft Anfragen überlastet wurde. Zweieinhalb Tage lang kam es aufgrund der Attacken wiederholt zu Ausfällen, die im Bereich von einer halben Stunde lagen, und Verzögerungen beim Laden komplexerer Webseiten. Krisenfälle wie diese oder auch massive Stromausfälle werden deshalb zyklisch, in der Regel zweimal pro Jahr, geprobt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass wie in Tonga das Netz in Österreich wochenlang nicht erreichbar ist, gilt unter Experten als sehr gering. Dienstleister und Unternehmen – von Banken bis Krankenhäuser – versuchen sich trotzdem auf so ein Szenario vorzubereiten. Bei den Tirol Kliniken zum Beispiel hängen die wichtige Datenverbindungen an einem internen Netzwerk, dasselbe gilt zum Beispiel bei Banken, der Autobahngesellschaft Asfinag oder den IKB. Die Kranken werden demnach weiter versorgt, die Banken geben nach wie vor Bargeld aus, der Verkehr kommt nicht zum Erliegen und auch der Strom fließt weiter. Das sind die guten Nachrichten.

Johann Rädler vom Zivilschutzverband gibt den Tipp, sich genauso im privaten Bereich auf die Krise einzustellen: „Wichtig ist es, Daten nicht nur in der Cloud zu speichern, sondern diese regelmäßig lokal am Rechner zu sichern.“ Auch sollten wichtige Dokumente und Telefonnummern immer analog gelagert werden – wie früher. Ben Pichler meint: „Man muss nur zurückdenken, wie das war in den 80er-Jahren. Die jüngere Generation wird sich sicher etwas schwerer tun, aber die Älteren kennen die Zeit ja noch.“ Die Menschen gehen ins Geschäft Schuhe kaufen, machen einen fixen Zeit- und Treffpunkt für den Abend aus und schauen um 20.15 Uhr die Lieblingsserie. Klingt eigentlich gar nicht schlecht, das Leben ohne Internet. Also, keine Panik.

Bares ist Wahres

Bei einem Internet-Ausfall würde das Bargeld ein Comeback erleben. Christian Gutlederer von der Nationalbank erklärt: „Die Banken sind durch ein eigenes Netzwerk verbunden. Ein- und Auszahlungen sind am Schalter möglich.“ Das bestätigt Andreas Glätzle von der Sparkasse. Das Betriebsnetz sei nicht aufs Internet angewiesen und alle wesentlichen Bankfunktionen stünden zur Verfügung. „Der Arbeitsalltag in den Filialen wäre aber spürbar beeinträchtigt, da z. B. Mails nicht ankommen und durch den Ausfall des Internetbankings der Andrang in den Filialen verstärkt wäre.“ Und Geldautomaten? Jene bei den Banken würden auf jeden Fall Geld ausspucken. Auch Bankomat-Geräte bei Kassen sind laut einem Hersteller nicht unbedingt auf die Datenverbindung angewiesen. Nicht funktionieren würden kleine mobile Geräte, bei denen die Zahlung über das Mobilfunknetz abgewickelt wird.

Klinik vernetzt sich selbst – oder faxt

Satellitentelefone, interne Netzwerke und das gute alte Faxgerät. Im Falle eines Internet-Ausfalles würde man sich bei den Tirol Kliniken zu helfen wissen. „Es würde einen gewissen Komfortverlust geben, aber die wichtigen Netzwerke funktionieren alle mit internen Systemen“, erklärt Johannes Schwamberger, Sprecher der Tirol Kliniken Würde das Mobilfunknetz zusammenbrechen, hätte man Satellitentelefone. Innerhalb der Kliniken könnte man sich weiterhin Mails schicken, nur nicht nach außen für Bestellungen zum Beispiel. Die Anbindung an Eurotransplant, die Vermittlungsstelle für Organspenden, läuft derzeit über das Internet. „Das würde bei einem Ausfall auf Fax umgestellt werden“, sagt Schwamberger. „Das macht es komplizierter, aber es läuft.“

Kaum Buchungen, hilflose Gäste

Als „nicht mehr wegzudenken“ bezeichnet Peter Trost von der Wirtschaftskammer das Internet im Tourismus. Im vergangenen Winter buchten 73 Prozent der Gäste ihren Tirol-Urlaub per Mail oder im Internet. „Und es ist unverzichtbar für den gesamten Bereich des Marketings, für das Bestell- und Warenwesen und für die Information bei Wetter, Anfahrtsrouten und Angeboten vor Ort“, meint Trost. Manche Gäste würden sich ohne WLAN im Urlaubsort nicht mehr zurechtfinden.

Freie Fahrt

Das Verkehrschaos würde sich ohne Internet in Grenzen halten. Die Autobahngesellschaft Asfinag betreibt ein eigenes Datenleitungsnetzwerk. „Von der Tunnelsteuerung über die Mautstellen bis zur IT in unserem Büro würde alles funktionieren“, sagt Asfinag-Geschäftsführer Stefan Siegele. Nur Serviceleistungen wie Verkehrsinfos oder der Online-Vignettenverkauf wären betroffen. Die ÖBB fühlen sich ebenfalls gerüstet. Man würde mehrmals pro Jahr Krisenszenarien, auch Vorfälle wie einen Internet-Ausfall, simulieren.

Einkaufen geht immer

Ein Einkaufsleben ohne Internet können sich viele gar nicht mehr vorstellen. Zumindest die Waren für das tägliche Leben erhält man aber weiterhin auch offline. „Wir hätten nur geringe Einschränkungen bei unseren Basisfunktionen wie den Kassen, der Lagerwirtschaft und Logistik sowie unserer Verwaltung“, sagt Julia Haslwanter vom MPreis-Marketing. Man habe für Krisen wie einen Internet-Ausfall im Unternehmen ein „sehr gutes Backup-System“.

Handy und Strom

Telekommunikationsunternehmen bereiten sich auf Cyberattacken oder Stromausfälle vor, bei denen nicht nur Internet und E-Mail lahmgelegt wären. Laut Auskunft eines Experten sind die Sendeanlagen mit Notstrombatterien ausgestattet. „Aber in der Regel ist der Mobilfunk, also das Telefonieren mit Handy, nach maximal einer Stunde nicht mehr möglich.“

Bei den Innsbrucker Kommunalbetrieben ist man auf Internet-Ausfälle vorbereitet. „Die IKB betreibt ihre Systeme in eigenen Hochleistungs-Rechenzentren, die mit dem IKB-eigenen Glasfasernetz verbunden sind. Alle Prozesse und Kundendaten sind in den Rechenzentren gespeichert und laufen unabhängig von einem Internetausfall weiter“, sagt Thomas Stotter, IKB-Geschäftsbereichsleiter Telekommunikation. Strom und Wasser fließen demnach ohne Probleme weiter.