Letztes Update am Fr, 08.03.2019 09:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Mit dem Smartphone zum Forscher werden

Forschungsfragen definieren, Daten sammeln, Fotos zuordnen: In vielen Forschungsbereichen ist Mithilfe aus der Bevölkerung sehr gefragt.

Was ist das für eine Pflanze? Mit einem Smartphone ausgestattet können Laien ihr Wissen mit Forschern teilen.

© iStockWas ist das für eine Pflanze? Mit einem Smartphone ausgestattet können Laien ihr Wissen mit Forschern teilen.



Von Theresa Mair

Sie bringen beim Projekt „Reden Sie mit!“ ihre Fragen zu Unfallverletzungen ein und geben der Wissenschaft Anstöße zur Forschung. Tiroler Jugendliche erforschen in „Gesichter der Migration“ mit ihrer Familie und ihrem Umfeld die eigene Migrationsgeschichte und helfen Forschern damit, das Wissen und das Bewusstsein für Mobilität in der Gesellschaft zu ergründen. Frischluft-Fetischisten leisten einen Beitrag zum Klimaschutz und verdienen sogar noch Geld, wenn sie an „FotoQuest Go“ teilnehmen. In Form einer Art Online-Spiel navigiert eine App die Teilnehmer an Orte, von denen Landschaftsdaten fehlen. Sie machen entsprechende Fotos und beantworten Fragen. Und, und, und ...

Themen quer Beet

Insgesamt findet man auf der Online-Plattform „Österreich forscht“ – www.citizen-science.at – gerade mehr als 60 Projekte, an denen interessierte Laien zur Mitarbeit aufgerufen werden. Die Themenbereiche ziehen sich quer durch die Wissenschaft, von Politik und Geschichte über Ernährung, Wetter- und Naturbeobachtung bis hin zu Medien, Wirtschaft und Verkehr ist für jeden etwas dabei.

Freilich, neu ist es nicht, dass sich Hobby-Forscher in den Wissenschaftsbetrieb einbringen können. Doch es war noch nie so einfach wie heute. Bereits vor hundert Jahren hat z. B. die ZAMG die Bevölkerung um Mithilfe bei der Wetterbeobachtung aufgerufen. Doch während man damals noch aufwändig Papierformulare ausfüllen und zur Post bringen musste, reicht es heutzutage, wenn man das Smartphone zückt.

„Der Begriff ‚Citizen Science‘ wurde 1995 von zwei Personen, einer in Dänemark, einer in den USA, geprägt. Die Methode an sich, dass Amateure mitforschen können, gibt es schon lange“, sagt Florian Heigl. Noch als Zoologie-Student an der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien hat er sich 2014 mit seinem Kollegen Daniel Dörler zusammengetan. In ihrer Freizeit begannen die beiden, die Plattform „Österreich forscht“ zu entwickeln. „Die erste Idee war, eine Seite für die Bevölkerung zu schaffen, auf der man alle Projekte, bei denen man sich einbringen kann, gleich findet. Denn bis dahin waren diese oft schwer zu finden. Wir haben eine Art Fenster geschaffen“, erklärt Dörler.

Mittlerweile sind auf der Plattform 36 Institutionen vernetzt. Universitäten, Fachhochschulen, außeruniversitäre Einrichtungen wie die ZAMG oder AGES sowie NGOs wie Birdlife sind dabei. Die Koordination hat die Boku, welche die Plattform seit 2016 unterstützt, übernommen. Seit zwei Monaten sind Heigl und Dörler dafür fix an der Uni angestellt.

„Die ersten Projekte auf der Plattform waren von der Uni. Wir haben einfach Personen angeschrieben, die wir gekannt haben. Durch Konferenzen, die wir offen gestaltet haben, sind immer mehr dazugekommen“, schildert Heigl. Auch diesen Sommer gibt es wieder eine Citizen Science-Konferenz – und zwar vom 26. bis 28. Juni in Obergurgl, die Uni Innsbruck ist maßgeblich an der Organisation beteiligt, im Prinzip ist jeder willkommen (Informationen und Programm auf der Webseite). Es zählt das Interesse.

Dieses ist auch Motivator für die inzwischen 100.000 bei den verschiedensten Projekten registrierten Amateure, um sich an der Forschung zu beteiligen. „Für viele ist es spannend, einen Einblick zu bekommen, wie Wissenschaft funktioniert und sie sehen, dass sie mit ihren Daten und ihrem Interesse an bestimmten Themen, wie beispielsweise der Vogelbeobachtung, ernst genommen werden“, weiß Florian Heigl.

Alle haben etwas davon

Im Endeffekt ist es eine Win-win-Situation: Denn vor allem, wenn es um die Datensammlung, z. B. in der Ökologie, geht, sind die Wissenschafter auf Mithilfe angewiesen. Allein wäre es gar nicht machbar, zu jeder Zeit an jedem Ort zu sein. In anderen Untersuchungen sind Laien aufgerufen, ihr Wissen und ihre Ideen einzubringen, manchmal werden sie auch in die Analyse der Ergebnisse einbezogen – wenn es etwa darum geht, Millionen von Bildern zu klassifizieren. Es ist ein Vorurteil, wenn man glaubt, dass Laien das schlechter machen als die „richtigen“ Forscher. „In sehr vielen Untersuchungen wurde die Datenerhebung von Laien und Professionalisten verglichen. Die Validität der Daten ist sehr ähnlich. Auch Wissenschafter machen Fehler“, sagt Heigl. Bei Citizen Science ist es jedenfalls ihre Aufgabe, die Laien bei Laune zu halten – etwa Rückfragen sofort zu beantworten, damit sie nicht abspringen.

Wie bei einem Verein bringen sich manche weniger, manche ehrgeizig ein. Am Schluss haben alle etwas davon. Denn der Projektfortschritt und die Ergebnisse können jederzeit auf der Homepage der Projekte mitverfolgt werden.

Projekte in Tirol

Tea Bag Index: Das AGES-Projekt ist eines der beliebtesten: Es geht darum, Teebeutel einzugraben und den Zersetzungsprozess zu beobachten. Damit will man den CO2-Kreislauf besser verstehen und Aufschluss über den Klimawandel gewinnen.

Roadkill: Das Roadkill-Projekt ist eines der Top-Projekte. Es geht darum, überfahrene Tiere zu fotografieren und auf einer Karte hochzuladen, um herauszufinden, wie stark einzelne Tierarten auf welchen Straßen betroffen sind.

Homegrown: Schüler des BG/BRG Lienz und Forscher untersuchen bäuerliche Hausgärten. Mit einem Citizen-Science-Modul sollen alle Osttiroler angesprochen werden, die nach Anleitung in ihren Gärten Erhebungen durchführen möchten.

Viel-Falter: Bei dem Projekt des Instituts für Ökologie der Uni Innsbruck können Schmetterling-Fans an vereinbarten Standorten teils stark gefährdete Tagfalter beobachten und bestimmen. Zur Einschulung werden auch Workshops angeboten.