Letztes Update am Di, 12.03.2019 16:29

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Internet

30 Jahre World-Wide-Web: Begründer warnt vor Missbrauch

WWW-Gründer Physiker Tim Berners-Lee warnt zum 30. Geburtstag: „Der Kampf für das Web ist eines der wichtigsten Anliegen unserer Zeit“

Tim Berners-Lee, der vor 30 Jahren den Grundstein für das World Wide Web lieferte, warnte bereits des Öfteren vor seinem Missbrauch.

© APA/AFPTim Berners-Lee, der vor 30 Jahren den Grundstein für das World Wide Web lieferte, warnte bereits des Öfteren vor seinem Missbrauch.



Genf – Vor 30 Jahren hat der britische Physiker Sir Tim Berners-Lee den Grundstein für das World Wide Web gelegt - heute warnt er vor dem Missbrauch seiner Erfindung. „Der Kampf für das Web ist eines der wichtigsten Anliegen unserer Zeit“ schrieb Berners-Lee am Montagabend in einem offenen Brief.

„Es wäre einfallslos anzunehmen, dass das Web in seiner heutigen Form in den nächsten 30 Jahren nicht zum Besseren verändert werden kann.“
Tim Berners-Lee

Am Dienstag nimmt er bei der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) in Genf an einer 30-Jahr-Feier teil. Berners-Lee (63) legte seine Pläne im März 1989 vor, als er am CERN arbeitete. „Angesichts der Artikel über den Missbrauch des Webs ist es verständlich, dass viele Leute sich sorgen und unsicher sind, ob das Web wirklich einen positiven Einfluss hat“, schrieb Berners-Lee. „Aber es wäre defätistisch und einfallslos anzunehmen, dass das Web in seiner heutigen Form in den nächsten 30 Jahren nicht zum Besseren verändert werden kann.“

Vage aber aufregend

Berners Lee hatte in seinem Aufsatz damals Ideen für einheitliche Standards zur Darstellung und Übertragung von Daten und die Vision eines universellen, verbundenen Informationssystems entworfen. „Vage, aber aufregend“ schrieb sein Vorgesetzter in einer handschriftlichen Notiz auf das Papier. Auf der Grundlage entwickelte Berners-Lee mit anderen Webpionieren die Grundlage für das World Wide Web. Es ist heute einer der bekanntesten Dienste für die Übertragung von Webseiten. Nicht zu verwechseln mit dem „Internet“: damit wird das weltweite Netz einzelner Computer-Netzwerke bezeichnet.

Heute sind fast vier Milliarden Menschen online, mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Es gibt rund zwei Milliarden Webseiten. Nur, weil CERN damals wie heute Forschung zum Nutzen aller betreibe und seine Software öffentlich zur Verfügung stellte, sei die Entwicklung überhaupt möglich gewesen, sagte Berners-Lee.

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Öffentliche Sicherheit vor Gewinn von Unternehmen

In einem offenen Brief warnte er vor Datenmissbrauch, Desinformationen, Hassreden und Zensur. Absichtlich verbreiteten böswilligen Inhalten könne mit Gesetzen und Computercode entgegengewirkt werden. Geschäftsmodelle, die die Weiterverbreitung von Falschinformationen fördern, könnten unterbunden werden. Das Gewinnstreben großer Firmen dürfe nicht auf Kosten von Menschenrechten, Demokratie, wissenschaftlichen Fakten und öffentlicher Sicherheit gehen.

Nutzer sollen ihre Daten selbst verwalten und nicht Konzernen wie Facebook oder Google überlassen müssen, findet Berners-Lee. Zu diesem Zweck hat er im Herbst 2018 sein Projekt Solid vorgestellt. Es ist eine Plattform, auf der Nutzer persönliche Informationen in eigenen Speicherbereichen verwalten und entscheiden können, wem sie Zugriff erlauben. Die Menschen wollten Apps, die sie nicht ausschnüffelten, schrieb er seinerzeit. Er könne aber nicht sagen, wann sich eine solche Anwendung durchsetze, meinte Berners-Lee. (APA/dpa)